Amtsgericht
Affäre mit derselben Frau – Jahre später erpresst einer der Männer den anderen

Sie hatten mit derselben Frau eine Affäre. Jahre später versuchte der eine Mann den anderen damit zu erpressen.

Ornella Miller
Drucken
Teilen
Aussage gegen Aussage: Das Amtsgericht glaubte dem Zeugen mehr als dem mutmasslichen Täter.

Aussage gegen Aussage: Das Amtsgericht glaubte dem Zeugen mehr als dem mutmasslichen Täter.

Oliver Menge

Die Angst muss gross gewesen sein, denn wiederholt zahlte ein heute 41-jähriger Schweizer aus Grenchen einem fünf Jahre älteren Türken Geld – auf Erpressung hin. Als er keins mehr hatte, schaltete er die Polizei ein, worauf sie den Erpresser in flagranti ertappte. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte diesen am Montag zu 4 Jahren und 3 Monaten Gefängnis.

Die beiden Männer kannten sich seit ihrer Jugend als lose Kollegen. Dann hatten sie mit derselben Frau eine Affäre. Bei einem Zusammentreffen bei ihr habe der Erpresste den Türken beleidigt, indem er so etwas sagte wie «Du hast doch Frau und Kind». Etwas später begegneten sie sich an der Fasnacht im «Britannia Pub» wieder, wo der Türke auf die Beleidigung zu sprechen kam und ihn zweimal ohrfeigte. Die Securitas trennte sie. Der Gewalttätige sagte: «Jetzt hast du Glück gehabt, ansonsten hättest du zwei Löchlein im Bauch.»

Jahre danach, im Frühling oder Sommer 2011, lockte der Vorbestrafte den Geschädigten unter falschem Vorwand zu einem Treffen beim Postparkplatz. Er verlangte für die Beleidigung ein «Darlehen» von 2000 Franken. Der Schweizer ging davon aus, dass sein Erpresser eine Waffe bei sich trug. Er holte das Geld und übergab es.

«Schlitze Frau auf»

Im folgenden Januar bestellte der Türke den Erpressten zum gleichen Ort, angeblich um das Geld zurückzubezahlen. Er forderte in seinem Auto nun aber 17 000 Franken. Dabei strich er mit der scharfen Klinge seines Messers über Oberschenkel und Arm des Opfers. Er gab vor, zwei Ukrainer angeheuert zu haben, zeigte Kopien ihrer Pässe mit Visums-Stempel. Er habe sie bezahlt und auf ihn angesetzt, sie würden seine Adresse kennen. Er drohte, die Ukrainer würden vor seinen Augen seine schwangere Partnerin aufschlitzen und das Baby herausnehmen.

Wiederum deutete er an, eine Waffe mitzuführen. Er dürfe niemandem etwas erzählen. Auch dieses Geld trieb der Mann auf und händigte es aus. Ein paar Tage später forderte der Türke 10 000 Franken. Erst jetzt erzählte der Erpresste seiner Frau die Sache. Sie veranlasste ihn, sich der Polizei anzuvertrauen. Diese bereitete eine begleitete Übergabe vor. Der Täter wurde in flagranti ertappt und festgenommen. «Es ist ein klassischer Fall, wo Aussage gegen Aussage steht», hielt Staatsanwältin Petra Grogg fest.

Denn der Angeklagte bestritt die Taten. Der Schweizer habe ihm das Geld freiwillig gegeben. Grogg sagte, die Aussagen des Opfers seien weit glaubwürdiger. Sie seien sehr detailliert, er habe auch psychische Vorgänge geschildert, «zum Beispiel, dass er vor einem Nervenzusammenbruch gestanden habe oder dass er sich nach Verlassen des Autos fast habe übergeben müssen». Er habe ihn nicht unnötig belastet. Zudem: «Es gibt kein Motiv für Falschaussagen.»

Täter ist nicht in der Schweiz

Der Angeklagte konnte nicht befragt werden, weil er schon zum zweiten Mal nicht erschien. Er hält sich in der Türkei auf. Der Gerichtspsychiater Lutz-Peter Hiersemenzel hatte, ohne ihn je gesehen zu haben, ein Aktengutachten erstellt. Die Anwältin des Opfers, Eveline Roos, sagte: «Auch Doktor Hiersemenzel nimmt ihm nicht ab, dass er wegen der Beleidigung die Taten beging.»

Sie betonte die «grosse Unsicherheit» und «tiefsitzende Angst», welche ihr Mandant davontrug. «Vor jeder Befragung muss er Beruhigungsmittel nehmen. Er hat Albträume und ist traumatisiert.» Anfänglich war er deswegen in Therapie. Man frage sich schon, wie er sich so habe einschüchtern lassen. Es sei eine «massive Drohkulisse» gewesen.

Verteidiger Reto Gasser führte ins Feld, dass sein Mandant Spielschulden hatte und deshalb unter «Druck und Verzweiflungsangst» stand. Gutachter Hiersemenzel sagte aber, dass er ein problematisches Spielverhalten habe, jedoch keine Spielsucht, und: «Es besteht kein Zusammenhang zwischen seinem Spielen und seiner Delinquenz.»

Sein Mandant leide an Depressionen, habe paranoide und narzisstische Züge, deswegen habe er «einen Groll wegen Beleidigungen», so Gasser. Das Gericht mit Rolf von Felten, Christoph Geiser und Claudia Jäggi-Schaller folgte dem Antrag der Staatsanwältin. Die höhere Glaubhaftigkeit steche ins Auge und die Aussagen des Erpressers ergäben keinen Sinn. Die Taten erfolgten wie erwerbsmässig, die Einnahmen überstiegen beispielsweise seine IV-Rente. Der Geschädigte zeigte an der Verhandlung oft seine Belastung, am meisten weinte er, als es um die Drohung gegen Frau und Kind ging.

Aktuelle Nachrichten