Solothurn et les Welsches
Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze

Über den Berg oder durch den Tunnel wäre es ein Katzensprung. Doch Jura und Frankreich scheinen am Jurasüdfuss ausser in der Freizeit eine halbe Weltreise entfernt zu sein. Teil I der Sommerserie zum Solothurner Röstigraben.

Samuel Thomi
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Kaum zu sehen, fehlte der Stein am Weidrand: Dreiländereck der Kantone Solothurn, Bern und Jura auf dem Matzendörfer Stierenberg. Auch die Sprachgrenze schlängelt sich unweit durch die Jurahügel.

Kaum zu sehen, fehlte der Stein am Weidrand: Dreiländereck der Kantone Solothurn, Bern und Jura auf dem Matzendörfer Stierenberg. Auch die Sprachgrenze schlängelt sich unweit durch die Jurahügel.

Samuel Thomi

Wer sucht, der findet. Das Sprichwort gilt auch für den Solothurner Röstigraben: Man wohnt zwar fast Tür an Tür, beschnuppert sich vielleicht in der Freizeit, doch ansonsten zieht sich über den Jura die Sprachgrenze.

Einer, der sich aufmachte, den Röstigraben zu überwinden, ist François Scheidegger. Als neuer Stapi lud er den Präsidenten der bernjurassischen Nachbarstadt Moutier ein, 8 Minuten durch den Tunnel nach Grenchen zu fahren. Immerhin der erste offizielle Besuch nach über 20 Jahren (siehe auch «Nachgefragt»). «Auf die Einladung erhielt ich nur positive Rückmeldungen», blickt Scheidegger zurück. Schränkt allerdings gleich ein: «Man darf sich natürlich keine Illusionen machen, was so ein Kontakt als direkten Output bringen kann.»

Kaum Thema in der Politik

Das sei vielmehr wie bei Städtepartnerschaften: «Wenn das Gegenüber etwa gleich gross und in vernünftiger Zeit erreichbar ist, kann man gut auf Augenhöhe im Alltag voneinander profitieren», so Scheidegger. Grenchen unterhält seit bald 30 Jahren Partnerschaften zu Schlettstadt (im Mittelelsass) und Neckarsulm (Baden-Württemberg). Hinzu kommt eine Patenschaft mit der Berggemeinde Unterschächen (Uri).

Die Sache mit der Sprachgrenze

Solothurn ist 791 Quadratkilometer gross, wobei die Grenze des weit verzweigten Kantons ganze 380 Kilometer lang ist. Während über die hoheitlichen Grenzen Karten Auskunft geben, ist die Sache mit der Sprachgrenze komplizierter. Am einfachsten ist die Antwort bei den Exklaven Kleinlützel und Hofstetten/Mariastein im Schwarzbubenland: Sie grenzen auf einer Länge von 20 Kilometern ans Elsass respektive an Frankreich. Auch gegenüber dem Kanton Jura hat Solothurn 13 Kilometer Grenzverlauf. Schwieriger wird es bei der 193 Kilometer langen Grenze zum Kanton Bern: Von Lengnau bis Schelten sind es 28 Kilometer. Weil die beiden nördlichen Kleingemeinden Schelten und Seehof laut Auskunft des Kantons Bern jedoch 80 bis 90 Prozent deutschsprachig sind, verringert sich der solothurnisch-bernische Röstigraben auf 17 Kilometer. Fazit: Die Solothurner Sprachgrenze ist 50 Kilometer lang und beträgt damit lediglich 13 Prozent der gesamten solothurnischen Kantonsgrenze. (sat)

Biel, Bern, Zürich: Die Städte im Mittelland haben für Solothurner – nebst der guten Anbindung an Basel im Norden – heute eine starke Anziehungskraft. Dabei schreibt sich Solothurn in der Kantonsverfassung auch die «Brückenfunktion» auf die Fahne. Anders als etwa Bern, das sich mit dem Jura Bernois klar zweisprachig positioniert, ist das Welsche in der solothurnischen Politik aber kaum Thema. Die Homepage ist einsprachig, und zu einschlägigen Stichworten finden sich ausser ein paar (Staats-)Verträgen und Formularen für Grenzgänger oder den Export nichts. «Das ist so», bestätigt Regierungssprecher Dagobert Cahannes den Eindruck. Die verfassungsmässige Mittlerrolle zwi- schen den Sprach- und Kulturgemeinschaften hat Solothurn nämlich längst der kantonseigenen Stiftung Schloss Waldegg respektive deren Begegnungszentrum übertragen. Da war es auch, wo man dem Nachbarn Bern letztmals Ende der 70er-Jahre die «guten Dienste» zur Verfügung stellte und Platz bot für geheime Verhandlungen im Jurakonflikt.

