Nachkriegsarchitektur
Abbruch der «Ludervilla» wäre für den Denkmalpfleger schmerzlich

Seit in Solothurn mit der «Ludervilla» ein bedeutender Bau aus den 1960er-Jahren abgerissen werden soll, regt sich Widerstand. Architekten fürchten um den Verlust wichtiger Bauten aus der Nachkriegszeit. Ist schon zu viel weg? Denkmalpfleger Stefan Blank sagt: «Wir sind früh dran.»

Lucien Fluri
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Denkmalpfleger Stefan Blank zur Ludervilla. Deren geplanter Abriss gibt zu Reden.

Denkmalpfleger Stefan Blank zur Ludervilla. Deren geplanter Abriss gibt zu Reden.

hjs/ww

In Solothurn soll eine Villa aus den 60er-Jahren abgerissen werden, die in Fachkreisen als «eine der bedeutendsten Wohnbauten des 20. Jahrhunderts im Kanton» gilt. Wie konnte es so weit kommen?

Stefan Blank: Das Haus steht nicht unter kantonalem Schutz. Es ist nur als erhaltenswert eingestuft. Aber es war in unserem Fokus. Wir waren früh auf dem Plan und hatten Gespräche mit der Eigentümerschaft. Dann kam es zu einem Wasserschaden und man hat unglücklicherweise begonnen, die Innenausstattung ohne unser Wissen zu entfernen. Dies hat zu einem empfindlichen Verlust geführt. Dann wurde der Ersatz der Fensterfronten geplant, die ein wesentliches Element dieses Hauses sind, inklusive Ersatz des maroden Balkons. Wenn man alle dies umsetzt und die Innenausstattung weg ist: Was hat man dann noch an originaler Bausubstanz? Dies verleitete mich zur Aussage, dass ein Abbruch vertretbar ist.

Die Villa wurde 1961 erbaut und seither kaum verändert
4 Bilder
Ludervilla am Sälirain in Solothurn
Das Haus hat einige Mängel Ein Wasserschaden und Schimmelpilzbefall, nötige Asbestsanierung, Einsturzgefahr des Balkons, zerstörte Kanalisation sowie eine mangelnde Wärmedämmung der Gebäudehülle.
Deswegen musste die «Ludervilla» verlassen werden

Die Villa wurde 1961 erbaut und seither kaum verändert

Wolfgang Wagmann

Schmerzt Sie dies?

Natürlich. Das ist der Verlust eines Kulturdenkmals.

Das Haus wurde verändert, ohne dass Sie dies wussten. Kürzlich sorgte in Olten für Aufsehen, dass das Blumenhaus Lehmann abgerissen wird - ohne dass die Denkmalpflege involviert war.

Das Haus in Olten war nicht geschützt, da wurde eine Geschichte auch aufgebauscht. Aber wir sind grundsätzlich keine grosse Fachstelle und personell eng besetzt. Wir können nicht überall zur Stelle sein.

Im Vergleich zur Zahl der Objekte haben Sie eher zu wenig Personal?

Wir sind vier Leute, die sich in den Gemeinden aufhalten. Alle haben noch andere Aufgaben und machen dies nur in einem Teil ihres Pensums. Eine Person ist etwa für den ganzen Bucheggberg und das Schwarzbubenland zuständig. Allein schon dies sagt, wie die personelle Stellung ist.

Wie können Sie so überwachen, was abläuft? Wenn jemand das Badezimmer oder die Fenster erneuern will, muss er ja kein Baugesuch einreichen.

Wenn ein Gebäude unter Schutz steht, müssen die Eigentümer jede Änderung mit uns absprechen. Wenn ein Objekt als schützens- oder erhaltenswert eingestuft ist, ist es an der Bauverwaltung, mit uns Kontakt aufzunehmen. Eine Eigentümerschaft, die das Gespür hat, sollte von sich aus anklopfen. Wir sind darauf angewiesen, dass sich Gemeinden oder Eigentümer bei uns melden.

Wenn es jemand nicht meldet, sind Sie chancenlos?

Ja. Schlichtweg.

Bräuchten Sie mehr Instrumente, um solche Fälle frühzeitig zu verhindern?

