Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt
Afghane wird wegen Messerattacke im Asylheim verurteilt

Laut Gericht hat der afghanische Asylbewerber vorsätzlich gehandelt, als er im Januar im Durchgangszentrum Bleichenberg in Biberist einen Landsmann mit einem Messer verletzte.

Ornella Miller
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Die Messerstecherei fand im Asylzentrum Bleichenberg statt. Archiv

Die Messerstecherei fand im Asylzentrum Bleichenberg statt. Archiv

Hansjörg Sahli

Anfang Jahr rückte in Biberist wegen einer Messerstecherei im Durchgangszentrum Bleichenberg die Polizei aus. Nun kam es im Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt zum Prozess wegen einfacher Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand und wegen Sachbeschädigung. Ein afghanischer Asylbewerber wurde beschuldigt, seinen Landsmann mit einem Messer verletzt zu haben.

Geschehen war Folgendes: Die beiden Afghanen sassen am Sonntag, 24. Januar 2016, alleine im Wohnzimmer des Durchgangszentrums. Der eine schaute fern, der andere ass. Der Angeklagte störte sich am Gesang des andern, worauf ein verbaler Streit begann. Der Angeklagte berichtete im Gerichtssaal über die Eskalation. Er habe dem andern gesagt: «Ich schwöre dir beim Leben deiner Mutter, nicht zu singen.» Der Sänger wurde wütend: «Du darfst den Namen meiner Mutter nicht nennen.» Und warf eine Thermoskanne gegen den Angeklagten.

Versucht zu schlichten

Andere Asylbewerber — Eritreer, Araber und Iraker — eilten herbei, um die beiden voneinander zu trennen. Es gelang ihnen, den Angeklagten hinauszutreiben und die Türe zuzuhalten. Der Täter hämmerte vergeblich schreiend gegen die Tür. Als sie nach einer Pause meinten, er gebe Ruhe, kam er kurz darauf mit einem grossen Küchenmesser in der Hand wieder herein. Er rief: «Ich will deinen Bauch aufschlitzen!» Die andern versuchten wiederum, die Streithähne voneinander zu trennen. Das Opfer hielt einen Stuhl hoch und versuchte sich zu verteidigen. Der Angeklagte machte Hieb- und Schnittbewegungen gegen das Opfer.

Da der Boden nass war, rutschte das Opfer aus, vielleicht auch der Täter sowie ein Dritter. Danach war das Opfer am Arm verletzt. Eine sieben Zentimeter lange Wunde klaffte am rechten Unterarm, nahe dem Handgelenk. Sie reichte einen Zentimeter tief und durchtrennte Sehnen und Sehnenfächer. Das Opfer hat noch heute kein Gefühl im Daumen und sei eingeschränkt.

Der Angreifer verliess den Raum, warf das Messer in den Abfallcontainer, wusch seine Hosen. Später im Untersuchungsgefängnis beschädigte er zwei Matratzen. Dies, weil es kein Kopfkissen gab, er wollte sich so eines herstellen.

Regelrechter Sprachenwirrwarr

Diesen Tathergang zu rekonstruieren, war alles andere als leicht. Wegen der verschiedenen Sprachen, weil nicht alle alles gesehen haben, weil das Gerangel wirr war. Aber «im Kerngeschehen stimmten alle Aussagen überein», hielt Staatsanwalt Claudio Ravicini fest. Sowohl Täter als auch Opfer sagten im Gerichtssaal aus, ebenfalls ein irakischer Zeuge.

Die Anhörung mit dem Dolmetscher war kompliziert. Auch der Angeklagte sagte, dass die Befragten die Wahrheit äusserten. «Ich bereue, dass ich es gemacht habe», sagte er. Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt fragte, warum er es tat. «Damals stand ich unter Druck und war deshalb wütend mit allen Leuten. Denn meine Mutter und meine Brüder wurden in Afghanistan von einer Gruppierung festgehalten und gefoltert.»

Der amtliche Verteidiger, Herbert Bracher, legte sich voll ins Zeug. Sehr engagiert versuchte er, das Ganze als einen Unfall darzustellen. «Ich beurteile es diametral entgegengesetzt als der Staatsanwalt. Aus der Sache eine grosse Geschichte zu machen, ist Blödsinn.» Bei den Beschreibungen der Vorgänge sei zu beachten, dass die Asylanten eine andere Erzählweise hätten als wir. Sie erzählten, wie sie es in ihrer Bedeutung wahrnähmen, nicht in der Chronologie. Ausserdem hätten die andern Anwesenden gar nicht verstehen können, was gesprochen wurde.

Der Angeklagte habe eher zufällig ein Messer genommen, «er hätte genausogut einen Knebel nehmen können.» Nach der Verletzung habe sein Mandant vom Verwundeten abgelassen, er habe nicht dessen Tod gewollt. Der Verteidiger plädierte deshalb für 5 Monate Freiheitsstrafe. Der Staatsanwalt forderte 16 Monate. «Es ist an der Grenze zu einer schweren Körperverletzung», meinte er. Er habe die Körperverletzung eines andern in Kauf genommen. «Das beharrliche Losstürmen und dass er nach einer Pause wieder angriff, sprechen für ein vorsätzliches Vorgehen.»

«Motiv war nichtig»

Altermatt sah es ähnlich. Es hätte viel schlimmer herauskommen können. Und: «Es war ein absolut nichtiges Motiv.» Der Richter verurteilte den Afghanen zu 14 Monaten Gefängnis bedingt bei einer Probezeit von 2 Jahren. Die 115 Tage Untersuchungshaft werden angerechnet. Zudem muss er eine bedingte Geldstrafe von 200 Franken bezahlen bei einer Probezeit von 2 Jahren.

Für die Zerstörung der Matratze schuldet er 1860 Franken. Die Kosten des Verteidigers, mehr als 10'000 Franken, sowie die Gerichtskosten sind durch den Kanton zu bezahlen, vorbehalten bleibt eine Rückforderung durch den Kanton.