Uhrenindustrie
Absatzflaute in China erreicht den Jurasüdfuss

Die Unruhe in der Branche wächst: Monatlich sinken die Uhren-Exporte. Vorab betroffen sind auf Asien ausgerichtete Uhrenhersteller. Daniel Schluep, Patron der Grenchner Titoni AG, sieht trotz Umsatzeinbruch aber nicht nur schwarz

Franz Schaible
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In Grenchen montiert Titoni seit 1919 mechanische Zeitmesser, zuletzt rund 150000 an der Zahl. Archiv/hanspeter bärtschi

In Grenchen montiert Titoni seit 1919 mechanische Zeitmesser, zuletzt rund 150000 an der Zahl. Archiv/hanspeter bärtschi

Hanspeter Bärtschi

Das hat selbst den Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie überrascht: «Eigentlich haben wir im vierten Quartal 2016 eine Erholung der Uhrenexporte erwartet, aber im Oktober sind die Ausfuhren so stark gefallen wie noch nie im laufenden Jahr», heisst es in der aktuellsten «Wasserstandsmeldung» des Verbandes.

Der wertmässige Export sank um 16,4 Prozent, in den ersten zehn Monaten 2016 sind es 11 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Das ist gewaltig und entspricht einem Minus von rund 2 Milliarden Franken. Ausgelöst wurde die Flaute durch die stockenden Absatzmärkte in Asien, insbesondere Hongkong und China.

Pionier auf chinesischem Uhrenmarkt

Uhrenhersteller, die explizit auf diese Weltregion fokussiert sind, leiden darunter entsprechend. Einer davon ist die traditionsreiche Grenchner Titoni AG. Seit den 1950er-Jahren hat sich das 1919 gegründete Unternehmen auf China konzentriert. «Damals waren wir aus Schweizer Sicht ein Vorreiter für den Verkauf von Uhren in China», erinnert sich Daniel Schluep, der das Familienunternehmen seit 1981 in dritter Generation führt.

Daniel Schluep Inhaber und Chef der Titoni AG Grenchen «In China wurden zu viele Uhrenläden eröffnet und mit zu vielen Schweizer Uhren versorgt, welche der Markt nicht mehr gänzlich absorbiert.»

Daniel Schluep Inhaber und Chef der Titoni AG Grenchen «In China wurden zu viele Uhrenläden eröffnet und mit zu vielen Schweizer Uhren versorgt, welche der Markt nicht mehr gänzlich absorbiert.»

Hanspeter Bärtschi

Rund 80 Prozent der in Grenchen montierten Titoni-Uhren werden inzwischen in Asien abgesetzt, allein 50 Prozent in China. Bis vor kurzem haben sich die Verkäufe stetig nach oben entwickelt. Von 2004 bis 2013 habe Titoni ein starkes Wachstum verzeichnet, 2014 und 2015 seien Jahre der Konsolidierung gewesen. «Im laufenden Geschäftsjahr aber müssen wir einen markanten Einbruch beim Umsatz und Ertrag hinnehmen», sagt Schluep. Der Rückgang liege beim Umsatz bei über 30 Prozent.

Daniel Schluep ist dank der jahrzehntelangen Geschäftsbeziehungen und regelmässigen Besuchen an der Verkaufsfront ein China-Kenner. Zusammen mit einer Partnerfirma in Hongkong betreibt Titoni im chinesischen Shenzhen eine Vertriebsfirma als Joint Venture mit 80 Angestellten. Verkauft werden die Grenchner Uhren in China in über 650 Verkaufsstellen. Für den Verkaufseinbruch seit Monaten macht er mehrere Gründe geltend:

Die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft trübe die Uhrenverkäufe ein. Dasselbe gelte für die ergriffenen Antikorruptionsmassnahmen der Regierung, um Bestechungsgeschenke zu verhindern. Zudem seien die Zollbehörden wesentlich strenger. So dürfen chinesische Touristen Uhren nur noch für den persönlichen Gebrauch einführen, ansonsten seien hohe Zölle zu entrichten.

