Pendler
56'000 Solothurner verdienen ihren Lebensunterhalt in einem anderen Kanton

Weniger als ein Viertel der Solothurner Werktätigen arbeiten in der gleichen Gemeinde, in der sie wohnen. Über 56'000 Personen pendeln zu einem Arbeitsplatz in einem anderen Kanton. Umgekehrt pendeln auch mehr als 37'000 Auswärtige in den Kanton Solothurn zur Arbeit.

Urs Moser
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Bahnhof Olten: Hier können Pendler zur Rushhour sogar in der Ferienzeit in Dichtestress kommen.

Bahnhof Olten: Hier können Pendler zur Rushhour sogar in der Ferienzeit in Dichtestress kommen.

Bruno Kissling

2022 soll es endlich losgehen. Zwischen Härkingen und Luterbach wird ein weiterer Abschnitt der dauerverstopften A1 auf sechs Spuren ausgebaut. Das dauert acht Jahre und kostet fast 900 Millionen. Eng ist es auch im öffentlichen Verkehr. An vielen Bahnhöfen sind die Platzverhältnisse auf den Perrons und in den Unterführungen für das Passagieraufkommen klar zu knapp. Schon 2014 ergab ein Gutachten der SBB einen Ausbaubedarf im Umfang von schweizweit um die 10 Milliarden Franken.

Die Mobilität führt an räumliche und finanzielle Grenzen. Massgebend mitverantwortlich dafür sind die wachsenden Pendlerströme. So könne es nicht unendlich weitergehen, mahnen nicht nur Grüne Politiker. Statt die Kapazitäten von Strasse und Schienen immer weiter auszubauen, brauche es neue Mobilitäts-, Arbeits- und Wohnkonzepte, Arbeits- und Wohnort müssten wieder näher zusammenkommen – auch um die nach wie vor fortschreitende Zersiedelung einzudämmen.

Tendenz zeigt weiter nach oben

Ein frommer Wunsch. Die Schweiz bleibt ein Land von Pendlern und gerade Solothurn ein ausgesprochener Pendlerkanton, wie ein Blick auf die neuste Statistik zeigt. Von rund 135'000 Solothurner Berufstätigen gehen nur um die 30'000 an ihrem Wohnort zur Arbeit. Mehr als drei Viertel sind also Pendler, Tendenz weiterhin steigend. Wie die kürzlich auf dem Statistikportal des Kantons veröffentlichten Zahlen für 2016 zeigen, hat die Zahl der sogenannten Binnenpendler in den letzten Jahren zwar etwas abgenommen, dafür nehmen aber immer mehr Arbeitnehmer einen längeren Weg zu einem Arbeitsplatz in einem anderen Kanton in Kauf.

In der Strukturerhebung des Bundesamts für Statistik sind in der für 2016 ausgewiesenen Zahl von gut 78'000 Solothurner Binnenpendlern auch diejenigen eingeschlossen, die am eigenen Wohnort arbeiten. Hier sind die Zahlen auf Gemeindeebene erst für 2014 verfügbar. Damals arbeiteten gut 32'000 Solothurnerinnen und Solothurner in der gleichen Gemeinde, wo sie wohnten – über ein Drittel von ihnen in den Städten Solothurn, Grenchen und Olten.

Geht man von einer einigermassen konstanten Zahl aus, dürften heute gegen 46'000 Werktätige täglich vom Wohnort im Kanton Solothurn in eine andere Gemeinde im Kanton zur Arbeit fahren. Noch mehr, nämlich über 56'000, arbeiten in einem anderen Kanton. Und deren Zahl, dazu liegen genaue Angaben vor, hat im Vergleich zu 2010 um über 14 Prozent zugenommen. Die meisten von ihnen zieht es in die Nachbarkantone und nach Zürich. Die grössten Pendlerströme im Einzelnen:

  • nach Bern 19'896 Personen (+ 14,6 Prozent gegenüber 2010);
  • nach Aargau 12'830 (+ 19,9 %);
  • nach Basel-Landschaft 9165 (+ 8,5 %);
  • nach Basel-Stadt 6624 (+ 21,6 %);
  • nach Zürich 4952 (+ 17,8 %);
  • nach Luzern 1523 (+ 10,6 %);
  • übrige Kantone 1405 (– 18,6 %).

Macht total 56 395 Wegpendler aus dem Kanton Solothurn, 2010 waren es noch 42 298.

Schwaches Beschäftigungswachstum

Auch wenn die zunehmende Pendlerei aus ökologischer Sicht wenig erfreulich sein mag: In der Regierung und in den Gemeinderäten wird man froh sein, dass die vielen «Fremdarbeiter» ihren Wohnsitz im Kanton behalten und hier ihre Steuern zahlen. Was den Kanton Solothurn als Wirtschaftsstandort betrifft, stellt ihm die Pendlerstatistik allerdings nicht das beste Zeugnis aus. Natürlich stehen den Weg- auch Zupendler gegenüber, die aus anderen Kantonen nach Solothurn zur Arbeit kommen.

Ihre Zahl ist aber deutlich weniger stark gewachsen als die der Wegpendler. Mit 37'575 Auswärtigen, die im Kanton Solothurn arbeiten, liegt der Pendlersaldo bei minus 18'821. Im Jahr 2010 hatten erst 15'075 Solothurner mehr ihren Arbeitsplatz in einem anderen Kanton als Auswärtige im Kanton Solothurn. Der Pendlersaldo hat sich somit also in wenigen Jahren um fast 25 Prozent zuungunsten Solothurns verschlechtert.

Obwohl die Exportindustrie derzeit mit Positivmeldungen auftrumpft: Das deutet darauf hin, dass die Wirtschaft punkto Arbeitsplatzangebot eher schwächelt. Was die Entwicklung der Pendlerzahlen vermuten lässt, bestätigt auch der Bericht «Struktur und Wandel der Solothurner Wirtschaft» der kantonalen Wirtschaftsförderung zur Auswertung der Statistik der Unternehmensstruktur 2005–2015: Im interkantonalen Vergleich entwickelte sich die Beschäftigtenzahl im Kanton Solothurn in diesem Zeitraum deutlich unterdurchschnittlich. In nur fünf Kantonen war ein geringeres Wachstum zu beobachten. Im Schweizer Schnitt legte die Beschäftigung zwischen 2005 und 2015 um 14,4 Prozent und damit um fast acht Prozentpunkte stärker zu als im Kanton Solothurn.

Hier erreichte nur der Bezirk Gäu als Logistikzentrum mit einem Wachstum von 17 Prozent im Vergleich zur Gesamtschweiz eine überdurchschnittliche Dynamik. Einen Beschäftigungsanstieg über dem kantonalen Schnitt zeigten zudem der Zentrumsbezirk Olten (+ 10,3 Prozent) und der Stadtbezirk Solothurn (+ 7,4 Prozent).

Ein zwar unterdurchschnittliches, aber immer noch ein Wachstum resultierte in den Bezirken Gösgen (+ 4,9 Prozent), Dorneck (+ 4,2 Prozent), Lebern (+ 3,3 Prozent) und Wasseramt (+ 2,7 Prozent). Die klar ländlichen Bezirke Thal (– 1,8 Prozent), Thierstein (–4,0 Prozent) und Bucheggberg (–5,0 Prozent) mussten dagegen sogar einen Beschäftigungsverlust hinnehmen.

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