Eine Vase, ein aus Holz geschnitztes Tier mit langen Hörnern, dessen Heimat in Äthiopien liegt. Und vor allem jenes Gefäss aus kunstvoll geflochtenen bunten Abfallsäcken, das eine Frau aus Somalia für Patricia Müller kreiert hat. Kleine Aufmerksamkeiten als Dankeschön dafür, dass die Juristin von der Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende ihren Klienten beim Wunsch in der Schweiz ein Bleiberecht zu bekommen, hat weiterhelfen können.

Die Geschenke stehen auf einer Kommode in ihrem Büro am Rossmarktplatz in Solothurn. Es handelt sich nur um eine kleine Auswahl. Zu Hause erinnern Patricia Müller noch viele weitere, oft selbst gefertigte Gegenstände an Geschichten und Schicksale von asylsuchenden Männern, Frauen und Kindern – und an den Erfolg ihrer eigenen Arbeit.

1000 Beratungen pro Jahr

Seit zehn Jahren bereits setzt sich Patricia Müller dafür ein, dass ihre besondere Klientel zu ihrem Recht kommt. Die Beratungsstelle führt gegen 1000 Beratungen pro Jahr durch. Die Juristin bewältigt diese Arbeit mit einem Pensum von 35 Prozent, unterstützt wird sie von einer juristischen Praktikantin, gemeinsam kommen sie auf gut 60 Prozent. «In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Beratungen ungefähr verdoppelt», beobachtet die 53-Jährige.

Zum einen spiegle sich in dieser Entwicklung der Anstieg der Asylgesuche, zum anderen auch die Praxis und die Prioritätensetzung der Bundesbehörden, vor allem des Staatssekretariats für Migration, das die Asylentscheide fällt.

Finanziert wird die Beratungsstelle im Kanton Solothurn zur Hauptsache von den drei Landeskirchen. Zudem beteiligt sich der Kanton mit einem Beitrag aus dem Lotteriefonds. Getragen wird die Beratungsstelle vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS).
Staatssekretariat macht Fehler

Viele der kleinen Geschenke stammen von Frauen, die im Familiennachzug in die Schweiz gekommen sind, nachdem ihre Männer ein Bleiberecht in der Schweiz erhalten hatten. Ein positiver Asylentscheid berechtigt grundsätzlich dazu, die Familie in die Schweiz zu holen. «Für ein rechtlich wasserdichtes Gesuch müssen aber eine Reihe von Formalitäten berücksichtigt werden, was viele Flüchtlinge überfordert», weiss Patricia Müller. Aus Kapazitätsgründen kann sie sich – zurzeit - aber kaum um die Beratung bei solchen Gesuchen kümmern.

Ihre Hauptaufgabe besteht vielmehr darin, Asylsuchenden beizustehen, die nach einem negativen Asylentscheid die Schweiz verlassen müssen. «Wir klären jeweils die Chancen eines Rekurses ab. Und wenn Rechtsansprüche verletzt worden sind, dann reichen wir Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein.»

Die Juristin im Dienste der Asylsuchenden kann dabei durchaus verstehen, wenn so mancher Bürger daran zweifelt, ob es eine solche Beratungsstelle überhaupt braucht. «Ich dachte am Anfang genauso,» stellt sie fest. Das Staatssekretariat für Migration beschäftigt schliesslich eine Reihe hoch qualifizierter Juristen und verfügt über eine breite Erfahrung in der Abklärung von Asylgründen. Sollte man den Entscheiden also nicht einfach vertrauen? «Solche Abklärungen sind manchmal sehr aufwendig und kompliziert, da kann es durchaus zu Fehlern kommen,» weiss Müller aus Erfahrung.

Ihre Einschätzung ist vom Bundesverwaltungsgericht denn auch immer wieder bestätigt worden. Derzeit werden zum Beispiel junge Männer aus Afghanistan in der Regel wieder in ihre Heimat zurückgeschickt, darunter auch Minderjährige, sofern ein Elternteil noch in Afghanistan lebt. «Oft ist in solchen Fällen aber unklar, wo der Elternteil sich genau aufhält, oder wie es der Mutter oder dem Vater geht.»

Immer wieder stellt Patricia Müller zudem fest, dass Asylsuchende in der Kommunikation mit den Behörden eingeschüchtert sind und ihre persönliche Situation nur sehr ungenau schildern. «Es kommen dabei längst nicht alle Asylsuchenden, deren Rekurs eine Chance auf Erfolge hat, auf die Beratungsstelle», ist sie überzeugt, «viele akzeptieren einfach den Entscheid».

Besonders viel zu tun hat die Juristin mit der Beratung von unbegleiteten Minderjährigen, die noch mitten im Asylverfahren stecken. Sie stammen neben Afghanistan vor allem aus Eritrea – und werden auch vom Amt für soziale Sicherheit an die Beratungsstelle vermittelt.

«Unsere Aufgabe besteht darin, Beweismittel einzuholen und das rechtliche Gehör der Minderjährigen sicherzustellen.» Zurzeit sind dem Kanton 106 minderjährige Asylsuchende zugeteilt, entsprechend aufwendig gestalten sich die Abklärungen. «Wir erhoffen uns deshalb eine bessere Unterstützung vom Kanton.»

Beschwerde ist nicht gratis

Ganz generell findet Patricia Müller, dass die personelle Dotierung der Beratungsstelle zu klein ist. Neben der Zunahme von Fällen spielt sie auf die laufend komplizierter werdenden Verfahren an, nicht zuletzt die Folge einer restriktiveren Gesetzgebung. «Für die gleiche Arbeit brauchen wir heute mehr Zeit.» Ihre langjährige Erfahrung erlaubt es der 53-Jährigen dabei, die Situation der Ratsuchenden rasch und richtig einzuschätzen. Die Beschwerden sind für die Asylsuchenden im Übrigen nicht gratis. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten zahlen sie einen kleinen Betrag.

Zu ihrem Berufsverständnis gehört, dass sie den Asylsuchenden keine falschen Hoffnungen macht. «Wichtig ist mir ein respektvoller Umgang mit den Menschen und Verständnis für ihre Situation.» «Ich erlebe sehr oft, dass es den Leuten psychisch schlecht geht.» Nach dem Schicksal in ihrem Heimatland und dem Erlebnis der Flucht, werden sie bei uns mit einem negativen Asylentscheid konfrontiert. Wie geht sie selbst mit diesen Belastungen um? «Es gibt diese schweren Schicksale, aber dann auch die grosse Befriedigung, wenn man jemanden zu seinem Recht verhelfen kann.»