Die Kursleiterin hebt ein Bild hoch. Zu sehen ist ein Teigwarengratin mit gluschtig brauner Kruste. Gesucht ist das Verb, das dessen Herstellung beschreibt. «Überbacken», ruft rasch und richtig ein Teilnehmer mit südosteuropäischen Wurzeln.

Ein weiteres Bild zeigt zwei Steaks, die in einer Pfanne vor sich hin brutzeln. «Braten», kommt es spontan aus einer anderen Ecke des Raumes. Gewusst hats eine Asiatin. «Man kann aber auch Gemüse braten», fügt sie bei.

Und schon bald sind die rund zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedlicher Nationalität mitten in einer angeregten Diskussion. Assoziation folgt auf Assoziation. Gemüse lässt sich nämlich nicht nur «braten», sondern auch «frittieren» oder «dämpfen».

Wir sind Zeugen eines Deutschkurses für Fortgeschrittene im Deutschcenter der Volkshochschule Solothurn, seit September im «Zürich-Haus» an der Rötistrasse in Solothurn untergebracht. «Deutsch für den Arbeitsmarkt» heissen die Kurse.

Auffallend ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht still über Texten brüten oder einsilbig irgendwelche Fragen zu komplizierten Grammatikthemen beantworten. «Der Unterricht ist anwendungsorientiert und nahe an der Realität der Schülerinnen und Schüler», erläutert Barbara Käch das Konzept.

Sie ist Geschäftsführerin der Volkshochschule Solothurn. Gemeinsam mit den Verantwortlichen im Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) hat sie das Deutschcenter für arbeitslose fremdsprachige Männer und Frauen im Jahr 2012 gegründet. Seit 2013 gibts einen weiteren Standort in Olten.

Themen aus dem Alltag motivieren

Das Deutschcenter bündelt alle bisherigen Bemühungen, stellensuchenden Männern und Frauen zu besseren Sprachkenntnissen zu verhelfen. Vor allem aber: Mit dem praxisorientierten Ansatz verabschiedet sich der Kanton von traditionellen Deutschkursen, wo es in erster Linie darum geht, Grammatik zu büffeln und die korrekte Schreibweise einzuüben.

Acht Wochen lang besuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Deutschcenter, vormittags oder nachmittags. 60 Schüler pro Tag sind es in Solothurn, 40 in Olten. Alle zwei Wochen steht dabei ein neuer inhaltlicher Schwerpunkt auf dem Programm. Die Bereiche Kochen/Gastronomie sowie Reinigung orientieren sich an den beruflichen Erfahrungen vieler Teilnehmerinnen.

Mit den Themen Industrie sowie Bau/Handwerk sollen in erster Linie die Männer angesprochen werden. Die Beschäftigung mit vertrauten Themen der Arbeitswelt erhöhe die Motivation, so Barbara Käch. Und bringt die Leute dazu, sich aktiv zu beteiligen. «Unsere Kurse fördern das mündliche Sprachverständnis.» Die Schüler sollen verstehen, was sie hören, und sie sollen sich ausdrücken können.

Trotz ihrer zeitlichen Begrenzung, so Käch, können die Kurse gerade auf diese Weise effiziente Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Stelle bieten.

Beim Thema Gastronomie kochen die Kursteilnehmer zusammen. Und bei den anderen Themenbereichen steht auch mal eine Betriebsbesichtigung an. Käch: «Mit solchen Erlebnissen prägt sich das Gelernte noch besser ein.»

Ihre Deutschkenntnisse stellen die Schüler weiter in einem parallel zu den Deutschkursen stattfindenden Bewerbungstraining unter Beweis. Wie bei jeder Massnahme im Bereich der Arbeitslosenunterstützung geht es auch hier um die möglichst rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

20 Prozent der Kursteilnehmer müssen, so lautet die Vorgabe vom AWA, innerhalb der acht Kurswochen wieder eine Stelle finden. Eine Vorgabe, die das Deutschcenter seit Beginn seines Bestehens einhalten kann.

Jeder wählt sein Tempo 

Mit besonders viel Ehrgeiz ist zum Beispiel der 30-jährige Marcin Szulz bei der Sache. Erst seit 15 Monaten ist er in der Schweiz und besucht im Deutschcenter bereits die Kurse für Fortgeschrittene.

In seiner Heimat Polen hat er die Matura absolviert. Nach einer technischen Schule arbeitete er dann als Monteur und Securitas-Mitarbeiter, bevor er seinem älteren Bruder in die Schweiz folgte, um hier sein Glück zu versuchen.

«Nur wenn ich gut Deutsch spreche, finde ich eine gute Arbeit», weiss er sehr genau. Kaum in der Schweiz angekommen, besuchte er parallel zu seiner Arbeit auf dem Bau mehrere Deutschkurse.

In unserem kurzen Gespräch muss er nur ab und zu nach einem Wort suchen. Er korrigiert sich während dem Sprechen selber und findet fast immer den richtigen Ausdruck.

Über die Sommermonate war er arbeitslos. Jetzt hat er wieder einen Job in Aussicht, als Lagermitarbeiter. «Mein Traum ist es, im Sicherheitsdienst zu arbeiten und später dann einmal in einem Gefängnis.»

«Ich lebe hier in der Schweiz und deshalb ist deutsch für mich sehr wichtig», sagt auch Thitapa Affolter, eine Klassenkollegin von Marcin Szulz. Die 39-jährige Schweizerin mit thailändischen Wurzeln lebt bereits seit 13 Jahren in der Region Solothurn.

«Deutsch ist schwierig für mich», bekennt sie offen. Und sie blüht auf, wenn sie von ihren beiden Töchtern erzählen kann, um die sie sich gemeinsam mit ihrem Ex-Mann kümmert.

Nach der Familienpause hat sie während rund zwei Jahren bei einer Grenchner Uhrenfirma gearbeitet – und sucht jetzt wieder eine Stelle in der Montage. Mühe bereitet ihr vor allem das Schreiben, sie kann sich aber formulieren und hat keine Probleme damit, unserem Gespräch zu folgen.

Marcin Szulz und Thitapa Affolter. Zwei von insgesamt rund 650 Männern und Frauen, die das Deutschcenter der Volkshochschule Solothurn an den beiden Standorten in Solothurn und Olten pro Jahr besuchen.