Herr von Sury, Sie geben zu: Auf dieses Interview haben Sie sich nicht gefreut. Warum?

Abt Peter von Sury: Sagen wir: Ich habe ein ungutes Gefühl. In der Weihnachtszeit gehört es in den Medien zum guten Ton, auch mal etwas zum Thema Besinnlichkeit zu bringen. Das wird offenbar vom Publikum erwartet. Vieles wiederholt sich. Seit fünfzig Jahren werden der weihnächtliche Konsumrausch und die Oberflächlichkeit kritisiert. Da hat sich nicht viel geändert. Wenn nur immer an Weihnachten mit Kirchenvertretern ein Interview geführt wird, dann geht vergessen, dass wir auch zu ganz anderen Themen etwas zu sagen hätten.

Wir Medien stellen uns auf den Standpunkt: Wir spiegeln die Realität. Heute ist es nun mal so, dass die Meinung der Kirchenvertreter an Gewicht verloren hat. Und die Kirche ist für viele ein Ort, an den sie nur zu Weihnachten hingehen. Beklagen Sie den Bedeutungsverlust?

Dieser Bedeutungsverlust hat für mich zwei Seiten. Klar ist Kirche nicht mehr die Kraft, die den Rhythmus der Gesellschaft bestimmt. Das bedaure ich auf der einen Seite. Ein Beispiel: Bis vor nicht allzu langer Zeit gehörte zum Monat November das Totengedenken, ich erinnere an Allerheiligen, Allerseelen und den Totensonntag. Das waren religiöse Anlässe, die auch ein Stück weit zum öffentlichen Leben der Gemeinde gehörten. Dann kamen die Halloween-Partys. Die Ernsthaftigkeit der Erinnerung daran, dass alles endlich ist, hat sich aufgelöst und ist dem Halloween-Trend gewichen. Ich weiss ehrlich gesagt nicht ganz, was das soll: Macht man sich nun lustig darüber, dass man der Toten gedenkt? Oder werden einfach die Amerikaner nachgeäfft? Damit habe ich Mühe. Aber ich will hier auch keinen Kulturkampf führen. Es ist ja nicht so, dass mich das direkt betrifft. Dass die Kirche nicht mehr den Rhythmus vorgibt, entlastet auch in vielerlei Hinsicht. Wir haben nicht mehr die Verantwortung für alles, die wir einst hatten. Das empfinde ich als durchaus positiv. Die Kirche war während Jahrhunderten eine kulturprägende Kraft. Damit ist es hierzulande wohl definitiv vorbei.

Weg vom Gedenken, hin zur Veräppelung. Verdrängen die Menschen den Tod heute eher als früher?

Verdrängen will ich nicht sagen. Aber ich glaube, wir haben mit der Unberechenbarkeit des Todes Mühe. Wir wollen alles im Griff haben. Der Zeitgeist ist, selbstbestimmt und autonom zu sein: Der Tod stellt das alles radikal infrage. Plötzlich kommt eine vernichtende Diagnose, die das Ende unseres Lebens ankündigt. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Unsere Selbstbestimmung ist begrenzt. Das Leben ist ein Geschenk. Immer. Das Leben werde ich mir auch mit den grössten technologischen Möglichkeiten nicht selber geben können. Das ist für mich die Botschaft von Weihnachten: Das Leben, das Kind in der Krippe – ein Geschenk!

Beschäftigen Sie sich viel mit dem Tod?

Die Klosterregel des heiligen Benedikt mahnt uns, dass wir uns den Tod täglich vor Augen halten sollen. Wir haben auch einen Brauch im Kloster. Jeden Abend werden nach dem Nachtessen die Namen der Mitbrüder vorgelesen, die im Laufe der Jahrhunderte am folgenden Datum gestorben sind.

Haben Sie dadurch weniger oder mehr Angst vor dem Tod als ein Nicht-Geistlicher?

Die Angst vor dem Tod ist, ich nenne das so, kreatürlich. Denn wir Kreaturen sind zum Leben bestimmt. Irgendwann kommt aber der Zeitpunkt, an dem man sich sagt: Nach 60 oder 70 Jahren hast du genug gelebt, es reicht. Nach dem Tod wird uns, das ist ja unser Glauben, noch mehr verheissen. Ich war schon ein paar Mal dabei, als Leute gestorben sind. Das war eindrücklich. Bei einem Tod dabei zu sein nimmt einem, sofern es sich nicht um einen gewaltsamen Tod handelt, die Angst.

