Anekdoten
Alles Gute zum Geburtstag, Peter Bichsel

Am Dienstag wird der Solothurner Schriftsteller 80-jährig. Wir befragten Bekannte von ihm über ihn – ganz persönlich. Michael Guldimann, OK-Präsident des Weissenstein-Schwingets, erinnert sich an drei Erlebnisse mit Peter Bichsel.

Michael Guldimann
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Am Dienstag wird der Solothurner Schriftsteller 80-jährig.

Am Dienstag wird der Solothurner Schriftsteller 80-jährig.

Keystone

Michael Guldimann, OK-Präsident des Weissenstein-Schwingets, erinnert sich an philosophische und aufs Schwingen bezogene Gespräche mit Peter Bichsel.

Michael Guldimann

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Peter Bichsel besucht seit x Jahren alljährlich den Weissenstein-Schwinget. Ich habe den Eindruck, dass er diesen Tag jeweils sehr geniesst und sich richtig wohlfühlt «ufem Bärg». Dazu gehören immer auch ein Kaffee-Lutz und ein Stumpen. Auch sonst verfolgt er den Schwingsport während des ganzen Jahres sehr intensiv und ist an verschiedenen Schwingfesten als Zuschauer anzutreffen. Er ist ein Kenner der Szene.

2004 hatte ich eine Bieridee und fragte Peter, ob er ein paar Zeilen «Gedanken zum Schwingen» für unseren Festführer schreiben könne. Er sagte spontan zu und schrieb ein paar Zeilen nieder (siehe Text unten). Daraus ist im Verlaufe der Jahre eine schöne Tradition geworden. Alljährlich haben sich Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Tourismus oder Sport bereit erklärt und ein paar Zeilen geschrieben.

2009 drehte Eric Bergkraut den Film «Peter Bichsel in Paris, Zimmer 202». Bei den Dreharbeiten hat der Regisseur mitbekommen, das sich Bichsel fürs Schwingen interessiert. Da er dies wohl nicht erwartet hatte, nahm er das Thema auf und begleitete ihn mit einem Kamera-Team ans Schwingfest auf den Weissenstein. Peter Bichsel musste in Oberdorf mehre Male auf den altehrwürdigen Sessellift aufsteigen, bis die Szene endlich im Kasten war. Oben angekommen, hatte es dermassen Nebel, dass man die eigene Hand vor dem Gesicht kaum sehen konnte. Das Anschwingen wurde um eine Stunde verschoben, weil man von den Zuschauerplätzen nicht bis auf den Schwingplatz sah. Den ganzen Tag wurden Filmaufnahmen gemacht. Schliesslich begann der Film «Die Reise nach Paris» mit einem mehrminütigen Abstecher an den Weissenstein-Schwinget.

Etwa 2002 war Peter Bichsel am Apéro der Ehrengäste. Zugegen war auch der Schwingerkönig von 1972, David Roschi aus Diemtigen, in Begleitung eines Freundes. Roschi sagte zu seinem Begleiter in seinem unverwechselbaren Oberländer-Dialekt: «Der dört äne gseht us fascht wie Schriftsteller Bixel.» Dieser antwortete: «Das isch dänk dr Bixel.» Darauf kamen die beiden mit Bichsel ins Gespräch. Für den Schriftsteller war natürlich David Roschi ein Begriff. Und er konnte sich auch 30 Jahre danach noch bestens ans «Eidgenössische» in La Chaux-de-Fonds erinnern und liess den damaligen Wettkampfverlauf nochmals aufleben. Roschi war sehr beeindruckt von Bichsels Erinnerungsvermögen und seinen Fachkenntnissen.

Es war vor drei oder vier Jahren an einem schönen Sommerabend in Solothurn. Ich hatte mich mit einem Kollegen aus Bern zum Nachtessen verabredet und im Salzhaus einen Tisch reserviert. Vor dem geplanten Nachtessen begaben wir uns zuerst an die Hafebar auf ein Bier. Am hintersten Tisch waren noch zwei Plätze frei. Der Zufall wollte es, dass Peter Bichsel an diesem Tisch sass. Wir begannen zu philosophieren über Gott und die Welt und natürlich auch übers Schwingen. Die Zeit verging wie im Fluge, sodass wir die Reservation vollkommen vergassen und das Nachtessen im Salzhaus mit «Öufi»-Bieren in der Hafebar ersetzten ...

Mein Kollege schwärmt noch heute von diesem Sommerabend in der Hafebar mit dem Schriftsteller.

Madeleine Elmer, Freunde Amaryllis-Quartett, ist vor allem von den politischen Geschichten Peter Bichsels beeindruckt.

Madeleine Elmer

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«Peter Bichsels ‹Geschichten› haben mich immer schon beeindruckt – vor allem die politischen, in denen er die Überlegungen, die wir alle ab und zu anstellen, konsequent zu Ende denkt: «Die Gazellen fordern von den Löwen Mitbestimmung – die Löwen sind dagegen ...». Privat waren wir beileibe nicht immer einer Meinung – seis über die Gagen der Sängerinnen am Opernhaus Zürich oder über Politisches.

