Manchmal streicht sie die Stirnfransen aus dem Gesicht, berührt mit den Fingerspitzen die Schläfen und schliesst die Augen. Dann sieht sie das Haus, in dem sie wohnte. Die Mädchenschule, die sie besuchte. Den Garten, in dem das «gestellte» Foto entstand, das sie und ihre Schwestern beim Tee zeigt; allesamt in die Solothurner Werktagstracht eingekleidet, die ihre Mutter für den Besuch an der Landi 1939 extra nähen liess.

Sie sieht den «Green Boy», den Schwarzen, der in ihrer Strasse Gemüse verkaufte. Und Robben Island, die Gefängnisinsel, auf der Mandela später den Grossteil seiner 27 Jahre dauernden Gefangenschaft verbringen sollte.

Es sind vor allem Bilder, die Ruth Grossenbacher geblieben sind aus der Zeit in Südafrika. Einem Staat, der Weisse als würdig und Nichtweisse als unwürdig beurteilte. Eine Zeit auch, in der Weisse und Nichtweisse zwar nicht gemeinsam lebten, aber das Nebeneinander besser funktionierte als später in den Jahren der schweren Unruhen, als die unterdrückten Minderheiten vehement für die Freiheit kämpften.

Wenn die Erlinsbacherin sich erinnert, entstehen Bilder, die durch die unverändert vorhandenen Empfindungen des zehnjährigen Mädchens Ruth Schmid geschärft und mit dem Wissen der Ruth Grossenbacher-Schmid gedeutet werden.

Die Familie

«Vater zog 1921 nach Südafrika, um in Kapstadt für Bally zu arbeiten. Mutter kannte er damals schon; sie zog sieben Jahre später nach, worauf sie heirateten. Ich kam als jüngste von drei Töchtern 1936 zur Welt. 1939 reisten wir für die Landesausstellung in die Schweiz. Trotz Mobilmachung konnten wir das Land wieder verlassen, drei Tage nach dem Einrücken wurde Vater aus der Armee entlassen.

In Kapstadt hatten wir viel Besuch von Gästen aus den verschiedensten Ländern. Wegen der Sprache besuchten uns oft jüdische Immigranten aus Deutschland, die alles verloren hatten. Ich erinnere mich, dass meine Eltern Angst hatten um die Schweiz.»

Die Schwarzen

«Sie waren – halt einfach da. Wir hatten kaum Kontakt zu ihnen, hatten keine schwarzen Freunde oder Spielgefährten. Sie waren schon sichtbar, verkauften in der Strasse Gemüse, arbeiteten als Strassenwischer oder als Haushalthilfe. Auch bei uns arbeitete eine ‹Maid›. In der Fabrik machten die ‹Boys› die Putzarbeiten. Im Umgang mit den Schwarzen waren meine Eltern respektvoll, aber wir pflegten sonst keinen Kontakt zu ihnen.

Vater sagte oft: ‹Es ist nicht recht, dass die Schwarzen so wenig verdienen und für die Waren trotzdem gleich viel bezahlen müssen.› Ich erinnere mich an getrennte Sitzbänke in den Parks und getrennte Toiletten, aber ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das hätte mich als Kind beunruhigt. Zu Weihnachten kleideten sich die Schwarzen bunt und tanzten tagelang zu Musik durch die Strassen. Das war eine Attraktion. Zu Hause führten wir kaum politische Diskussionen. Meine Erinnerungen an die Kindheit sind gut und wurden durch die Apartheid nicht beeinträchtigt.»

Die Apartheid

«Die Regeln bezüglich Rassentrennung waren zu unserer Zeit nicht ganz so streng wie ab 1948, als Premierminister Malan an die Macht kam. Aber das Wort Apartheid war schon damals ein Begriff. Die Schwarzen lebten im District 6 und setzten sich im Bus von sich aus in die hintersten Reihen.

Ich habe nie einen Streit miterlebt zwischen Schwarzen und Weissen. Deren Verhältnis zeigte sich aber gut in einer Anekdote aus dem Schweizerklub, als ein Mitglied plötzlich nicht mehr erschien. Auf die Erklärung ‹jä weisch nid, dä het jetz e schwarzi Fründin!› reagierten einige geschockt.»