Haben Sie eine klare oder vage Vorstellung davon, was nach dem Tod passiert?

Ich halte es mit Kurt Marti, dem Berner Pfarrer und Schriftsteller. Er hat gesagt, dass er das Danach dem Herrgott überlasse. Dem muss man doch nicht nachstudieren. Wir wissen ja: Uns ist nach dem Tod etwas Grossartiges, Überraschendes verheissen.

Über die irdische Zukunft werden Sie sich hingegen Gedanken machen müssen. Ihre Gemeinschaft wird immer kleiner. Wie lange wird das Kloster Mariastein überleben?

Die Zukunft beschäftigt mich, das Überleben hingegen nicht sonderlich. Die Klöster haben keinen Ewigkeitsanspruch, genauso wenig wie der Mensch. Es kann sein, dass Gott seine Ziele erreicht hat und er nun andere Wege findet als übers Kloster. Wenn eine Klostergemeinschaft stirbt, dann kann das schmerzhaft und schwierig werden. Aber man muss dem Überleben nicht alles unterordnen.

Sie sind heute vor sechs Uhr aufgestanden. Sie könnten das Klosterleben ein wenig angenehmer gestalten, dann würde sich vielleicht auch mehr Nachwuchs finden.

Unsere Klosterregel ist 1500 Jahre alt und hat sich bewährt. Es ist ja nicht so, dass wir Mönche hier eingesperrt wären. Auch wir müssen uns um die Work-Life-Balance bemühen. Mir ist die Freizeit wichtig. Ich gehe regelmässig in dieser schönen Natur spazieren oder betrachte nachts gerne den Sternenhimmel. Das ändert nichts an der Tatsache, dass in Europa viele Klöster in den nächsten Jahrzehnten verschwinden werden. Es muss ja nicht auf alle Ewigkeit sein: Das zeigt die Geschichte unseres Klosters, das im 16. Jahrhundert ausgestorben war, dann aber durch den Umzug von Beinwil nach Mariastein im Jahr 1648 wieder neu belebt wurde.

Im Kontrast zur Personalnot im Kloster steht Weihnachten, das sich ungebrochener Popularität erfreut. Kribbelt es bei Ihnen, wenn Sie vor vollen Rängen predigen dürfen?

Im Kloster Mariastein ist es nicht so, dass wir sonst vor leeren Rängen predigen. Die Gottesdienste, das ist vielleicht etwas atypisch, sind immer noch ziemlich gut besucht. Mariastein lebt davon, Wallfahrtsort zu sein. Die Leute kommen aus dem Schwarzbubenland, dem Baselbiet oder aus dem Badischen und dem Sundgau. Viele von ihnen sagen, bei ihnen würde kein Gottesdienst mehr stattfinden. Selbstverständlich ist die Klosterkirche an Weihnachten voll. Aber das Kribbeln habe ich nicht mehr. Das hatte ich als Kind und habe es nur noch in vager Erinnerung. Schon als Jugendlicher empfand ich die Weihnachtszeit in der Familie eher als Belastung. Ich ging dann oft am 26. Dezember Ski fahren.

Stören Sie diejenigen Leute nicht, die nur einmal im Jahr in die Kirche gehen?

Ich mag mich dieser Kritik nicht anschliessen, wonach die Leute an Weihnachten nur an Konsum denken, viel essen und trinken und dann noch in die Kirche gehen. Es war auch schon anders: Als junger Pfarrer habe ich gelegentlich polemisiert und zum Beispiel mit der Mitternachtsmesse meine liebe Mühe gehabt. Ich meinte, die Leute provozieren und ihre vermeintliche Oberflächlichkeit kritisieren zu müssen. Aber dafür ist die Mitternachtsmesse nicht der rechte Zeitpunkt. Heute sehe ich das anders: Ich will den Leuten nicht zum Vorwurf machen, dass sie vor dem Mitternachtsgottesdienst gut gegessen und getrunken haben. Da habe ich dazugelernt. Im Gegenteil, ich hoffe, dass möglichst viele wirklich schöne Weihnachten erleben dürfen.