Grundlegender Handlungsbedarf besteht meines Erachtens nicht. In der Regel läuft es gut. Aber es gibt trotzdem immer wieder Fälle, wo es Verluste gibt. Aus meiner Sicht könnte man die Überwachung der Bauten aus der Nachkriegsarchitektur verstärken, indem vermehrt schützenswerte Gebäude aus dieser Zeit in die Zonenpläne aufgenommen werden. Es sind längstens nicht alle Bauten aus der Nachkriegsarchitektur dort verzeichnet, auch wenn wir diese aus fachlicher Sicht als schützenswert ausgemacht haben. Das liegt an einer Eigenheit im Kanton Solothurn. Wir haben nur ein Inventar der wirklich geschützten Objekte. Wir haben kein grossflächiges Bauinventar wie der Kanton Bern, der flächendeckend inventarisiert. Deshalb stehen nicht in jeder Gemeinde erhaltens-und schützenswerte Objekte im Zonenplan. Es kann deshalb sein, dass nicht erfasste Gebäude ohne unser Wissen verändert werden.

Gibt es nicht auch Widerstand, gerade aus Architekturkreisen, gegen den Abriss der Villa, weil es ein Präzedenzfall für den Umgang mit der Nachkriegsarchitektur ist.

Das ist sicher ein Grund. Der Widerstand – und was er auslöst – ist auch wichtig für die Denkmalpflege. Es schärft das Bewusstsein in der Bevölkerung und zeigt: Solche Bauten sind den Leuten nicht egal. Vielleicht fehlt in der breiten Bevölkerung das Bewusstsein für Nachkriegsarchitektur noch etwas. Aber es gibt Kreise, und die sind nicht klein, die diese Architektur als Zeitzeuge erhalten wollen.

Wurde in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um den Wert der Nachkriegsarchitektur bekannt zu machen?

Gerade im Kanton Solothurn geschah da in den letzten Jahren einiges, etwa die Verleihung des Wakkerpreis für Grenchen. Wir haben diese Aufgabe ebenfalls wahrgenommen: Im 2013 erschienenen Inventar Hanak haben wir die 200 wichtigsten Bauten aus dem Zeitraum 1940 bis 1980 erfasst. Mindestens zu diesen sollten wir Sorge tragen. Man muss aber auch sagen: Die Situation der Nachkriegsarchitektur ist ein Sonderfall. Wir sind eigentlich früh dran. Rund ein Drittel der Gebäude in der Schweiz stammt aus der Nachkriegszeit. Aus dieser Masse können wir bestimmen, welche Gebäude aus denkmalpflegerischer Sicht die wichtigsten sind. Das ist eine Chance. Die Architektur von Ende des 19. Jahrhunderts fristete dagegen lange Zeit ein stiefmütterliches Dasein. Erst in den 1970er-Jahren begann man die Architektur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis nach der Jahrhundertwende als eigenständige Epoche mit bedeutenden Bauwerken wahrzunehmen. Da war schon sehr vieles dem Bauboom der 1960er und 70er-Jahre zum Opfer gefallen. Das ist bei der Nachkriegsarchitektur noch nicht der Fall. Diese Bauten kommen aber langsam ins Alter und werden zunehmend sanierungsbedürftig: sie geraten so unter Druck.

Wo ist der Übergang von etwas, das die Bevölkerung als Ballast anschaut und etwas, das als schützenswert gilt?

Wir haben die Faustregel, dass etwas mindestens 30 Jahre alt sein muss, damit sein kulturhistorischer Wert überhaupt beurteilt werden kann. Von Fachleuten erstellte Inventare helfen, architektonische Qualitäten zu erkennen und die Hauptwerke einer Epoche zu bezeichnen.

Letztlich ist es auch eine Frage der Öffentlichkeitsarbeit: Wie kann man den Leuten bewusst machen, welches Gebäude aus welchen Gründen wichtig ist und somit ein Kulturdenkmal sein kann?. Das ist ein Teil unserer Aufgabe. Inventare bilden eine unabdingbare Grundlage für den Schutz erhaltenswerter Architektur.

Am Fall der Villa zeigt sich doch ein Problem: Es gibt das öffentliche Interesse, etwas zu erhalten. Zahlen soll aber der Eigentümer, der vielleicht ganz andere Ansprüche hat, etwa an den Komfort.

