Die «Aktion familienfreundliche Arbeitgeber» wurde Anfang Mai mit ziemlichem Trara lanciert. Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss persönlich präsentierte sie, begleitet von der Chefin der Wirtschaftsförderung, Sarah Koch, Handelskammer-Direktor Daniel Probst und Gewerbeverband-Geschäftsführer Andreas Gasche. Zusammen mit Marlies Murbach vom Verein Kindertagesstätten als Weitere im Bunde unterzeichneten sie feierlich eine «Absichtserklärung», die Aktion gemeinsam zu unterstützen und die Solothurner Betriebe für das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie sensibilisieren zu wollen. Ein solches Aufgebot signalisiert: Hier geht es um ein Projekt mit Priorität, dem man grosse Bedeutung beimisst.

Herzstück der Aktion: Eine Online-Plattform, wo Unternehmen einerseits Informationen und «Good-Practice»-Beispiele zum Thema finden und sich anderseits als familienfreundliche Arbeitgeber präsentieren und zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle oder ihr Angebot zur Unterstützung des Personals bei familienexterner Kinderbetreuung vorstellen können. Wer sich als familienfreundliches Unternehmen positioniert, habe einen Vorteil im Rekrutierungswettbewerb, so die Promotoren der Aktion. Sie soll auch einen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels leisten.

Marlies Murbach (Verein Kindertagesstätten), Regierungsrätin Brigit Wyss, Andreas Gasche (Gewerbeverband) und Daniel Probst (Handelskammer) bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung zur Förderung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen.

Marlies Murbach (Verein Kindertagesstätten), Regierungsrätin Brigit Wyss, Andreas Gasche (Gewerbeverband) und Daniel Probst (Handelskammer) bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung zur Förderung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen.

«100 Firmen müssen wir hinkriegen»

Gemessen am Stellenwert, den das Projekt bei den beteiligten Partnern zu geniessen scheint, kommt es doch eher schleppend in Fahrt. Gut zwei Monate nach dem Start präsentieren sich erst 26 Arbeitgeber auf der Plattform ffag.so.ch, darunter die kantonale Verwaltung selbst, die Solothurner Spitäler AG und SBB Cargo. Klar zu wenig, findet auch Handelskammer-Direktor Daniel Probst. Seine eigene Organisation, die Wirtschaftsförderung und das Gewerbe seien gefordert, mehr Unternehmen zum Mitmachen zu motivieren, sagt er selbstkritisch. «100 Firmen müssen wir hinkriegen», so Probst.

Eine gewisse Masse ist auch deshalb wichtig, weil die Aktion nicht bloss dem einzelnen Unternehmen zur Profilierung, sondern auch dem kantonalen Standortmarketing dienen soll: Wer sich auf der Plattform über die Möglichkeiten informieren will, bei potenziellen künftigen Arbeitgebern Karriere und familiäre Verpflichtungen besser unter einen Hut bringen zu können, sollte idealerweise auf den ersten Blick den positiven Eindruck bekommen: Hier im Kanton Solothurn sind die modernen Unternehmen zu Hause, die den gesellschaftlichen Anforderungen Rechnung tragen. Die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, ist auch Teil der kantonalen Standortstrategie und des Legislaturplans der Regierung.

Der Kanton lanciert eine neue Promotions-Runde

Beim Kanton will man nun auch tatsächlich einen zusätzlichen Effort starten, um die Aktion bekannter zu machen und mehr Firmen zum Mitmachen zu bewegen. Man werde nach den Sommerferien noch einmal Unternehmen anschreiben, kündigt die Leiterin der kantonalen Wirtschaftsförderung an. Dass der Erfolg der Aktion bisher eher enttäuschend war, will Sarah Koch allerdings nicht so stehen lassen. Man habe viele positive Rückmeldungen erhalten, in denen die Aktion begrüsst wird. Dann auch mitzumachen und sich explizit als familienfreundlicher Arbeitgeber zu positionieren, sei aber ein Commitment, das Firmen nicht einfach so eingehen, sondern ein strategischer Entscheid, der in vielen Geschäftsleitungen noch vertiefte Diskussionen brauche. Und dafür war eben vor den Sommerferien zum Teil die Zeit nicht mehr da. «Wenn wir es schaffen, in den Unternehmen eine Diskussion darüber auszulösen, wie sie als Arbeitgeber in Sachen Familienfreundlichkeit aufgestellt sind, ist schon viel erreicht», so Koch. Ein wesentliches Ziel der Aktion sei es, die Arbeitgeber überhaupt für die Thematik zu sensibilisieren.

Das Bewusstsein ist schon da, aber ...

Dass es an mangelnder Sensibilität liegt, dass sich bis jetzt erst so wenige Betriebe an der «Aktion familienfreundliche Arbeitgeber» beteiligen, glaubt Andreas Gasche vom Gewerbeverband weniger. Auch in kleineren, mittelständischen Unternehmen sei man sich heute sehr wohl bewusst, dass man dem Personal Anstellungsbedingungen bieten muss, die es ermöglichen, berufliche Anforderungen und familiäre Verpflichtungen besser unter einen Hut zu bringen. In diesen Betrieben suche man eher nach individuellen Lösungen. Hier herrsche mehr die Haltung, man sei ja auf dem richtigen Weg und brauche sich nicht noch durch Fragebögen zu kämpfen, um das zu dokumentieren.

Obwohl «sein» Gewerbeverband zwar ideell voll hinter dem Projekt steht, zeigt sich Gasche denn auch eher etwas desillusioniert, was die Erfolgsaussichten für eine grössere Breitenwirkung angeht. «Solche Aktionen brauchen eine permanente Promotion, sonst passiert nicht viel», sagt der Geschäftsführer des Gewerbeverbands. Er erlebt das gerade bei einer Aktion im ureigenen Interesse: Die Kampagne «Fair ist anders», die Kritik an der Konkurrenz für das Gewerbe durch staatliche Betriebe übt, fänden zwar alle gut, aber kaum ein Dutzend bekennt sich mit einem Eintrag auf der dafür eingerichteten Online-Plattform dazu.