Auch beim Solothurner Staatsarchiv heisst es, zur jüngeren Vergangenheit gebe es keine speziellen Stücke zum Verhältnis zum Berner Jura, zum Kanton Jura oder zu Frankreich respektive zum Französischen. Denn seit dem Beitritt zur Eidgenossenschaft macht Solothurn keine eigene Aussenpolitik mehr. Anders sähe es beim Staatsarchiv aus, ginge es um die Zeit vor dem 19. Jahrhundert; um die Zeit, als die Ambassadorenstadt Solothurn Sitz des französischen Gesandten war. Doch um diese vielbeschriebene Epoche dreht sich diese Sommerserie explizit nicht.

Wie lebt es sich also heute im klar deutschsprachigen Grenzkanton? «Ça va très bien», sagt Françoise Barras. Die Präsidentin des Cercle Romand Soleure versichert: «Spreche ich in Solothurn Französisch, antworten mir die meisten Leute auch auf Französisch.» Ins gleiche Horn bläst Moutiers Stadtpräsident Maxime Zuber, der sich im Gespräch über Solothurns Beziehung zur Westschweiz als regelmässiger Besucher des Wochenmäret outet: «Es gibt zwar eine Sprachgrenze, aber Basel ist für uns das Tor zur Welt und Solothurn eine schöne Stadt zum Einkaufen.» Umgekehrt, so der langjährige Stapi, seien die Deutschschweizer natürlich auch in Moutier stets willkommen. Aber dieses Interesse lasse sich wohl nicht so leicht steigern.

«Alltäglicher und weniger exotisch»

Wie interpretieren deutschsprachige Solothurner an der Grenze dieses Desinteresse fürs Welsche? Die Antwort gibt ein freisinniger Schwarzbube: «Das ist schlicht Unkenntnis der Region», so Hans Büttiker. «Auch wenn die Grenze früher dichter war als heute, sprachen alle Französisch.» Im Gäu aufgewachsen, besuchte der Dornacher Kantonsrat in Solothurn die Kanti und lernte dabei den oberen Kanton kennen, ehe er bis zur Pensionierung vor drei Jahren fast ein Vierteljahrhundert lang die Elektra Birseck Münchenstein (EBM) leitete. «Solothurn ist ein Kanton der Regionen», stellt Büttiker klar. «Leider kennen sich die Regionen untereinander aber immer schlechter.» Die EBM etwa beliefert seit Jahrzehnten 60 Gemeinden mit Energie; je rund zwei Dutzend in den Kantonen Solothurn und Basel-Landschaft – dazu zwölf Elsässer Gemeinden. Für Letztere sind die Mitarbeiter sogar französischem Arbeitsrecht unterstellt. Aufgrund seiner Geschichte wird der bisweilen charismatische Kantonsrat Hans Büttiker bei der Sprachen-Frage allerdings fast zum sanften Mahner, wenn er sagt: «Die Grenzthematik, ob zwischen Gemeinden, Kantonen, Ländern oder Sprachen, ist bei uns im Schwarzbubenland eben viel alltäglicher und damit auch weniger exotisch.»

Aus Staatsräson Französisch

Diesen Alltag kennt auch das Wirtepaar vom Matzendörfer Stierenberg. «Bei uns sind alle Sprachen zu Gast», kommentiert Marcel Christ, der mit seiner Frau Vreni Rauber seit 13 Jahren die beliebte Ausflugsbeiz im Dreiländereck Solothurn-Bern-Jura führt. Und wie zum Beweis beginnt eine Wanderin am Tisch in Französisch und Deutsch zu erzählen, wie sie aus dem Freiburgischen nach Grenchen arbeiten kam und der Liebe wegen schliesslich in den Jura zog.

Vom Tauziehen um die richtige Sprache weiss auch Hans Büttiker ein Müsterchen zu erzählen: «Als es darum ging, welche Fremdsprache in der Schule zuerst gelehrt werden soll, setzten die Arbeitgeber in der vorberatenden Ausbildungskommission der Handelskammer beider Basel auf Englisch», erzählt das damalige HKBB-Vorstandsmitglied. «In den meisten Betrieben macht das im Alltag nämlich mehr Sinn.» Aus staatspolitischer Sicht empfahl der Vorstand der HKBB schliesslich aber Französisch.

Apropos Brückenfunktion: Dass Solothurn laut Vermittler Dick Marty auch bei den jüngsten Jura-Verhandlungen
im Jahr 2012 wieder Schauplatz gehei-
mer Gespräche zwischen den bernjurassischen Separatisten und der Berner Kantonsregierung war, kann offiziell niemand bestätigen. Und zwar weder Stadt noch Kanton Solothurn.