Erstens gehen wir davon aus, dass jemand, der ein solches Haus kauft, Freude daran hat und positiv darauf eingestellt ist. Das ist wie ein Oldtimer. Ein Liebhaber will daraus auch nicht ein komplett neues Auto machen.

Wenn jemand ein historisches Gebäude kaufen will, ist es die Pflicht des Eigentümers, sich zu informieren, ob dies in einem Inventar ist oder im Grundbuch einen Eintrag hat. Zweitens: Einschränkungen von kantonaler oder kommunaler Seite gibt es überall. Schon das Baugesetz an sich bedeutet eine Einschränkung.

Aber Sie legen den Eigentümern teils grosse Fesseln an.

Wenn jemand einen Oldtimer kauft, will er einen Oldtimer. Wer einen als Kulturdenkmal eingestuften Altbau kauft, muss bereit sein, Kompromisse einzugehen. Aber auch wir suchen nicht die Konfrontation, sondern versuchen die für alle Beteiligten beste Lösung zu finden.

Mir ist wichtig zu sagen, wie klein der Anteil der Gebäude ist, bei denen wir «mitreden». Wir haben rund 98 000 Gebäude im Kanton. Nur etwas mehr als 1000 Gebäude sind unter kantonalem Schutz. Das ist rund ein Prozent. Zusammen mit den erhaltens- und schützenswerten Objekten sind ungefähr 3,5 Prozent des Gebäudebestandes im Kanton im Fokus der Denkmalpflege. Beim Rest reden wir nicht mit.

Wenn die Öffentlichkeit etwas schützen will, wäre die Konsequenz, dass es mehr Geld bräuchte und der Eigentümer entlastet wird.

Wir hätten gerne mehr Geld (lacht). Aber wir müssen mit dem auskommen, was zur Verfügung steht. Mit dem normalen Budget kommen wir gerade durch und gewährleisten den Normalbetrieb. Für mehr reicht es nicht. In Ausnahmefällen sind wir dankbar für ausserordentliche Lösungen.

Wo kommt es in der Regel zu Reibungen zwischen Denkmalpflege und Hauseigentümern?

In der letzten Zeit geht es häufig um energetische Sanierungen. Viele Besitzer wollen etwa die Fenster ersetzen. Da gibt es Diskussionen. Vielleicht muss man dann sehr alte, kostbare Fenster aufrüsten und darf sie nicht ersetzen.

Auch Komfortansprüche geben zu reden, etwa wenn jemand eine Ausstattung einbauen will. Dann schauen wir, was vielleicht erhalten werden muss. Wir versuchen, im Gespräch Lösungen zu finden. In der Regel finden wir einen Konsens. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass die Leute sagen, zum Glück haben wir es so gemacht, wie Sie wollten.

Es gibt genug Leute, die das Verständnis für alte Gebäude haben und auch Geld investieren wollen?

Ich bin mir da sicher. Oft genug kommen Leute zu historischen Häusern, die auch ein Verständnis dafür haben.

Seit Jahren steht das Gebäude (rechts im Bild) an der Goldgasse in der Solothurner Altstadt leer, der Zahn der Zeit nagt. Die Denkmalpflege kann wenig tun.

Seit Jahren steht das Gebäude (rechts im Bild) an der Goldgasse in der Solothurner Altstadt leer, der Zahn der Zeit nagt. Die Denkmalpflege kann wenig tun.

Hanspeter Bärtschi

Letztlich haben Sie aber kaum Handhabe, wenn der Eigentümer nicht mitmacht. Mitten in der Solothurner Altstadt steht ein Haus, um das sich der Besitzer seit Jahren nicht kümmert.

Wir haben dieses Objekt schon lange auf dem Radar. Wir hoffen, dass mal etwas passiert. Aber wir können und wollen den Eigentümer nicht zwingen, zu intervenieren. Wir werden aber immer im Auge behalten, dass der Bestand gesichert ist und nicht wesentliche Schäden entstehen.

Stichwort Finanzen: Die Kirchgemeinden haben viele geschützte Bauten. Die Kirchenaustritte nehmen aber zu und finanziell stehen die Kirchen auf wackligeren Beinen.

