Kebag Zuchwil
Abfall – Zivilisationsmüll oder kostbarer Wertstoff?

Jedes Jahr produzieren wir mehr Abfall. Was daraus entsteht, ist erstaunlich. In der Zuchwiler Kebag wird der Müll zu Geld gemacht. Der Direktor tüftelt dort an Innovationen.

Christof Ramser
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In der Kebag Zuchwil wird Abfall zu Geld gemacht Wie ein Fluss aus Abfall strömt der Müll durch den Betonbunker der Kebag. Mit der Greifzange werden die vier Öfen gefüttert. Wer die Halle betritt, bekommt eine Gesichtsmaske.
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In der Kebag Zuchwil wird Abfall zu Geld gemacht
Hunderte von Rädchen müssen gedreht werden, damit in der Kebag alles rund läuft.
Im Kommandoraum wird der gesamte Verbrennungsprozess gesteuert und überwacht.
Schichtführer Peter Meier wirft einen Blick in den Ofen. Vier Verbrennungslinien gibt es in der Kebag.
An den Pforten sorgen die Lastwagen stets für Nachschub an Abfall.
Kebag-Direktor Markus Juchli trennt den Müll privat und geschäftlich.

In der Kebag Zuchwil wird Abfall zu Geld gemacht Wie ein Fluss aus Abfall strömt der Müll durch den Betonbunker der Kebag. Mit der Greifzange werden die vier Öfen gefüttert. Wer die Halle betritt, bekommt eine Gesichtsmaske.

Hanspeter Bärtschi

Was haben Sie heute schon alles weggeworfen? Ein weisses Plastiksäckli aus dem Coop? Eine leere Zigarettenschachtel vielleicht, eine Shampooflasche oder gar das ausrangierte Handy? Was die Bewohner im oberen und unteren Teil des Kantons Solothurn und der bernischen Nachbarschaft in den Abfallkübel werfen, endet am Emmenspitz in Zuchwil. Dort betreibt die Kehrichtbeseitigungs AG Kebag die drittgrösste von 30 Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) der Schweiz.

Von aussen ist die Kebag ein Industriekomplex aus Betonbunkern, rechteckigen Kästen und einem Wirrwarr von Blechröhren. In dieser Anlage werden die Überreste des Konsums von fast einer halben Million Menschen aus zwei Kantonen verbrannt. 388 Kilo Abfall produziert jeder Einzelne von uns. Das ist mehr als ein Kilo pro Tag. Und es wird jährlich mehr.

Kebag: Im Besitz der Gemeinden

Die Kehrichtbeseitigungs AG Kebag gehört der öffentlichen Hand. 102 Berner und 86 Solothurner Gemeinden sind entweder Aktionäre oder Vertragspartner. Das Aktienkapital beträgt 5 Millionen Franken. Letztes Jahr machte der Betrieb fast 5 Millionen Franken Gewinn.
Die Anlage wurde 1976 eröffnet, 1991 wurde die Sackgebühr eingeführt. Damit werden die Entsorgungskosten entschädigt.

Doch die KVA wird ausrangiert. Eine neue Anlage entsteht. Bis es so weit ist, werden die rot-weiss gestreiften Kamine noch täglich ihre Dampffahne ausblasen.

«Heute ist Alpenluft»

Bis zu 300 Lieferungen Müll werden täglich an den Emmenspitz gekarrt. Im Minutentakt biegen die Lastwagen in die Zufahrtsstrasse ein. Dazu kommen drei Bahnladungen pro Tag von den Umladestationen in Grenchen, Lyssach, Langenthal, Olten, Balsthal-Klus und Krauchthal.

Wie vier Schlunde sehen die Pforten in der grauen Wand aus. Hier wird die unerwünschte Lieferung abgeladen. Direkt dahinter liegt der Bauch der Kebag. 1000 Tonnen Abfall landen pro Wochentag im Betonbunker. Jede Dreifachturnhalle wirkt bescheiden im Vergleich dazu. Es knirscht und scheppert im Abfallberg. Glas klirrt. Es ist ein Fetzenmosaik in allen Farbtönen. Graue Kehrichtsäcke sind kaum zu sehen. Dafür sieht man Plastikstühle, und weiter hinten stecken bunte Eimer im Haufen.

Wer im Sommer schon einmal den Deckel eines Abfallcontainers geöffnet hat, weiss, wie es im Kebag-Bunker riecht. Säuerlich, mit einer Note ins Faulige. «Heute ist Alpenluft!», ruft Kebag-Direktor Markus Juchli, der sich aus dem separat belüfteten Trakt in den stinkenden Bunker gewagt hat. Die Gesichtsmaske zieht er erst gar nicht an. «Wir riechen das gar nicht mehr.» Obwohl: An heissen Tagen kann der strenge Geruch in der Halle dann doch zur ätzenden Keule neapolitanischer Prägung werden.

