Knochenarbeit
Als Hostess an der Baselworld: Ein Blick hinter die Glitzerfassade

Die Praktikantin der Solothurner Zeitung leistet an der Uhren- und Schmuckmesse als Hostess für eine Bieler Uhrenfirma Knochenarbeit.

Caroline Beck
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Bereits zum fünften Mal arbeitet Caroline Beck als Hostess für eine Bieler Uhrenfirma an der Baselworld.Nils Hänggi

Bereits zum fünften Mal arbeitet Caroline Beck als Hostess für eine Bieler Uhrenfirma an der Baselworld.Nils Hänggi

Nils Hänggi

10 Uhr, Bestellung 534, Zimmer elf, vier Champagner. Die Einkäufer der skandinavischen Länder beginnen immer relativ früh, ihre Verkaufsabschlüsse mit Prickelwasser zu feiern, und die Belgier warten stets auf Nachschub des Kleingebäcks «Luxemburgerli». Zurück auf 8 Uhr: Mit weisser Bluse, schwarzem Rock und einem schicken Foulard um den Hals stolziere ich durch die Messehalle Basel. Denn: Für mich ist wieder Messezeit. Die schweineteure Uhr am Handgelenk ist aber ein Indiz dafür, dass es nicht irgendeine Messe ist. Es ist Baselworld – die weltgrösste Schmuck- und Uhrenmesse, die bereits ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert.

Rolex, Hublot und Bulgari, die pompösen Messestände – fast schon Messehäuser – glitzern und glänzen aus allen Ecken. Mit meinen Highheels stöckle ich an den Securitas-Männern und -Frauen am Empfang vorbei. Meinen Badge brauchen sie nicht zu sehen. Sie kennen mich. Denn ich bin, 23-jährig, bereits seit fünf Jahren Hostess für eine Bieler Uhrenmarke. Ich höre bereits das Bimmeln des Computers aus der kleinen Küche im ersten Stock. Da will wohl ein Jemand seinen ersten morgendlichen Kaffee. Meine erste Amtshandlung ist aber immer dieselbe: Raus aus den Stöckelschuhen, rein in die Ballerinas. Die Stöckelschuhe sind nur zu Prestigezwecken gedacht – ein bisschen Schein muss sein. Denn ich habe Glück und muss nicht wie andere Hostessen den ganzen Tag auf den Killerabsätzen verbringen und mich von Tausenden Menschen bestaunen lassen.

Wenn die volle Stunde schlägt

Kurz vor 9 Uhr. Mittlerweile sind auch meine zwei Arbeitskolleginnen eingetroffen. Im Ganzen sind wir rund zwölf Hostessen, verteilt auf drei Etagen. Mehrheitlich ein Team, das sich seit Jahren kennt. Dann geht das Gebimmel richtig los. Drei Kaffees, vier Espressi und sieben stille Wasser für Zimmer 14, ruft es hinter dem Kühlschrank hervor. Und einen Orangensaft, zwei Schweppes Tonic und zwei Tees für Zimmer 10, der Raum für die Bijouterie.

In den unterschiedlichsten Sprachen begrüssen jeweils die Brandmanager der verschiedenen Länder, alias Verkäufer, die Kunden – Besitzer, Händler oder Geschäftsleiter von Schmuck- und Uhrengeschäften. Im Stundentakt kommen die Gäste aus aller Welt und lassen sich die neusten Kollektionen zeigen, neun Stunden am Tag, sieben Tage am Stück. Die Zeit nach den Bestellungen und während der Kundentermine ist für uns Hostessen eher ruhig. Es gilt dann: Abwaschen, Vorbereiten, Klatschen und Tratschen. Auch bleibt die Zeit für eine kleine Auffrischung von Lippenstift und Nagellack, Selfies oder das Erledigen von Hausaufgaben für das Studium.

Es kommt ein Belgier um die Ecke und guckt in die Küche. Er umarmt meine Kolleginnen und mich herzlich. Der charmante Verkäufer bringt uns alle Jahre wieder belgische Schokolade und freut sich über das Wiedersehen, wie viele andere auch. Und auch die Delegation der Deutschen bedankt sich jeweils am Ende der Messe mit einem kleinen finanziellen Zustupf. Unsere Arbeit sei für sie nicht zu unterschätzen. Als Gegenleistung dürfen sie dafür immer ein kühles Feierabendbier erwarten.

Ein kollegialer Umgang zwischen Hostessen und Festangestellten ist nicht bei jeder Marke selbstverständlich. Und so sind wir beim obligaten Firmenfest, Abendessen und nächtlichen Clubtreiben mit von der Partie. Bei Einladungen von Fremden ist aber Vorsicht geboten. Nicht wenige Männer sind während der Baselworld auf der Suche nach hübschen Begleitungen für eine Nacht. Auch ich bin vor ein paar Jahren mit meinen Kolleginnen in der falschen Bar gelandet und prompt von Asiaten missverstanden worden. Es war unser erstes und letztes Mal in dieser Bar.

Wenn Champagnergläser fliegen

Ohne Sonne, versteckt in den Messegebäuden, verfliegen die Stunden wie im Nu. Dass Mittagszeit herrscht, bemerkt man nur daran, dass die Mitarbeitenden in der kleinen Küche verstohlen nach Häppchen suchen. Zeit für eine Pause bleibt ihnen kaum, weil sie einem straffen Zeitplan unterliegen. Die nächsten Kunden kommen. Im ersten Stock sind vor allem die Europäer zu finden, im oberen Geschoss die Asiaten.

Diese begnügen sich – im Gegensatz zu den Skandinaviern – meist mit einem Tässchen Tee respektive Tässchen heissem Wasser. Was vielleicht auch gut ist, denn: In meinen Anfangszeiten sind mir auch schon die Champagnergläser vor dem offenen Zimmer des Vizepräsidenten – besetzt mit Gästen – im hohen Bogen vom Tablett geflogen. Vielleicht bin ich, die hochgewachsene Blondine, mittlerweile auch dadurch in Erinnerung geblieben. Nach dem Mittag herrscht noch einmal Hochbetrieb in den rund dreissig Sälen.

Im späteren Nachmittag wird es ruhiger. Die Bestellungen lassen nach und auch der Trubel im Flur nimmt ab. Weniger Kunden, weniger Medienleute und der Feierabend in Sichtweite. Die Gelegenheit, um sich kurz in der Messehalle umzusehen, Neuigkeiten zu bestaunen und hie und da ein Werbegeschenk abzustauben. Die Messehalle leert sich und unsere Bar im Erdgeschoss des Messestandes füllt sich. Es fliesst Champagner – flaschenweise – zum Anstossen auf den erfolgreichen Messetag und die generierten Aufträge. Nur noch Zimmer aufräumen, Küche putzen und dann sitzen auch wir, die Hostessen, unten an der Bar und geniessen unser verdientes Glas Prickelwasser – wohl nicht das letzte.

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