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Als der Staat sich das Recht nahm: Der Kulturkampf im Kanton Solothurn

Die Historiker und Buchautoren Josef Lang (l.) und Primin Meier.

Die Historiker und Buchautoren Josef Lang (l.) und Primin Meier.

Josef Lang und Pirmin Meier beleuchten die düsteren Zeiten des Kulturkampfes im Kanton Solothurn.

Der Kulturkampf: Jahrzehntelang erschütterte der Zwist zwischen Staat und katholischer Kirche das Land – besonders stark auch den Kanton Solothurn. Kein Wunder deshalb, dass möglicherweise sogar auch der Begriff «Kulturkampf» in Solothurn «erfunden» worden ist.

Jedenfalls sei die Formulierung erstmals in einer Besprechung eines Buches zu finden, das 1840 in Solothurn gedruckt worden ist. Dies ist nur eine von zahllosen Reminiszenzen, die an einer Veranstaltung des Historischen Vereins des Kantons Solothurn am Donnerstagabend zu hören waren. Die beiden Historiker Josef Jo Lang (Bern) und Pirmin Meier (Beromünster) gaben in der Solothurner Zentralbibliothek viele Einblicke in ihr gemeinsames neues Buch «Kulturkampf: Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute».

Land und Leute gespalten

Dass ein solches Gespräch heute in einer völlig entspannten Atmosphäre geführt werden könne, «wäre vor 100, 150 Jahren nicht denkbar gewesen», führte Moderator Urban Fink in das Thema ein. Ein Thema, das noch bis weit ins 20. Jahrhundert nachgewirkt habe.

Dies bestätigten auch die locker abwechselnden Beiträge der beiden Historiker. Meier erinnerte daran, dass der Kulturkampf Land und Leute gespalten habe: «Der Streit ging weit über die Politik hinaus: Beizen, Vereine, alles war betroffen.» Und: «Es gab damals auch nicht nur einen Freisinn, sondern mehrere, in allen Schattierungen.»

Meier und Lang waren sich darin einig, dass der Kulturkampf kein Konfessionskrieg gewesen sei, sondern primär ein innerkatholischer Kampf. Lang: «Der Kulturkampf begann bereits mit der Aufklärung. Mit der grossen Auseinandersetzung über die Frage, was die Quelle der Wahrheit und des Wissens ist. Man machte der katholischen Kirche ihren Anspruch auf die alleinige Wahrheit streitig.» Es sei ein Kampf zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung gewesen – nicht zwischen Katholiken und Protestanten.

«Eine Auseinandersetzung zwischen dem Materialismus und der Spiritualität» sieht Meier im Kulturkampf: «Kein Wunder, dass sich in dieser Zeit die ‹Wunder› und angebliche Erscheinungen gehäuft haben – von Lourdes bis Fatima.»

Weg frei für die Entwicklung

Die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz – mit Industrialisierung und Eisenbahnbau – hätte nicht stattfinden können, «wenn der Kantönligeist nicht hätte überwunden werden können», zeigte sich Pirmin Meier überzeugt. Er verwies auf Franz Carl Bally. Der Begründer der Bally-Werke in Schönenwerd war einer der Mitbegründer der Christkatholischen Kirche und «ärgerte sich über die vielen unsinnigen katholischen Feiertage», die es im protestantischen Nachbarkanton Aargau nicht gab.

Der Bundesstaat sei nicht gegründet worden, um einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu Schaffen, hielt dem Lang entgegen: «Das sieht mein Kollege Pirmin Meier marxistischer als ich», spottete der frühere Grünen-Nationalrat und Mitbegründer der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee.

Der Solothurner Freisinn sei «immer etwas linker und etwas etatistischer» gewesen als der Schweizer Freisinn, schlug Lang den Bogen zur Gegenwart. Bei den Regierungsratswahlen vom letzten Wochenende habe sich gezeigt: «Der Solothurner Freisinn kann sich neoliberalen Freisinn weniger leisten als der Zürcher Freisinn.» Und an die Adresse des anwesenden Solothurner Stadtpräsidenten und FDP-Nationalrats Kurt Fluri sagte der ehemalige Zuger Nationalrat: «Wenn die Solothurner FDP mehr auf Dich gehört hätte, dann wäre er wohl in den letzten Jahren erfolgreicher gewesen.»

1963 ein letzter «Ausläufer»

Als den allerletzten Kulturkampf-Ausläufer bezeichnete Lang die Regierungs-Ersatzwahlen von 1963, als die Freisinnigen einen letzten Anlauf unternommen hätten, ihre einstige Mehrheit in der Regierung zurückzugewinnen. Dies wurde aber von der damaligen Rot-Schwarzen Koalition von SP und CVP verhindert. Allen voran habe der Oltner CVP-Nationalrat Leo Schürmann gegen den «Gelben» Machtanspruch geweibelt.

Prompt sei dann nicht FDP-Kandidat Alfred Wyser in die Regierung gewählt worden (3 Jahre später schaffte er es), sondern SP-Vertreter Willi Ritschard. «Die Ironie der Geschichte war aber, dass die Bundesversammlung 10 Jahre später nicht Leo Schürmann, sondern Willi Ritschard in den Bundesrat gewählt hat.»

Parallelen zu heute?

Das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten war in den Zeiten des Kulturkampfes etwa so, «wie heute zwischen Christen und einer anderen Religion», waren sich die beiden Historiker einig. Im Zuge des Kulturkampfs sei 1874 die geistliche Gerichtsbarkeit verboten worden, antwortete Lang auf die Frage nach Lehren aus der damaligen Zeit für die Gegenwart.

«Heute müssten sich der liberale Bundesstaat und die Kantone für die Ausbildung der Imame und Mullahs kümmern, um den Einfluss von Riad zu unterbrechen», meinte Lang mit Blick auf den einseitigen Einfluss Saudi-Arabiens auf die Ausbildung islamischer Geistlicher.

Kulturkampf - Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute. Josef Lang, Pirmin Meier, 2016, Verlag Hier und Jetzt, Baden. Im Buchhandel erhältlich für 39 Franken.

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