Region Solothurn

60 Prozent mehr Senioren bis 2033: Studie liefert erstmals Zahlen zur alternden Gesellschaft

Eine neue Studie malt ein dunkles Bild: Aufgrund der alternden Gesellschaft kommen hohe Kosten auf Solothurner Gemeinden zu.

Die Gesellschaft wird immer älter. Das ist nichts Neues. Jetzt sagt eine Studie aber zum ersten Mal auch die finanziellen Entwicklungen in der Region Solothurn voraus. Sie zeichnet kein gutes Bild: Auf Gemeinden und Steuerzahler kämen hohe Kosten zu. Und: Gewappnet sei der Kanton dafür nicht. Das soll sich ändern.

Mehr Senioren; weniger Erwerbstätige. So wird sich unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Wie genau dieser Wandel in der Region aussieht, konnte man bisher aber nicht konkret aufzeigen. Jetzt kann man dies. Denn: Zwei junge Solothurner Studenten haben sich mit dem Thema befasst. Sie erforschten im Rahmen ihrer Bachelorarbeit, wie sich die Gesellschaft in 41 Solothurner Gemeinden bis ins Jahr 2033 entwickelt und was dieser Wandel bedeutet. Bis 2033 dürften nämlich die allermeisten Angehörigen der Generation Babyboom im Rentenalter sein.

Die Ergebnisse sind einmalig im Kanton; sie wurden diese Woche an einer Medienorientierung vorgestellt. Positiv stimmen sie nicht. Die Studie kommt zusammengefasst zum Schluss, dass es bis 2033 weniger Steuerzahler, mehr Senioren und massiv höhere Kosten in den Gemeinden geben wird.

infogram: Pensionierte und Erwerbstätige in der Region Solothurn plus Veränderung der Einkommenssteuer von 2017 bis 2033

Die Stimmung an der Medienorientierung war aber gut; gar euphorisch. So meint André Naef: «Wir machen hier einen ersten wichtigen Schritt Richtung Zukunft.» Naef ist Präsident des Vereins Sovision Espace Solothurn, der die Studie gemeinsam mit dem Verband der Solothurner Einwohnergemeinden bei der Fachhochschule Nordwestschweiz in Auftrag gegeben hatte.

AHV, Spitex, Altersheime: Kosten steigen um 60 Prozent

Florian Kaiser und Sandra Jedrinovic haben sich mit der Einkommenssteuer, Altersheimplätzen und Hausärzten, Spitexkosten und Ergänzungsleistungen beschäftigt. Zwei Thesen haben sie verfolgt. Erstens: «Die Alterung der Gesellschaft führt zu massiv höheren Kosten für die Gemeinden.» Zweitens: «Der Teil der arbeitenden Bevölkerung wird weiter abnehmen und zu tieferen Einkommen für die Gemeinden führen.» Die Thesen haben sich – zumindest teilweise – bewahrheitet.

Zwar wird die Bevölkerung bis 2033 wachsen, was auch zu leicht mehr Steuererträgen führen wird. Das ist aber nichts im Vergleich zu den Kosten, die anfallen.

Laut Studie sinkt die Anzahl Erwerbstätiger bis 2033 in der Region Solothurn um 8 Prozent, die Anzahl Pensionierter steigt um 58 Prozent. Gleichzeitig steigen Kosten für Spitex oder Altersheimbeiträge an. Und zwar massiv. Über alle Gemeinden gesehen, rechnen die Studenten mit einem Kostenanstieg von 60 Prozent. Wobei dieser Anstieg je nach Gemeinde zwischen 30 und 90 Prozent variiert.

Die Studie sagt aber nicht nur aus, dass es mehr Pensionierte und viel höhere Kosten geben wird. Sondern auch: «Strukturell und finanziell ist die Region nicht auf diesen Wandel vorbereitet.» Mathias Binswanger, Professor an der Fachhochschule, sagt: «Das Problem mit der AHV» – derzeit eines der grösseren politischen Themen – «kann man leicht lösen. Man muss einfach das Rentenalter erhöhen.» Viel schwieriger sei es für Gemeinden, einerseits auf die sich wandelnde Gesellschaft zu reagieren – und das auch zahlen zu können. Die Studie besagt zudem, dass Gemeinden dabei auch attraktiv für jüngere Generationen bleiben müssen – damit es nicht zu Alterssiedlungen kommt, in denen am Schluss gar keine Steuerzahler mehr wohnen.

Kanton habe geschlafen, Gemeinden sollen es richten

Zurück zur Medienorientierung, wo man trotz allem froh ist über die Zahlen. Denn: Diese sollen eine Debatte auslösen. Endlich, wenn es nach Thomas Blum, Geschäftsführer des Verbands der Solothurner Einwohnergemeinden, geht. Er kritisiert: «Der Kanton hat es bisher passt, sich im Bereich Alterspolitik klar zu positionieren.» Auch habe das bisherige Finanzierungssystem Entwicklungen blockiert: So teilten sich bisher Kanton und Gemeinden die Kosten im Bereich Alter. Ab 2020 sind die Gemeinden zuständig. Laut Blum soll es besser vorwärtsgehen, wenn die Gemeinden die Angebote stellen, und sie auch zahlen. «Einfach eine Anzahl benötigter Pflegebetten festzulegen und Heime bauen zu lassen – so wie man das bisher gemacht hat –, reicht nicht.» Es brauche eine Versorgungskette – von der Prävention bis zum Tod.

Wobei: Was es denn nun für konkrete Lösungen geben wird, weiss man nicht. Die Studie diente auch gar nicht dazu. Vielmehr war laut den Verantwortlichen nötig, dass der konkrete Handlungsbedarf aufgezeigt wird und sich die Verantwortlichen dann an einen Tisch setzen und diskutieren. Ein Seniorenrat soll gegründet werden, der VSEG schafft ein kantonales Altersleitbild, die kantonale Politik soll mit Gesetzen die nötigen Anpassungen ermöglichen.

Bis dann bleibt es bei Spielereien, Visionen. So spricht Naef etwa, von intelligenten Überwachungssystemen, die grossräumig eingesetzt werden könnten, damit Senioren länger zu Hause bleiben, Heimkosten gespart werden. Oder vom «medtech valley» in der Region – aufgrund verschiedener Unternehmen, die hier angesiedelt sind. «Warum nicht auch ein senior tech valley in der Region?», schlägt der Präsident von Sovision Espace Solothurn vor. Und am Schluss vielleicht sogar Roboter in der Pflege.

Dann soll laut Naef auch ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden. In der Studie steht, Alt werden sei keine Krankheit. Laut Naef braucht es durchmischte Gemeinden, wieder mehr Nachbarschaftshilfe, Senioren, die mit ihren Erfahrungen auch nach der Pensionierung von Unternehmen eingesetzt werden. Bisher gleiche das Thema Alter einer heissen Kartoffel, das man nicht angefasst habe. Die grosse Hoffnung der Auftraggeber: Lösungen zu finden und die in einem weiteren Meilenstein zu präsentieren – ähnlich wie das die Studenten mit ihrer Studie gemacht haben. Diese sind froh, dass ihre Arbeit «umgesetzt wird – und nicht in einem Regal verstaubt».

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