Auf einen Kaffee mit...

Abschied vom Tanz auf dem Vulkan: Nach 17 Jahren in Berlin kehrt dieser Solothurner zurück

Fabian Scherrer vor der St. Ursenkathedrale. Mit Teetasse, nicht mit Kaffee.

Fabian Scherrer vor der St. Ursenkathedrale. Mit Teetasse, nicht mit Kaffee.

Auf einen Kaffee mit... Fabian Scherrer (47). Der gebürtige Solothurner ist Architekt, Buch-Autor und Berlin-Rückkehrer.

«Denk ich an Deutschland in der Nacht; dann bin ich um den Schlaf gebracht», schrieb der Dichter Heinrich Heine in seinem Exil in Paris im Jahr 1844. Und ein ähnliches Gefühl hat der gebürtige Solothurner Fabian Scherrer (47), wenn er an Deutschland und insbesondere an Berlin denkt, wo er die letzten 17 Jahre seines Lebens gelebt hat. «Nach so langer Zeit geht es zurück in die Schweiz. Teils mit schwerem Herzen, teils mit Erleichterung», sagt Scherrer.

Doch ein weiteres Leben ist für ihn, den liberal-links kon­ditionierten schwulen Mann, aus gutbürgerlich-katholischem Haus, in der deutschen Hauptstadt nicht mehr möglich. Scherrer erzählt: «Als ich im Jahr 2003 als Austauschstudent nach Berlin kam, war die Stadt noch praktisch ‹leer›. Sie verfügte über viele Brachen und Freiflächen, alte Strassenzüge, ursprüngliche Häuser, vor allem im Osten der Stadt. Ein ‹Paradies› für mich als Architekturstudent.» Es war noch zu Gerhard Schröders-Kanzlerzeit. Dieser hatte den Amerikanern 2002 eine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg verweigert. «Deutschland stand da als Land des Pazifismus».

Deutsch-schweizerische Missverständnisse

Noch 2006 war die Welt «zu Gast bei Freunden» in Deutschland, wie es mit dem Fussball-WM-Slogan hiess. Deutschland entspannte sich. Man sah deutsche Flaggen. «Etwas, das man in den Jahren vorher in linken oder liberalen Kreisen verschmähte oder gar verteufelte.» Denn fast pathologisch wurden Handlungen oder Aussagen vermieden, die dazu führen könnten, in eine nationale Ecke gestellt zu werden. Das spürte der Schweizer in seinem ganz profanen Berliner Alltag. «Erzählte ich vom Lager und meinte damit unser Pfadi- oder Klassenlager, gab es schräge Blicke. Schrieb ich die Abkürzung SS für Sommer-Semester auf, erntete ich Entrüstung. Das hat mich damals mehr amüsiert oder höchstens noch irritiert.»

Berlin veränderte sich. Es kamen immer mehr Touristen, und mit den globalen Finanzmärkten immer mehr internationale Investoren in die Stadt. Ab der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 mit über einer Million Flüchtlingen und Migranten, die nach Deutschland kamen, änderte sich die Situation nochmals dramatisch. «Es kam zu einem Verdrängungskampf bei den sozial Schwächeren. Wohnungsknappheit, explodierende Sozialkosten und die zunehmend stärker werdenden Schatten-Gesellschaften, die sich dem deutschen Rechtsstaat entziehen, machen den Menschen heute das Leben schwer. Und als wäre das nicht genug, wird jeder, der diese Umstände anprangert oder kritisiert, in eine rechte Ecke gestellt», stellt Scherrer fest.

Tatsache ist, dass viele Bürger sich heute der AfD zuwenden, weil sie sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. «Ich sehe im Erfolg dieser Partei die Quittung für die Politik der CDU von Angela Merkel, die sich immer mehr linken Themen wie Mindestlohn, Atom-Ausstieg oder Flüchtlingspolitik angenommen hat, ohne diese auch wirklich zu lösen», so Scherrer. «So entstand ein Vakuum auf der konservativen Seite, welches nun mit dieser Partei gefüllt wird. Scherrer beklagt: «Unterdessen ist die Meinungsfreiheit in Deutschland kaum mehr gegeben. Wer sich anschickt, Themen, die von der AfD ‹besetzt› sind anzusprechen, wird mundtot gemacht und in die Ecke dieser Partei gedrängt.»

Sich seine Gefühle von der Seele geschrieben

Scherrer arbeitete die letzten Jahre als Architekt bei der Deutschen Bahn. «Ein Unternehmen, in dem ich sah, wie man sich selbst mit Vorschriften und Bestimmungen zum Stillstand bringt.» 2014 starb sein Freund. «Ich geriet in eine Krise. Zwei Jahre dauerte die Trauerarbeit und zweieinhalb Jahre danach schrieb ich mir in einer Art Therapie meine Gedanken und Erinnerungen von der Seele.»

Das Buch «Die deutsche Sekunde», in dem er mit schonungslosem Durchblick seine persönliche Vergangenheit und die heutige Stimmungslage in Deutschland und Berlin beschreibt. Sein Fazit ist ernüchternd: Die Haltung der Deutschen zu ihren gesellschaftlichen Problemen sei in erster Linie eine Art Selbsttherapie, welche sie sich aufgrund ihrer Geschichte glauben leisten zu müssen. «In Deutschland habe ich verstanden, dass ich zutiefst ein Schweizer bin», denn: «In der Basisdemokratie können extremen Haltungen – ob von links oder rechts – abgefedert werden.»

Viele sensiblere ausländische Zuwanderer aus Scherrers Umfeld verlassen Deutschland derzeit. So auch er, zusammen mit seinem neuen Freund. «Oft bin ich mir in Berlin vorgekommen, wie in den 1920er-Jahren: beim Tanz auf dem Vulkan.» Die beiden wollen sich in Basel niederlassen. Sein Buch «Die deutsche Sekunde» hat Scherrer im Eigenverlag herausgebracht und er versucht es auch selbst zu vermarkten. «Ich weiss, es ist keine leichte Kost. Eine Literaturagentur meinte, es sei wohl schwierig, dieses Buch an den Mann zu bringen, da es weder in die rechte, noch in die linke Ecke gestellt werden kann.»

Fabian Scherrer: «Die deutsche Sekunde», Books on Demand. ISBN 978-3-7504-1564-5.

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