Ihre Bewegung nennt sich die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde. Was bedeutet diese Bezeichnung?

Abdul Wahab Tayyab: Der Prophet Mohammed hat zwei Namen im Koran, Mohammed und Ahmad. Die Bezeichnung Ahmadiyya, die sich von Ahmad ableitet, dient der Unterscheidung unserer Gemeinde von all den anderen muslimischen Strömungen. Wir verstehen uns als Reformgemeinde. Wir lehren also nichts Neues. Der Prophet Mohammed hat prophezeit, dass eine Zeit kommt, wo der Islam nur noch als Name existiert. Viele bekennen sich dazu, aber sie praktizieren den Glauben nicht mehr. Der Koran verweist auch auf die Lösung: Es wird ein Messias und Mahdi erscheinen, der die Lehre Mohammeds neu belebt.

… und Sie glauben, dass wir heute in dieser Zeit leben?

Die Menschen haben sich heute vom Schöpfer entfernt. Viele Religionen, nicht nur der Islam, reden von einer solchen Zeit. Und viele religiöse Gemeinschaften erwarten auch einen verheissenen Reformer. Auch im Koran gibt es Prophezeiungen über die spirituelle Wiederkunft Jesu respektive des Imam Mahdi. Unserer Meinung nach ist diese Person Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad, der Ende 19. Jahrhundert in Indien aufgetreten ist.

Gilt Mohammed im Koran nicht als der letzte Prophet?

Mohammed ist der letzte gesetzgebende Prophet. Die Aufgabe des Messias, wie der Prophet Mohammed dies vorausgesagt hat, besteht darin, dem bestehenden Gesetz zu dienen. Der Gründer der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft ist ein «Schattenprophet». Sein Sinn und Zweck besteht einzig darin, Mohammed zu lobpreisen und seine Lehren zu verbreiten.

Die Ahmadiyya-Bewegung bezeichnet sich als den wahren Islam. Was verstehen Sie darunter?

Wir unterscheiden uns zum Beispiel in der Definition des Jihad. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten viele muslimische Gelehrte, dass der Jihad im Sinne von «Heiliger Krieg» dazu ermächtigt, Ungläubige zu töten. Jihad bedeutet wortwörtlich «hart arbeiten, streben». Wir sind überzeugt, dass es in erster Linie um den Kampf gegen die eigenen Schwächen geht. Jihad bedeutet zudem das Recht auf Selbstverteidigung. Man darf aber nur gegen jene kämpfen, die den Islam, aber auch andere Religionen unterdrücken. Der Islam verbietet Gewalt und Zwang in Glaubensdingen. Die Auffassung, jemand der aus dem Islam austrete, müsse getötet werden, ist falsch und steht im Widerspruch zum Koran.

… die Gewalt des «Islamischen Staates» hat also nichts mit dem Islam zu tun?

Nein, im Koran heisst es: «Es soll kein Zwang sein im Glauben». Im Verteidigungskrieg darf man nur gegen jene kämpfen, die gegen die Glaubensfreiheit vorgehen. Es gibt dabei ganz strikte Regeln. Man darf keine Frauen und Kinder töten, die Ernte vernichten oder Gebetshäuser zerstören. Die zentrale Botschaft unserer Bewegung ist Liebe für alle und Hass für keinen. Islam heisst Frieden, Frieden mit dem Schöpfer und Frieden mit den Mitmenschen. Ein Muslim ist jemand, der Frieden verbreitet.

Was unternehmen Sie als Imam gegen die Radikalisierung vieler Jugendlicher?

Man hört auch in der Schweiz, vor allen in Winterthur immer wieder von solchen Jugendlichen. Dies sind desillusioniert, haben keine Perspektive im Leben und werden so leicht das Opfer von Rattenfängern. Bekämpfen lässt sich dies nur mit Information. Es herrscht ein grosser Mangel an Information und auch an Dialog. Wir bemühen uns um beides. Wir verteilen zum Beispiel von Haus zu Haus Flyer, und zwar bei allen, bei Muslimen und Nicht-Muslimen, weltweit.

Was heisst für Sie Integration?

Integration ist sehr wichtig. Ohne Integration kann man nicht zusammenleben und es kommt zu wechselseitigen Vorurteilen. Aber Integration heisst nicht, meine Religion zu verleugnen. Andererseits bin ich bereit, die Landessprache zu lernen. Die Loyalität zu dem Staat, in dem wir wohnen, ist uns sehr wichtig. Es ist undankbar, schlecht zu reden von dem Staat, von dem wir profitieren. Heute Freitag pflanzen wir zum Beispiel in Genf einen Friedensbaum. Wir sind offen für alle, für andere Muslime, für Christen und Juden.

Die Ahmadiyya-Bewegung kennt einen Kalifen, der die weltweite Bewegung von London aus leitet. Wie wird er gewählt?

Der Kalif wird mit Gottes Unterstützung von einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern der Gemeinschaft gewählt. Der Kalif ist der Nachfolger des Propheten und hat ein rein geistiges Amt inne. Auf dieser Welt hat er die nächste Beziehung zu Gott. Viele Muslime wünschen sich eine Führung. Unser Kalif hat keine politischen Interessen. Unsere Gemeinschaft ist nicht abhängig von einem Staat oder einer Institution. Unsere Gemeinschaft lebt von Spenden.