Der Wachstumsglaube des Uhrenhandels auf dem chinesischen Markt sei in den letzten zehn Jahren zu optimistisch gewesen, meint Schluep durchaus auch selbstkritisch. «Zu viele Uhrenläden wurden eröffnet und mit zu vielen, relativ teuren Schweizer Uhren versorgt, welche der Markt nicht mehr gänzlich absorbiert.» Die Folge seien überhöhte Lager.

Das Konsumverhalten der Chinesen habe sich verändert. «Die Schweizer Uhr ist in der Präferenzliste zurückgefallen zugunsten von Kosmetika, Gesundheitsprodukten oder Auslandreisen.»

Die chinesische Währung Renminbi oder Yuan wertet sich gegenüber dem Franken laufend ab. Das macht die Uhren aus der Schweiz teurer. Eine währungsbedingte Anpassung der Endverkaufspreise der Titoni-Uhren sei kein Thema. Der Aufpreis gehe zulasten der Marge.

Auch die Uhrenverkäufe von chinesischen Touristen im Ausland seien massiv zurückgegangen. Nicht zuletzt beeinflusse die latente Terrorgefahr deren Reiseverhalten. Das trifft auch Titoni. Deren Uhren sind in der Schweiz nur in ausgesprochenen Tourismusregionen wie Interlaken, Luzern oder Genf erhältlich, wo eben asiatische Touristen angesprochen werden wollen.

«Gewisser Optimismus ist am Platz»

Trotz dieser Palette an negativen Einflüssen will Daniel Schluep nicht schwarzmalen. «Ein gewisser Optimismus ist durchaus am Platz.» So erwartet er, dass sich die chinesische Wirtschaft und das Konsumverhalten wieder verbesserten. Die chinesische Regierung unternehme alles, damit ihre ins Ausland reisenden Bürger einen Teil ihrer Konsumausgaben wieder im Inland tätige.

Auch die Touristenmärkte in Asien und in Europa würden weiterhin gute Absatzchancen bieten. Insbesondere dann, wenn sich wieder eine allgemeine Entspannung abzeichne. «Die Touristenmärkte reagieren sensibel und rasch auf Änderungen des politischen, wirtschaftlichen und sicherheitsmässigen Umfeldes.» Generell bleibe China ein sehr wichtiger Markt. Das Wachstum der Mittelschicht, die sich eine Schweizer Uhr im Mittelpreissegment leisten könne, sei enorm.

Angesprochen auf die zunehmende Konkurrenzierung der traditionellen Uhr durch die Smartwatch, antwortet Schluep differenziert. «Kurzfristig wird sie die Stellung der mechanischen Schweizer Uhr nicht gefährden. Der mittelfristige Einfluss lässt sich aus heutiger Sicht jedoch nicht abschätzen.» Auch hier ist Titoni exponiert. 90 Prozent des Umsatzes entfallen auf mechanische, der Rest auf Quarzuhren.

Langfristige Sicherung der Firma

Für Daniel Schluep gilt als oberstes Ziel, die Existenz der bald 100-jährigen Uhrenfirma langfristig zu sichern. Bislang sei das trotz der momentan schwierigen Lage gut gelungen. «In diesem Jahr mussten wir lediglich zwei Arbeitsplätze aus wirtschaftlichen Gründen abbauen.» Auch 2016 werde Titoni «ohne Verlust» abschliessen. Das Unternehmen beschäftigt in Grenchen rund 60 Angestellte, erwirtschaftete 2015 einen Umsatz von rund 50 Mio. Franken und produzierte rund 150 000 Uhren. 2013 waren es noch rund 180'000 Zeitmesser und ein Umsatz von über 60 Mio. Franken.

Angesichts der negativen Entwicklung der Branche ist für Josef Maushart, Präsident des Solothurner Industrieverbandes, eine Korrektur unvermeidlich. «Es wird zu einer Strukturbereinigung nicht nur bei den Uhrenherstellern, sondern auch in der vorgelagerten Zulieferindustrie kommen», sagte er kürzlich im Interview mit dieser Zeitung.