Das ist ein grosses Problem, das aber nicht nur Solothurn-spezifisch ist. Es wird immer wieder zu Schliessungen und Umnutzungen von Kirchen kommen. Aber wir haben da keine Patentlösungen. Da wird man von Fall zu Fall die bestmögliche Lösung finden müssen.

Ein anderes Thema: Soeben wurde bekannt, was die neuen Besitzer des Kurhauses Weissenstein vorhaben. Diese haben von langen Verhandlungen gesprochen. Wo geben Sie da jeweils nach und wo ist die rote Linie?

Das ist vom Gebäude abhängig. Wir verfolgen den Grundsatz, Eingriffe in eine historische Bausubstanz wenn möglich zu konzentrieren und nicht überall etwas zu machen und am Ende das Gebäude völlig unkenntlich zu hinterlassen. Das lässt sich aufs Kurhaus übertragen. Der Altbau soll in seiner Erscheinung und Substanz möglichst erhalten bleiben. Dafür ermöglichen wir den Neubau, der alle zusätzlichen Nutzungsansprüche abdecken kann.

Die sogenannte Trinkhalle ist ein grosser Glasbau, für den ein Teil des historischen Ostflügels weichen muss. Welche Ansprüche hatten Sie da?

Für uns war immer klar: Wenn es wirklich noch einen Neubau braucht, muss er dort stehen, wo er nun stehen soll. Das sahen alle Beteiligten so. Dann war noch die Frage, wie an den Altbau angedockt wird. Da gab es Diskussionen. Wir wollten den Ostflügel zuerst ganz erhalten. Dann gab es verschiedene Variantenstudien. Und dann kamen wir selbst zum Schluss, einen Teil abzubrechen. Das ist ein Prozess. Ich denke, dass nun ein gutes Projekt vorliegt.

Auch hier war das Problem: Da ist jemand, der Geld investieren muss und Ansprüche hat.

Und wenn jemand das Kurhaus kauft, weiss er oder sie schon im Vorneherein, dass der Altbau geschützt ist und er auch in diesen Geld investieren muss. Er kann nicht nur sagen, ich will dies und dies neu machen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass Baudenkmäler einen wesentlichen Faktor für den Tourismus und die Attraktivität eines Ortes darstellen. Investitionen kommen zurück.

Letztlich haben Sie aber beim Osttrakt nachgegeben?

Ob es ein Nachgeben ist? Wir kamen selbst zum Schluss, dass die jetzige Lösung die bessere ist. Aber wir stimmten nicht von Anfang an zu. Es wurde immer gesagt, der Osttrakt sei marode. Aber er hätte ganz gut saniert werden können. Wir haben verschiedene Varianten geprüft und gesehen, dass die Variante mit Erhalt weniger gut ist. Es ist besser fürs Gesamtbild, wenn man diesen Trakt abbricht. Dafür wird auf der Westseite die Terrasse nicht überdeckt. Es ist ein Geben und Nehmen.

Das Standardwerk

In der breiten Öffentlichkeit sind Bauten aus der Nachkriegszeit meist nicht mehr als alte Häuser. Erst nach und nach wird ihr Wert erkannt. Beispielsweise war das Betonschalen-Dach der Autobahnraststätte in Deitingen, der Silberkugel, noch 1999 vom Abbruch bedroht und die Unterschutzstellung sorgte für Aufsehen.

Welche Gebäude im Kanton von besonderer Bedeutung sind und in Zukunft einmal als herausragende Zeitzeugen dieser Epoche gelten könnten, hat der Architekturhistoriker Michael Hanak im Auftrag der Denkmalpflege zusammengetragen. Sein Buch «Baukultur im Kanton Solothurn 1940–1980. Ein Inventar zur Architektur der Nachkriegsmoderne» ist «Bibel» für Interessierte. Es umfasst rund 200 Objekte.

«Inventare bilden eine unabdingbare Grundlage für den Schutz erhaltenswerter Architektur», sagt der kantonale Denkmalpfleger Stefan Blank. Strategien für den denkmalpflegerischen Umgang mit den Baustoffen und Konstruktionssystemen der Nachkriegsarchitektur müssten jedoch erst noch laufend erarbeitet und erprobt werden. (lfh)