Die Rückkehr in die Schweiz

«Meine Eltern wollten nie in Südafrika alt werden. 1946 kehrten wir zurück, und Vater arbeitete in Schönenwerd bei Bally. Wir spürten den Krieg, kamen noch in die Rationierung mit den Märkli und trafen eine eher düstere Stimmung an. Wir hielten brieflich Kontakt zu Freunden in Kapstadt; die Apartheid war aber nicht das vordergründige Thema, das war damals der Zweite Weltkrieg. Dass ich selber unbewusst Menschen aufgrund der Hautfarbe unterschied, realisierte ich erst nach der Rückkehr in die Schweiz.

Schlüsselerlebnisse waren, als ich zum ersten Mal einen weissen Strassenwischer erblickte oder sah, wie Mitschüler barfuss gingen. Beides taten in unserem Umfeld in Kapstadt nur Schwarze. Das Thema Apartheid hat mich danach stark beschäftigt.

Ich empfand auch so etwas wie Schuldgefühle. Aber ich glaubte nicht, etwas gutmachen zu müssen; ich bin kein Gutmensch. Dennoch sage ich rückblickend, dass die Apartheid mich für Gerechtigkeit sensibilisierte, indem ich mich später für Minderheiten und für Gleichstellung einzusetzen begann.»

Wahlbeobachtung 1994

«Die Schweiz hatte der UNO versprochen, 100 Wahlhelfer zu entsenden. Infrage kamen Mitglieder des Parlaments und Leute aus der Verwaltung, und nach einem Gespräch mit Bundesrat Flavio Cotti stand fest, dass ich dabei sein würde.

In Johannesburg fand zuerst eine Schulung durch die UNO statt, an der auch Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk teilnahm. Ich hoffte, nach Kapstadt zu kommen, war aber für Kwa Zulu Natal in der Region Durban vorgesehen. Später war ich froh darüber, denn ausserhalb der Metropolen erlebte ich viel verrücktere Sachen.

Ich bildete ein Duo mit einem Malaysier, wir hatten einen Chauffeur und wurden mit einem UNO-Kittel ausgestattet. Beeindruckend war, dass im Vorfeld am TV ökumenische Gottesdienste übertragen wurden, in denen die Menschen für friedliche Wahlen beteten. Bei der Ankunft im Hotel in Durban erblickte ich hinter der Theke Weisse und Schwarze, die gemeinsam arbeiteten. Da dachte ich, im positiven Sinn: Jetzt ists passiert! Dieses Bild sehe ich noch gut vor mir.

Die Tage der Wahl waren von Respekt und Würde geprägt, denn die Menschen stellten sich bei grosser Hitze in die langen Warteschlangen. Auffallend war, wie sie sich dafür herausgeputzt hatten. Dass vielen Menschen der demokratische Gedanke gänzlich fehlte, erlebten wir in einem Gefängnis, in dem ein Häftling partout nicht von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wollte. Er fragte: ‹Wie soll ich wählen, wenn mir der Dorfälteste nicht sagen kann, wen ich wählen muss?›»

Nelson Mandela

«Ich nahm seine Existenz erstmals gegen Ende der 1970er-Jahre wahr und empfand seine Gefangenschaft als ungerecht. Begegnet bin ich ihm nie. Sein grosser Trumpf war die Glaubwürdigkeit. Ich hatte nie das Gefühl, er spiele eine Rolle.

Er war echt und hatte Charisma. Südafrika ist haarscharf an einem Bürgerkrieg vorbeigeschrammt, es hätte auch so laufen können wie in Ex-Jugoslawien. Das ist nicht allein Mandelas Verdienst, aber seine Fähigkeit zur Versöhnung war ein entscheidender Faktor. Man muss ihn nicht heiligsprechen, aber ohne Mandela …»

heute

«Das Land ist noch immer ein Pulverfass. Viele dachten nach den Wahlen 1994, dass es mit der Demokratie schnell gehen würde. Aber das braucht Generationen. Es ist vor allem eine Frage der Bildungschancen.

1994 war der Aufbruch zu einem langen, schmerzvollen Weg, auf dem alle Südafrikaner Verantwortung tragen. Respekt und Nächstenliebe sind für mich das Wichtigste. Ich hoffe, Mandelas Geist wird weitergetragen.»