Obergericht
64-jähriger Türke will nichts von Schussabgabe wissen

Ein 64-jähriger Türke soll 2007 in Trimbach versucht haben, einen Mann zu erschiessen. Vor dem Obergericht bestritt der erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren Verurteilte alles.

Adriana Gubler
Drucken
Teilen
In diesem Klublokal in Trimbach soll der Beschuldigte 2007 auf einen Mann gezielt haben.

In diesem Klublokal in Trimbach soll der Beschuldigte 2007 auf einen Mann gezielt haben.

HR Aeschbacher

Das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen vom 28. Juni 2012 stiess bei beiden Parteien auf Missfallen. Es hatte einen damals 62-jährigen psychisch kranken IV-Bezüger wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie wegen Vergehens gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt, diese war allerdings zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben worden.

Mit diesem Urteil war Staatsanwalt Pascal Flückiger nicht zufrieden: Er wertete die Strafe als viel zu mild und ging in Berufung.

Der türkische Angeklagte seinerseits, der nach wie vor beteuert, er habe mit der Schussabgabe im Klublokal Azeri in Trimbach nichts zu tun, appellierte ebenfalls gegen das Urteil der Vorinstanz – mit dem Ziel eines Freispruchs.

Der Schuss löste sich nicht

Am Donnerstag fanden sich die zwei Parteien nun zur zweitinstanzlichen Verhandlung vor dem Obergericht mit Hans-Peter Marti (Vorsitz), Daniel Kiefer und Marcel Kamber wieder. Der Vorsitzende konfrontierte den Türken, der seit 42 Jahren in der Schweiz zu Hause, vor Gericht aber dennoch auf eine Dolmetscherin angewiesen ist, mit den Vorwürfen.

Der Angeklagte soll am 21. Mai 2007 im Klublokal Azeri aus einem Meter Distanz mit der Pistole auf die Brust eines Landsmannes gezielt und abgedrückt haben. Allerdings habe sich kein Schuss gelöst.

Der Beschuldigte hat laut Anklageschrift nachgeladen und die Waffe erneut auf den Mann gerichtet. Weil dieser in ein Handgemenge verwickelt war, konnte der Angeklagte nicht auf ihn feuern. Er drückte folglich in Richtung der Decke ab und ergriff die Flucht.

Sieben Jahre sind gefordert

Der 64-Jährige wollte nichts davon wissen. «Ich kenne Trimbach und Olten nicht einmal. Ich war noch nie dort – auch nicht in diesem Klublokal. Ich habe nichts mit der Sache zu tun», stritt der im Aargau wohnhafte Beschuldigte alles ab. Und den Geschädigten, der derzeit wegen einer Straftat im Kanton Thurgau sitzt, habe er noch nie zuvor gesehen. Der Angeklagte redete nur Türkisch, weshalb die Dolmetscherin alle seine Aussagen übersetzen musste.

Die Unschuldsbeteuerungen des Angeklagten kanzelte Staatsanwalt Flückiger in seinem Plädoyer als Schutzbehauptungen ab. Für ihn gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich beim Angeklagten um den Täter handelt. In der Schuldfrage verwies er auf die «seriöse Beweiswürdigung» des amtsgerichtlichen Urteils.

Nicht einig ist er mit der Erstinstanz allerdings in der Frage des Strafmasses. «Der Beschuldigte hat sich nach der Schussabgabe einfach aus dem Staub gemacht. Während der Einvernahmen stellte er sich dumm, sodass er den Behörden die Arbeit erschwerte», nannte Flückiger Gründe, die sich seiner Ansicht nach negativ auf das Strafmass auswirken.

Er sprach von «schwerem Verschulden» und forderte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Eine stationäre Massnahme hält der Staatsanwalt nicht für sinnvoll, da der Angeklagte eine «mangelnde Therapiebereitschaft» aufweise.

Keine Waffe, kein Schuldspruch

Im Gegensatz zum Staatsanwalt rollte Pflichtverteidigerin Corinne Saner in ihrem Vortrag im Detail die Geschehnisse des Tatabends auf und stellte die Glaubwürdigkeit einzelner Zeugenaussagen und insbesondere jene des Geschädigten infrage: «Die Täterbeschreibungen der verschiedenen Zeugen sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Einer der Zeugen sprach von nach hinten gekämmten grauen Haaren, was überhaupt nicht auf den Angeklagten zutrifft.»

Saner forderte, dass in diesem Fall von der Unschuldsvermutung auszugehen sei. Denn: «Beim Beschuldigten wurden keine Tatwaffe und auch keine Spuren, die auf Munition hindeuten, gefunden.»

Der Antrag der Verteidigerin lautete auf Freispruch: «Der Angeklagte war schliesslich gar nie am Tatort.» Sollte das Gericht den Angeklagten dennoch schuldig sprechen, sei eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten genug.

Das Obergericht stellte in Aussicht, den Parteien sein Urteil heute Freitag zu verkünden.