Auf einen Kaffee mit...

«Als kleines Mädchen fand ich Jodeln schrecklich»

Kathrin Henkel auf der Terrasse eines Cafés in Grenchen.

Kathrin Henkel auf der Terrasse eines Cafés in Grenchen.

Kathrin Henkel ist Jodlerin, Dirigentin und Jurymitglied im eidgenössischen Verband. Die Welt der heute 50-jährigen Grenchnerin bestand früher aber aus Schlager.

«Warum jodeln Sie eigentlich?» Kathrin Henkel lacht herzhaft über die Frage und sagt: «Als kleines Mädchen wollte ich das auch gar nie. Ich fand es schrecklich. Schlager singen, das war meine Welt.» Doch heute ist die 50-jährige Grenchnerin eine erfolgreiche Solojodlerin. Zudem Kurschefin Kader des Bernisch-Kantonalen Jodlerverbandes, Präsidentin Fachkommission Jodelgesang des eidgenössischen Verbandes sowie deren Jurymitglied, und sie leitet seit Jahrzehnten die Jodlerklubs Bettlach und Leuzigen.

Zum Jodeln gekommen sei sie, weil sie als 16-jährige Mädchen für einen Jodler geschwärmt hat, ein Mitglied des Jodlerklubs Bettlach. Mit ihren beiden Klubs tritt Kathrin Henkel am nächsten Wochenende am eidgenössischen Jodlerfest in Davos auf, ferner mit einem Terzett und sie wird als Expertin amten.

Wo bleibt das Lächeln?

Nun existieren ja für die Jodellieder keine so exakten Vorgaben in Form von Noten bzw. Partituren, wie das bei einem Kirchenchor oder einem Musikverein der Fall ist. Wie soll man da einen Vortrag beurteilen? «Es darf uns Experten beim Zuhören nie langweilig werden», sagt Kathrin Henkel. «Der Vortrag muss gestaltet sein mit leisen und kräftig gesungenen Stellen.

Und diese wiederum müssen dem Liedtext entsprechen. Es darf also nicht sein, dass zum Beispiel laut vom leisen Erwachen des Tages gesungen wird.» Das tönt nachvollziehbar.

Aber wie passt es denn, wenn Jodlerinnen und Jodler etwa vom fröhlichen Landleben singen, dabei aber eine saure Miene machen? «So schlimm ist es schon nicht», hält die Jodlerin entgegen. «Aber es ist tatsächlich ein altes Problem. Wir kennen es und wir versuchen auch stets, dagegen anzukommen. Aber es sind halt alle ernst und voll konzentriert bei der Sache, wollen nichts falsch machen.»

Die Sache mit der Tradition

Heisst das, die Leute sind sich zu wenig sicher? «Da muss ich ein wenig ausholen», sagt Kathrin Henkel und nimmt einen Schluck Kaffee. «Jodlerklubs singen grundsätzlich auswendig auf der Bühne. Sie haben nie Noten vor sich und auch keinen Dirigenten, der einen Einsatz gibt oder mit Händen und Mimik führt. Als Dirigentin muss ich mich beim Auftritt in die Reihen des Klubs einfügen, darf keinerlei Zeichen geben, obwohl es mich manchmal juckt.» Wenn man aber weiss, wie wichtig die Funktion des Dirigenten ist, warum ändert man es dann nicht? «Von mir aus gerne», gibt Kathrin Henkel sofort zu. «Aber so ist es nun mal. Das ist Tradition.»

Apropos Tradition: Manchmal hat man den Eindruck, die Jodlerszene übertreibe in dieser Hinsicht. Man weigere sich, Neues zuzulassen, besinge immer nur die heile Welt. Jetzt wird Kathrin Henkel energisch: «Das sagen jene Leute, die mit dem Jodelgesang nichts anfangen können. Schade. Die sollten halt einmal an ein Jodlerfest gehen und sich dort auf die Atmosphäre einlassen, die nun wirklich kaum jemanden kalt lässt. Und schliesslich: Warum muss man partout etwas umkrempeln, das schlicht und einfach schön ist und Freude macht?» – Ja, warum eigentlich?

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