Weit oben an der Decke sitzt Hans Kläusler in einem Glaskasten. Von seinem Steuerpult aus bewegt der Kranführer die krakenartige Greifzange und schichtet über 20 Meter hohe Abfallberge auf. «Das ist die Kunst des Kranführers», sagt Juchli. Sechs Kubikmeter Abfall kann Kläusler mit der Zange greifen, bevor er ihn unter Getöse in einen der vier Einfülltrichter donnern lässt. Von dort wird der Müll mit einem Stössel auf den Verbrennungsrost geschoben.

Der Direktor als Tüftler

Acht Stunden dauert es, bis der Abfall von der Trichtermündung ganz unten auf dem Rost landet. Von unten wird Luft zugeführt. Sie sorgt dafür, dass die Flammen stetig lodern. Schichtführer Peter Meier kommt aus dem Kommandoraum, wo er den Verbrennungsprozess überwacht. Jetzt steht er vor dem Ofen, öffnet eine Luke und blinzelt durch das Guckloch. Sofort strömt die Hitze heraus. Ein Flammenmeer von 1000 Grad Celsius strahlt Meiers Gesicht an. Vier Öfen verbrennen den Abfall, drei Linien sind permanent in Betrieb. «Das muss so sein, schliesslich liefert die Kebag auch Fernwärme», sagt Markus Juchli. «Es wäre nicht lustig, wenn wir an Weihnachten plötzlich keine Fernwärme mehr produzieren würden.» Federnden Schrittes setzt der Direktor die Führung durch sein Reich fort. Im Treppenhaus nimmt der 54-Jährige immer zwei Tritte auf einmal. Oben auf dem Dampfkessel ist es heiss wie in einer Sauna. Es zischt und dampft, und überall führen Röhren weg. Wenn wir die organische Analogie weitertreiben, befinden wir uns jetzt im Gedärme der gut geölten Maschine Kebag.

Seit 9 Jahren ist der Zuchwiler Juchli hier der Chef. Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Hinter dem etwas nüchternen Mann steckt ein Tüftler. Juchli ist diplomierter Chemiker. Ständig versucht er, noch mehr aus den Stoffen herauszuholen, die von der Gesellschaft hinterlassen werden. Neben Fernwärme produziert eine Turbine 18 Megawatt Strom. Die Kebag wird zunehmend zum profitablen Recycling-Betrieb.

Die Schweiz, eine Zink-Produzentin

Die wohl grösste Innovation im Hause Kebag ist eine Anlage zur Rückgewinnung von Zink. «Wir sind die einzige KVA auf der Welt mit einer solchen Anlage», sagt Juchli. Bis zu einer Tonne Zink pro Tag gewinnt die Kebag zurück. Verkauft wird das Metall in kompakten Platten ins Ausland. In Frankreich und Belgien wird ein Marktpreis von 2200 Dollar pro Tonne gezahlt. «Ein Abnehmer in Belgien wollte kaum glauben, dass in der Schweiz hochreines Zink produziert wird», sagt Juchli und lacht. Insgesamt erwirtschaftet die Kebag eine Million Franken Erlös aus der Rückgewinnung von Metallen wie Eisen, Aluminium, Kupfer, rostfreiem Stahl oder Zink.

Trotz aller Innovation: 25 Prozent des Abfalls bleiben nach der Verbrennung als Schlacke zurück. Von einer Tonne Müll, die in den Kebag-Schlund geworfen werden, kommen hinten 250 Kilo als Unverdautes heraus. Die Schlacke kann nicht weiterverarbeitet werden und wird in eine Deponie nach Krauchthal gebracht. Die Flugasche dagegen wird separat behandelt. Der Stoff endet in einem Salzbergwerk in Deutschland unter Tage, oder er wird mit Zement verfestigt.

Die Kebag als Körper – dazu passt, dass alle Anlagen Namensschilder tragen. «Bettina, Sabrina . . . das macht es persönlicher», sagt Juchli. Auf der Turbine prangt sein eigener Name. «Markus, Lizenz zum Gelddrucken», steht da. Der Chef zuckt mit den Schultern. «Das mit dem Geld stimmt leider nicht mehr.» Die Preise für die produzierte Energie fallen. Vor drei Jahren hat die Kebag für eine Kilowattstunde Strom noch 9 Rappen erhalten. Heute sind es 4 Rappen. «Das müssen wir kompensieren.»

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