Hochwasserschutz Emme
Als ob im einstigen Naherholungsgebiet eine Bombe eingeschlagen hätte

Bei der Papieri Biberist laufen die Rodungsarbeiten im Rahmen des Projekts «Hochwasserschutz und Revitalisierung Emme». Bis Ende 2017 werden mehrere Deponien saniert und ab 2018 ist dann der Umbau des Flussbetts dran.

Hans Peter Schläfli
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Rodung an der Emme in Biberist: Schweres Gerät wird in Biberist für die Rodung zwischen der Emme und dem Kanal verwendet
13 Bilder
Industrieholz wird auf dem Gelände der ehemaligen Kläranlage gelagert
Rodung an der Emme in Biberist
Roger Dürrenmatt zeigt das Gebiet der Klärschlamm Deponien
Roger Dürrenmatt erklärt den Verlauf der Rodung.
Hier stand bis vor Kurzem die Kläranlage der Papierfabrik, jetzt wird hier Industrieholz zwischengelagert.
Eichhörnchen spielen auf den gefällten Baumstämmen
Der Krach der monströsen Maschinen scheint sie nicht zu stören
Mit dem Holz werden Holzschnitzel gemacht.
Der Kanal soll so bleiben wie er ist.
Zu sehen ist noch der Gleisanschluss auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik. Hier wird Aushubmaterial gesammelt für den Verlad auf Bahnwagen. Das Geröll ist von einer Mauer, die früher hier gestanden hat.
Roger Dürrenmatt
Dieser Waldweg wird höchst wahrscheinlich verlegt.

Rodung an der Emme in Biberist: Schweres Gerät wird in Biberist für die Rodung zwischen der Emme und dem Kanal verwendet

Hansjörg Sahli

Drei schwarze und drei fuchsrote Eichhörnchen spielen vergnügt auf einem Holzstapel. Der Krach der monströsen Maschine, die da gerade die gefällten Bäume aus dem Dickicht beim Biberister Schwarzweg schleppt, scheint diese Grossfamilie nicht weiter zu stören. Dafür liegen ja jetzt die Tannzapfen und Haselnüsse im Überfluss herum.

Hansjörg Sahli

Hinter der früheren Papierfabrik ist für die flinken Tierchen auf der frisch gerodeten Fläche zwischen der Emme und dem Kanal ein Selbstbedienungsbüffet entstanden. «Die Eichhörnchen sind sehr flexibel, die werden sich einige hundert Meter weiter einen neuen Kobel bauen», sagt Roger Dürrenmatt, der als Leiter Hochwasserschutz vom Amt für Umwelt die Verantwortung für diese Arbeiten trägt.

Es sieht aus, als hätte eine Bombe ins einstige Naherholungsgebiet eingeschlagen. Seit zwei Wochen wird hier der alte Uferwald kahlgerodet. Was auf den ersten Blick wie eine ökologische Todsünde aussieht, soll langfristig die Natur in den untersten fünf Kilometern der Emme bis zu ihrer Mündung in die Aare aufwerten.

Mit dem Ziel, mehr Sicherheit, mehr Artenvielfalt und mehr Naherholungsraum für die ganze Region zu schaffen, werden drei Deponien saniert und das Flussbett der Emme verbreitert.

Altlasten aus der Welt schaffen

Die Hochwasser der Jahre 2005 und 2007 hatten das Problem deutlich aufgezeigt. Kurz gesagt: Die Emme braucht hier mehr Platz. Zudem bezeichnet das Amt für Umwelt die harten Uferverbauungen und Querschwellen als «ökologisches Defizit». Mit der Sanierung der Bioschlammbecken in Biberist und der beiden Kehrichtdeponien in Derendingen und Zuchwil werden Altlasten aus der Welt geschafft, die bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts dort recht gedankenlos zurückgelassen wurden.

Plötzlich stoppt der Fahrer der Fulenbacher Ehrenbolger und Suter AG seine Maschine. Obwohl der Schwarzweg mit Schildern abgesperrt ist, die man nun wirklich nicht übersehen kann, nähert sich ein Velo. Der Waldarbeiter wartet gelassen, bis sich die junge Frau an seiner Holzerntemaschine vorbeigezwängt hat. «Die Männer, die hier arbeiten, sind routiniert und wissen, dass sie mit jedem Leichtsinn der Passanten rechnen müssen», sagt Dürrenmatt. «Der Kanton hat zwar für allen Arten von Unfällen eine Versicherung abgeschlossen. Trotzdem wäre es natürlich besser, wenn die Spaziergänger und die Sportler bis zum Abschluss der Arbeiten den Schwarzweg vermeiden würden.»

Roger Dürrenmatt

Roger Dürrenmatt

Hansjörg Sahli

Die radikale Rodung sei nicht zu vermeiden, um mit den schweren Maschinen an die drei alten Deponien heranzukommen, die saniert werden müssen, erklärt Dürrenmatt. «Etwa fünf Jahre muss man danach der Natur Zeit lassen, bis die Narben verheilt sind und wir hier eine schöne Landschaft sehen.»

Die Arbeiten im oberen Abschnitt, von der Kantonsgrenze bis zum Wehr Biberist, wurden Mitte 2012 abgeschlossen. «Die intensiven Regenereignisse im Juli und August 2014 zeigten bereits, dass sich der Hochwasserschutz bewährt», meint Roger Dürrenast. Bis 850 m3 pro Sekunde wird die Emme in Zukunft dank der Entlastungskorridore bewältigen können, in welche das Hochwasser ausweichen kann. So hofft man, dass auch bei einem Jahrhunderthochwasser in den Siedlungen keine grösseren Schäden entstehen.

2018 kommt das Flussbett dran

Von der früheren Abwasserreinigungsanlage der Papierfabrik ist bereits nichts mehr zu sehen. Jetzt sind die alten Becken mit Bioschlamm an der Reihe. «Der Schlamm muss entwässert werden, dann kann er in der Zementindustrie verwertet werden», sagt der Leiter Hochwasserschutz des Amtes für Umwelt. «Es wird dafür keine Sondermülldeponie brauchen.»

Bei den Gruben Schwarzweg in Derendingen und Rüti in Zuchwil hätten die Sondierungen gezeigt, dass auch dort kein gefährlicher Abfall zu erwarten ist, erklärt Dürrenmatt. «Es war üblich, dass man den Abfall in ehemaligen Kiesgruben deponierte. Man wusste es nicht besser. Deshalb darf man niemandem einen Vorwurf machen. Ob die Leute in 50 oder 100 Jahren unsere heutigen Kehrichtverbrennungsanlagen noch gut finden werden, wissen wir ja auch nicht wirklich.»

Bis Ende 2017 sollten die drei Deponien saniert sein. Ab Sommer 2018 wird das Flussbett umgebaut und ab 2019 ist dann die Auenlandschaft beim Emmenspitz in Luterbach an der Reihe. «Die Gruben werden nicht wieder aufgefüllt», sagt Roger Dürrenmatt. «Dank diesen Überflutungsflächen wird wieder eine Auenlandschaft mit grosser biologischer Vielfalt entstehen, wie man sie früher hier kannte.»

Bis 850 m3 Wasser pro Sekunde wird die Emme in Zukunft dank der Entlastungskorridore bewältigen können. So hofft man, dass auch bei einem Jahrhunderthochwasser keine grösseren Schäden in den Siedlungen entstehen.