Solothurn
8000 Franken gesammelt: Crowdfunding verschafft Mutter mit krankem Sohn Zeit

Ein krankes Kind fällt durch Lücken im System, als es erwachsen wird und nicht mehr die IV, sondern die Krankenkasse zuständig ist. Diese zahlt weniger - die Mutter steht vor finanziellen Sorgen. Bis ein Nachbar Geld sammelt.

Noëlle Karpf
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Wird auch als Systemfehler bezeichnet: Krankenkassen dürfen Transporte nur zur Hälfte bezahlen.

Wird auch als Systemfehler bezeichnet: Krankenkassen dürfen Transporte nur zur Hälfte bezahlen.

Keystone

Es ist ein Einzelschicksal, das kürzlich mehrere Menschen bewegt hat. Ein Einzelfall, der Baustellen im System aufzeigt. Das Ganze spielt sich in Solothurn ab. Hier wohnt Deborah Hasler mit ihren beiden Kindern. Der Jüngere, mittlerweile zwanzig Jahre alt, leidet unter spinaler Muskelatrophie. Das bedeutet vereinfacht gesagt: Wenn er nicht gezielt Training macht, bilden sich seine Muskeln zurück. So braucht der junge Mann Physiotherapie, Reha – und einen Fahrdienst, der ihn dort hin aber auch zur Schule bringt.

Deborah Hasler

Deborah Hasler

Zur Verfügung gestellt

Und hier beginnt das Problem: Bislang hat die IV die Kosten abgedeckt. Ab dem 20. Lebensjahr ist aber die Krankenkasse zuständig. Und diese hat der Mutter mitgeteilt, dass Fahrkosten nur noch zu 50 Prozent übernommen werden. «Es geht um 1900 Franken monatlich – diesen Betrag kann ich nicht zahlen», so Deborah Hasler. Das Ganze habe sie «aus der Bahn geworfen»; die Geschichte hat Hasler dann auf Facebook gepostet. Das führte zu zahlreichen Rückmeldungen – und rief auch Haslers Nachbar auf den Plan: Chris van den Broeke, Präsident der BDP im Kanton.

Über 5000 Franken in zwei Tagen gesammelt

Van den Broeke hat ein Crowdfundingprojekt gestartet, um Geld für seine Nachbarin zu sammeln. Innert zwei Tagen war das Ziel von 5000 Franken bereits erreich. «Weil es mich aufgeregt hat», begründet van den Broeke seinen Einsatz. «Mit dieser Erkrankung ist nicht zu spassen», das Verhalten der Krankenkasse bezeichnet er als kontraproduktiv. Diese hat nämlich auch die Reha abgesetzt, mit der Begründung, der Zustand des Betroffenen habe sich nicht verschlechtert. Nur: Die Reha habe jeweils dafür gesorgt, dass sich der Zustand des Sohnes nicht verschlechtert hat; laut Deborah Hasler lief die Physio jeweils besser.

So oder so: Ohne Fahrdienst kann der junge Mann weder in die Reha noch in die Physio. Die Autoprüfung hat er noch nicht, laut der Mutter hat er aber Sehtest und Nothelferkurs im Kasten. Das Problem hier: Er bräuchte ein umgebautes Auto. Auch das kostet. Die IV zahlt zwar den Umbau, nicht aber das Fahrzeug selbst.

Das sagt die Kasse

«Es ist uns bewusst: Eine schwerwiegende chronische Krankheit verursacht nicht bloss viel menschliches Leiden, sondern ist zumeist auch mit finanziellen Konsequenzen verbunden», schreibt die zuständige Krankenkasse EGK. Ihr liege es aber fern, auf Kosten der Gesundheit eines Menschen zu sparen – man halte sich an die massgebenden Richtlinien.

Wie auch Nationalrätin Franziska Roth festgestellt hat, handelt die EGK bezüglich Transportkosten gesetzeskonform: Bei Transportkosten schreibt das Krankenversicherungsgesetz vor, dass diese zu 50 Prozent bis zu einer Höhe von 500 Franken jährlich bezahlt werden. Und die IV, welche mehr zahlt, wird ab dem 20. Lebensjahr von der obligatorischen Krankenversicherung abgelöst.

Für eine stationäre Reha, heisst es weiter, müsse ein «akutes medizinisches Problem» oder eine «erhebliche Verschlechterung» vorliegen. Der Vertrauensarzt habe diesen Punkt sorgfältig beurteilt; die Gesuche hätten abgelehnt werden müssen. Man habe «materiell eine korrekte Beurteilung vorgenommen», so die EGK. «Was die Kommunikation betrifft, besteht in unseren Augen Verbesserungspotenzial, wenn wir es nicht geschafft haben, die geänderten Rahmenbedingungen plausibel zu machen.»

Mit dem Crowdfundingprojekt, das noch weiterläuft, sind mittlerweile schon knapp 8000 Franken zusammengekommen für die Familie. «Das haut mich aus den Socken», kommentiert Hasler. «Die Anteilnahme berührt mich extrem – so viele Leute haben etwas beigesteuert; und dabei herrscht ja für viele selbst Krisenzeit.» Mit dem Geld kann Hasler die nötigen Fahrkosten für mehrere Monate stemmen, die Familie hat also etwas Zeit geschenkt erhalten. Was die Reha angeht, so wolle sie nochmals intervenieren bei der Krankenkasse.

Nachdem sie ihre Geschichte auf Facebook geteilt hat, hat sie nämlich einiges an Informationen und auch einige Anlaufstellen erhalten. So konnte sie sich an die Pro Infirmis wenden, mit deren Hilfe sie versucht, die Reha für den Sohn wieder zu erhalten. Auch von SP-Nationalrätin Franziska Roth sei sie unterstützt worden, berichtet die Muter, was die Politikerin bestätigt. Als ungerecht beschreibt auch Roth die Situation, sie sagt aber auch: Die Kasse handelt gesetzeskonform, etwa was die Transportkosten angeht. Laut Roth gibt es aber mehrere Baustellen im System, gerade etwa die Vorgabe zu den Transportkosten. «Das widerspricht der UNO-Behindertenrechtskonvention», so Roth. Sie wolle sich dafür einsetzen, dass diese konsequent umgesetzt werde, alle Menschen gleich behandelt würden. Aufgrund einiger Lücken im System fielen manche heute noch durch die Maschen.

So wie der Sohn von Hasler. Für allfällige Systemänderungen braucht es aber Zeit. Kurzfristig hat die Familie aus Solothurn zumindest dank des Crowdfundingprojekts zumindest ein finanzielles Polster erhalten. Hasler betont, sie wolle kein Mitleid suchen mit ihrer Geschichte. «Ich will einfach zeigen, dass etwas falsch läuft im System.»