Anlässlich der Organisation der Feier zu Peters Siebzigsten in der Zentralbibliothek haben wir uns besser kennen gelernt. Obwohl Peter überhaupt keine Geburtstagsfeier wollte – schon gar nicht mit offiziellen Reden – hat er mir, spätabends, nach der Feier, eines seiner Bücher wie folgt signiert: ‹... dankeschön – jetzt hat es mir sogar sehr gut gefallen.›.»

Deborah Epstein*, Regisseurin aus Zürich, ist begeistert von Peter Bichsels origineller Art.

Deborah Epstein

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«Er voller Skepsis. Anfänglich. Ich voller Chuzpe. Zusammenarbeit gab es keine. Nur Vertrauen. Und alle Freiheit. Die Geschichte vom Rösi war ihm zu spannend, denn Rösi nervte. Sie sollte viel mehr nerven. Sie nervte, und wie sie nervte.

Der Weg mit ihm vom Theater bis ins ‹Chrüz› dauert zwanzig Minuten. So lange, wie eine Geschichte eben dauert. Lieber Peter! Mazel Tov!»

*Deborah Epstein konzipierte das Stück «Mit wem soll ich jetzt schweigen», Bichsel-Texte am Stadttheater Solothurn 2012.

Jürg Naegeli, Medienchef und Platzspeaker des FC Solothurn, bevorzugt Fussballspiele, an denen Peter Bichsel anwesend ist.

Jürg Naegeli

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«Der 24. Mai 1998 – ein unvergesslicher Tag für den Fussballclub Solothurn, ja für die ganze Stadt und die Region. Die Mannschaft kehrt aus Basel zurück nach einer 0:3-Niederlage – und wird von einer riesigen Menschenmenge auf der St.-Ursen-Treppe gefeiert. Der Stadtpräsident spricht und gratuliert (ja, schon damals Kurt Fluri ...) und lädt das Team zum Empfang ein in die ‹Krone›.

Mit dabei ist Peter Bichsel. Er hat den Besuch des entscheidenden Spiels um den Aufstieg in die Nationalliga A gegen den FC Basel im alten ‹Joggeli› der Lesung seines Freundes Günter Grass an den Solothurner Literaturtagen vorgezogen!

Im altehrwürdigen noblen Saal des besten Hauses am Platz ergreift er das Wort: « I verstoh nüt vo Fuessball, und rede stellverträtend für all die, wo nüt vo Fuessball verstöh und trotzdäm a d Mätsch vom FC Solothurn göh». Er gehe zum Fussball, weil er da unter Leuten sei, und er habe Spass an der Mannschaft, weil diese Spass am Fussball habe, und weil sie sich gegenseitig mögen. Eine Geschichte, wie sie Peter Bichsel mag.

Er dankt dem Team und denen, die dafür verantwortlich seien. Vielleicht Tinu Weber, der Trainer, oder Röbu Du Buisson, der Verteidiger. Auch wenn er einsehe, dass, wenn man immer gewinne, man dann aufsteige, sei er doch froh, dass dies dem FC Solothurn nicht gelungen sei. Er habe diese Saison so toll gefunden. Er sähe sie gerne noch einmal.

Am 2. März 2010 sitzen viele Gratulanten im ‹Kreuz› zu Solothurn. Radio DRS 2 überträgt live. Peter wird 75. Ich, der Medienchef und Platzspeaker des FCS, frage Peter, warum er nicht mehr ‹a d Mätsch vom FC Solothurn› komme. ‹Ach, das ist dasselbe wie mit Amerika›. Er sei ein halbes Leben lang begeistert gewesen von New York, sprach aber kaum Englisch. Nach längeren Aufenthalten in dieser geliebten Stadt habe er aber schlecht verhindern können, die Sprache zu lernen. Und als er sie dann verstanden habe, die Amerikaner, hätten sie ihm plötzlich nicht mehr so gefallen.

Zwei, drei Jahre später treffe ich Peter wieder Mal auf der Gasse in Solothurn. Der FCS hat stürmische Zeiten durchlebt, ist aber in der 1. Liga geblieben und auf dem aufsteigenden Ast (nicht gerade in die Nationalliga, aber immerhin ...). Ich erzähle ihm von unseren Problemen in und mit der Leitung des Vereins – und dass nun der Sohn von Röbu Du Buisson, Marc, in der 1. Mannschaft spiele.

Ein paar Wochenenden später sehe ich zu meiner Freude Peter zusammen mit Schriftsteller-Freund Franco Supino an seinem ewigen Platz im grün gestrichenen Sektor der schon etwas morschen Holztribüne von 1931. Der Match geht zwar verloren, aber wir haben erfrischenden Fussball mit einem blutjungen Team gespielt – und der 21-jährige Marc Du Buisson hat gar die Captain-Binde getragen.

Ich hoffe sehr, dass Peter diese neue Geschichte mag und nicht so bald versteht. Der grüne Sektor sieht einfach besser aus mit dem literarischen Fussballdilettanten! ...»