Bildung
Als die Bezirksschule noch die einzige Alternative zur Oberschule war

Der pensionierte Bez-Lehrer Otto Herzig erinnert an die fast 200-jährige Geschichte der Bezirksschule im Kanton Solothurn. Wo die erste Bez 1815 gegründet wurde und warum sie lange Zeit als die Hochschule des Volkes galten.

Elisabeth Seifert
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Das neue eingeweihte Bezirksschulhaus 1910 in Balsthal.

Das neue eingeweihte Bezirksschulhaus 1910 in Balsthal.

Noch jetzt, im achten Jahr seiner Pensionierung, spürt man ihm die Leidenschaft für den Lehrerberuf an. «Es ist mir damals sehr schwer gefallen, die Schule zu verlassen», sagt Otto Herzig. Das war 2005. 1966 hatte er seine Laufbahn gestartet, an der «Kümmerbezirksschule» in Lostorf, wie er sich schalkhaft ausdrückt. Den Spitznamen erhielt die Schule nicht etwa, weil sie intellektuell verkümmert gewesen wäre. Vielmehr verhinderte der damals noch stark spürbare «Dörfli-Geist», dass alle Gemeinden des ohnedies schon kleinen Schulkreises ihre Schüler nach Lostorf schickten. Anfang der 70er-Jahre wurde dann die Kreisschule Mittelgösgen gegründet. Dieser hielt Otto Herzig als Bezirkslehrer für Deutsch, Französisch, Geschichte und Englisch ein Lehrerleben lang die Treue.

«Bez kommt nicht schlecht weg»

Der heute 73-Jährige redet sich ins Feuer, wenn er von seinem Unterricht erzählt. «Es hat mich immer fasziniert, jungen Menschen etwas beizubringen.» «Vor allem war es für mich ausserordentlich wichtig, so zu unterrichten, dass die Schüler wirklich etwas lernen.» Auch jetzt interessieren ihn die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Lernpsychologie.

Zudem beobachtet der Vollblutpädagoge die aktuellen Entwicklungen im Bildungswesen. Ist er da nicht etwas traurig, dass «seine» Bez mit dem Ende des Schuljahres endgültig der Vergangenheit angehört? «Die Bezirksschule kommt nicht schlecht weg mit der Reform auf der Sekundarstufe I», meint er. «Ein Stück weit lebt sie in der Sek E weiter.» Zudem freut ihn die Gründung der Sek P und dass seine Bezirkslehrerkollegen auch an dieser unterrichten. «Es war mir immer ein Anliegen, dass der mittelschul-vorbereitende Unterricht an der Volksschule stattfindet.»

Als Jugendlicher hatte er selber nie die Bezirksschule besucht. Der begabte Schüler war in den 50er-Jahren in Lostorf einer der ganz wenigen Primarschüler seines Jahrgangs, die nach der fünften oder sechsten Klasse ans Langzeitgymnasium wechselten. «Es waren vor allem Kinder von Akademikern, die damals das Langzeitgymnasium besuchten», erinnert er sich. Er selber, Sprössling einer Arbeiterfamilie, hatte es zwar ebenfalls ans Gymnasium geschafft. «Es hat mich aber immer gestört, dass der Weg bis zur gymnasialen Matur für lange Zeit insbesondere privilegierten Schichten vorbehalten war.»

Und tatsächlich: Erst ab dem Schuljahr 1968/69 konnten entsprechend gute Bezirksschüler nach der zweiten Klasse in die Maturitätslehrgänge eintreten. Zunächst in die mathematisch-naturwissenschaftlich geprägte Oberrealschule und in den Folgejahren dann in weitere Maturitätstypen.

1815: Gründung der ersten Bez

Die Anfänge der Bezirksschule im Kanton Solothurn, deren Geschichte bislang wenig erforscht ist, reichen weit ins 19. Jh. zurück. 1815 bereits wurde in Olten und 1818 in Solothurn die erste Bezirksschule im Sinn einer gehobenen Volksschule gegründet. Das war noch vor dem Primarschulgesetz von 1832, das kantonweit den Schulbesuch für Knaben und Mädchen während fünfeinhalb Jahren für obligatorisch erklärte. Mit dem Bezirksschulgesetz von 1837 verfolgten die Behörden dann die Idee, in jedem Bezirk mindestens eine solch weiterführende Schule zu schaffen. Bis es allerdings so weit war, dauerte es eine gewisse Zeit. Bereits 1833 war in Solothurn das Langzeitgymnasium gegründet worden.

Der Zweck der Bezirksschule, die bis ins 20. Jh. hinein vor allem von Knaben besucht worden war, bestand darin, auf anspruchsvollere Berufe vorzubereiten. Neben Berufslehren stand Bezirksschülern auch der Weg an höhere Bildungsinstitutionen offen, etwa das Lehrerseminar oder die Handelsschule, die für kaufmännische Berufe sowie den Verwaltungs- und Verkehrsdienst qualifizierte.

«Die Bezirksschulen hatten in den Dörfern einen sehr guten Namen», weiss Otto Herzig. Auch die Bezirksschule in seiner Heimatgemeinde Lostorf, die 1927 gegründete worden war. «Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden die Bezirksschulen als Hochschule des Volkes betrachtet.» Der Stolz vieler Primarschullehrer bestand darin, möglichst viele ihrer Schüler in die Bez zu bringen. «Auch an der Primarschule in Lostorf war es ein feierlicher Akt, wenn nach der Aufnahmeprüfung jene Schüler verlesen wurden, die an die Bez kamen.» Bis 1958, als kantonsweit Sekundarschulen gegründet wurden, bildete die Bez die einzige Alternative zur Oberschule.

«Wir lebten mit der Schule»

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernahmen die Bezirksschulen parallel zu den unteren Klassen des Gymnasiums sukzessive einen Teil des mittelschul-vorbereitenden Unterrichts. Dies bedeutete die Schaffung zusätzlicher Unterrichtseinheiten, die jene Schüler besuchen mussten, die später ans Gymi wollten. Herzig: «Ich konnte als Lehrer mit diesen Sonderzüglein nie wirklich etwas anfangen.

Seiner Freude an der Schule tat dies keinen Abbruch. Zu seinem Selbstverständnis als Lehrer gehörte dabei mehr, als «nur» zu unterrichten. «Wir lebten in der Schule miteinander.» Dies bedeutete etwa gelegentliche Einladungen der Schüler zu sich nach Hause, aber auch die Pflege der Mittelgösger Schulmusical-Tradition oder das knochenharte Einüben eines grossen Balladen-Abends. «Ich habe den Eindruck, dass den heutigen Schulen aufgrund der zunehmenden administrativen Belastung der Gestaltungsfreiraum für solch prägende Erlebnisse abhanden kommt», sagt er nachdenklich.