Verwaltungsgericht
Abnormale Fürsorge: Eltern pflegten ihre gesunden Kinder krank

Immer wieder müssen die Kinder ins Spital, kriegen Medikamente und Infusionen. Dabei fehlt ihnen nichts. Krank sind wohl die Eltern, sagt die KESB. Ungesund die unnötigen Behandlungen. Die Kinder leben nun bei einer Pflegefamilie.

Noëlle Karpf
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Der Jugendliche wird im Spital zum x-ten Mal untersucht, obwohl ihm gar nichts fehlt. Die Krankengeschichte wird zum Fall für die KESB. (Symbolblid)

Der Jugendliche wird im Spital zum x-ten Mal untersucht, obwohl ihm gar nichts fehlt. Die Krankengeschichte wird zum Fall für die KESB. (Symbolblid)

«Herzrasen.» «Kopfschmerzen.» «Blässe.» «Unwohlsein.» Darunter leidet der 15-jährige Jonas. Das sagen zumindest seine Eltern. Bereits als zweijähriges Kleinkind muss Jonas ins Berner Inselspital, später ins Kantonsspital Aarau, dann nach Zürich. Die Eltern bestellen Medikamente online, stecken ihm Infusionen, lassen ihn vom Turnen in der Schule dispensieren.

Sie schleifen ihn von einem Arzt zum nächsten. Einer von ihnen soll endlich herausfinden, was mit ihrem Schützling nicht stimmt. Nur: Jonas ist gar nicht krank. Das fällt schliesslich der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich auf. Sie macht eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Region Solothurn. Der Verdacht: Die Eltern sind krank.

Krankhafte Fürsorge

Das war im September 2017. Nachdem Jonas im Kinderspital Zürich – schon wieder – untersucht worden war. Jonas sei «ein ganz normaler Jugendlicher», schreibt das Spital in der Gefährdungsmeldung. Nicht normal scheine aber, dass er mehrmals täglich nicht genauer bekannte homöopathische Substanzen einnimmt. Eine «gesunde altersentsprechende Entwicklung» scheine zudem in dieser Familie nicht möglich zu sein.

Das «Münchhausen-(Stellvertreter)-Syndrom»

Bei Betroffenen des «Münchhausen-Syndroms» handelt es sich um Menschen, die physisch gesund, aber psychisch krank sind. Sie täuschen Krankheiten vor, fügen sich sogar selbst Verletzungen zu, um sich danach medizinisch behandeln zu lassen. Menschen mit dem «Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom» machen das Gleiche mit ihren Kindern. Sie lassen sie unnötig untersuchen und behandeln – reden die Kinder krank. In den schlimmsten Fällen misshandeln sie ihren Nachwuchs, um ihn danach wieder gesund zu pflegen. Die psychische Erkrankung gilt noch als wenig erforscht. Es gibt aber mehrere Berichte über erkrankte Mütter, die selbst in ihrer Kindheit misshandelt wurden, keine gute Beziehung zu ihren Eltern hatten und mithilfe ihres Kindes Aufmerksamkeit, Lob und Zuneigung für ihre Rolle als «gute Mutter» erfahren wollen. (NKA)

Die KESB fackelt nicht lange. Sie eröffnet ein Kindsschutzverfahren und lässt Jonas und dessen 12-jährige Schwester in eine Pflegefamilie bringen. Den Eltern wird das «Aufenthaltsbestimmungsrecht» und das Sorgerecht in medizinischen Belangen entzogen. Im Verfahren soll abgeklärt werden, ob eine Gefährdung des Kindeswohls besteht. Und ob die Eltern psychisch krank sind: Der Verdacht auf das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (siehe auch Box) besteht. Eine Art krankhafte Fürsorge. Betroffene Erwachsene reden oder machen ihre Kinder krank, um sie danach wieder gesund zu pflegen.

KESB: Kindeswohl gefährdet

Bis im vergangenen Dezember machte die KESB Region Solothurn weitere Abklärungen und Anhörungen. Um schliesslich an den bereits verordneten vorsorglichen Massnahmen festzuhalten. «Die bestehenden Hinweise auf eine erhebliche Gefährdung des Wohles» der beiden Kinder hätten «nicht zerstreut werden können». Die Eltern sind damit aber nicht einverstanden und reichten Beschwerde ein.

Deshalb musste sich das Solothurner Verwaltungsgericht mit dem Fall befassen. Im schriftlich begründeten Urteil sind die Meinungen der Einsprecher – die Eltern – und der Beschwerdegegnerin – die KESB – aufgeführt. Jonas fehle häufig in der Schule, sei sozial isoliert, so die KESB. Es sei zudem «höchst erklärungsbedürftig», dass der 15-Jährige von Ärzten als gesund erklärt wird – sich mittlerweile selber aber als krank beschreibt.

Auch die Tochter habe gesagt, «sehr ernsthaft krank» zu sein. Auch bei ihr fehlt eine Diagnose. Vieles drehe sich um das Thema Krankheit, die Kinder hätten keinen normalen Bezug zu ihrer Gesundheit, so die KESB weiter. Im schlimmsten Fall stelle die ärztliche Behandlung ohne die dafür notwendige Indikation eine Körperverletzung dar.

Medikamente «nur pflanzlich»

Die Eltern äussern sich im Gegenzug erstaunt über die Gefährdungsmeldung, die letzten Herbst erstellt wurde. Diese sei «mit einer gewissen kritischen Haltung» zu würdigen, geben sie zu Protokoll. Weiter reklamieren die beiden, die Akten seien unvollständig. Grundsätzlich basierten die Medikamente, die sie ihren Kindern verabreichen «auf natürlicher Basis». Die KESB habe gar nicht abgeklärt, inwiefern diese gesundheitsschädlich sein sollen.

Das ändert aber nichts an der Massnahme der KESB, die nun auch das Verwaltungsgericht bestätigt. «Wie die Vorinstanz überzeugend darlegt, ist bei der vermuteten Problematik eine Fremdplatzierung aller Geschwister empfehlenswert.» Es stehe fest, dass die Kindseltern unzählige unnötige medizinische Abklärungen der Kinder initiiert hätten. Mehrheitlich wegen «völlig banalen Beschwerden». Deshalb wird die Beschwerde der Eltern abgewiesen. Die Kinder bleiben in der Pflegefamilie, bis das Verfahren abgeschlossen ist und fest steht, was für das Wohl und die Gesundheit der Kinder am besten ist. Und ob die Eltern krank sind.

*Namen anonymisiert