Vor 100 Jahren, am 31. Juli 1914, hielt der Solothurner Regierungsrat seine übliche Freitagssitzung ab. Gleichzeitig war dies die Abschlusssitzung für den damals ältesten Regierungsrat im Amt, den 80-jährigen Rudolf Kyburz.

Nach 30 Jahren Dienst im Staat wollte man mit ihm am Nachmittag in seinem Wohnort Schnottwil seinen Abschied feiern. Ein «magistrales» Essen war bestellt, der Gesangsverein aufgeboten.

Der nachmalige Bundesrat Hermann Obrecht, damals und noch bis 1917 Regierungsrat und Departementschef des Inneren, erinnert sich: «Als ich nach der Vormittagssitzung noch die letzten Mitteilungen im kantonalen Militärdepartement empfangen und in den Mittagszeitungen die neuesten Nachrichten entgegengenommen hatte, traute ich dem politischen Wetter nicht mehr.

Ich setzte mich mit meinen Regierungsratskollegen telefonisch in Verbindung und wir kamen überein, dass wir die Feierlichkeiten in Schnottwil abbestellen und verschieben würden.

Ich begab mich dann an den Bahnhof, um den von Olten herkommenden Nachfolger von Regierungsrat Kyburz, Ferdinand von Arx, in Empfang zu nehmen, um ihn über die Absage der Feierlichkeiten in Schnottwil und die sofortige Begrüssung durch die Herren Regierungsräte im Rathaus zu unterrichten.» Dort sollte sofort die Vereidigung des neuen Vorstehers des Bau-, Landwirtschafts-, Forst- und Eisenbahndepartements vollzogen werden.

«Am gleichen Nachmittag traf von Bern her telegrafisch die allgemeine militärische Pikettstellung ein. Und damit begann für mich als kantonaler Militärdirektor eine fast ununterbrochene, ernste und verantwortungsvolle Arbeit: die Einleitung und Durchführung der Mobilmachung.»

Begeisterung für das Vaterland

Obrecht schildert weiter, dass überall Begeisterung für die gemeinsame Sache des Vaterlandes aufflackerte. «Selbst bei den Frauen galten die tränenfeuchten Augen mehr der Rührung, dem Ernst der Stunde, der grossen Bedeutung des Augenblicks, als dem Bedauern und der Angst um den ausrückenden Mann oder Sohn im Kriegsgewande.» Die 1.-August-Feier wurde abgesagt.

An sämtliche Gemeinden ging die Aufforderung des Regierungsrates: «Mitbürger! Angesichts der drohenden kriegerischen Verwicklungen unter unseren Nachbarstaaten hat der hohe Bundesrat zur Aufrechterhaltung der Neutralität und der Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft die gesamte schweizerische Wehrmacht aufgeboten …».

In Solothurn solidarisierte sich die Bevölkerung – ebenso wie im Welschland – eher mit Frankreich. In der Deutschschweiz, ungefähr ab Olten, sympathisierten weite Teile der Bevölkerung aber mit Deutschland. So begann auch für die Solothurner der Grosse Krieg.

Mobilmachung

Am 1. August erklärte Deutschland Frankreich und Russland den Krieg, und der Schweizer Bundesrat mobilisierte auf den 3. August die gesamte Schweizer Armee zum Schutz der Grenzen.

Der ganze Stolz der Solothurner Aktiv-Dienstleistenden: Die Traintruppen. Bilder: zvg

Der ganze Stolz der Solothurner Aktiv-Dienstleistenden: Die Traintruppen. Bilder: zvg

Oberst Ulrich Wille wurde zum General und Oberst Sprecher von Bernegg zum Generalstabschef ernannt. Bereits am 2. August zogen Landsturm-Männer zu Brücken, Tunneln und Bahnhöfen, wo sie ihre Posten bezogen.

Am 3. August wurden im Kanton Solothurn die Artillerie und die Kavallerie mobilisiert; am 4. August das Infanterie-Regiment 11 und mit ihm das Füsilier Bataillon 50. Am 5. August standen all diese Truppen in Solothurn auf der Schützenmatt bereit zur feierlichen Vereidigung. 5000 Hände reckten sich in die Höhe und schworen, das Vaterland zu verteidigen.

Marsch über die Jurahöhen

Wie der Aktivdienst damals aussah, kann anhand von Soldaten-Schilderungen aus dem Bataillon 50 nachvollzogen werden. Drei Tage lang blieben die Truppen zunächst in Bettlach stationiert.

Am 8. August hiess es um 2 Uhr morgens: Das Regiment marschiert über den Weissenstein in Richtung französische Grenze. Die Augusthitze soll unerträglich gewesen sein, denn die Kriegsuniform war alles andere als sommerlich.

Ein dicker, zweireihiger Waffenrock mit steifem Kragen, reichlich Kriegsmunition in den Patronentaschen erschwerten das Marschieren über die Jurahöhen. Crémines, Moutier nach Ederswiler bei der Lützel war das Ziel.

Entlassung

Südlich von Ederswiler wurden tagelang Schützengräben ausgehoben. Glücklicherweise kam es aber zu keinem «Feindkontakt». «Mit grimmiger Kampfentschlossenheit und aufgesetztem Bajonett und reichlich Munition verbrachten die Soldaten einige Morgen in Stellung», beschreibt ein Ehemaliger.

Am 21. August wurde das Bat. 50 endlich abgelöst und kam ins Schwarzbubenland, danach in den Berner Jura und später in die Nähe von Fribourg zur weiteren Gefechtsausbildung.

Am 4. Dezember, genau 4 Monate nach dem Einrücken in Solothurn, wurde das Bataillon 50 in Solothurn wieder entlassen, und hätte einer damals gesagt, dass dieser Krieg noch vier Jahre dauern würde, wäre er schallend ausgelacht worden. So beschreibt der Augenzeuge die damalige Stimmung.

500 Diensttage

Am 5. März 1915 rückte das Bat. 50 nach Basel ein. Die Männer wurden beauftragt, vier Grenzabschnitte in der Stadt zu bewachen. Am 7. Mai hiess es: Abtransport ins Tessin. 6 Wochen war die Truppe dort stationiert, und am 26. Juni kamen die Soldaten zurück nach Solothurn, wo es ein feierliches Defilee vor General Wille gab.

Acht Monate später, Ende Februar 1916, wurde wieder eingerückt, allerdings nur die I. und II. Kompanie. Es ging diesmal in den Tiefschnee nach Saignelégier und danach nach St-Ursanne.

Man hörte von dort aus täglich die Bomben und Fliegerkämpfe von der Front bei Boncourt. Hin und wieder wurden feindliche Flieger beschossen, welche die Grenzen missachtet hatten, oder es wurden Überläufer in Empfang genommen, welche sich in die Schweiz retteten. 1917 war die Januarkälte wieder besonders grimmig.

Dienst mussten die Solothurner zunächst in Grenchen und danach in Delémont leisten und man sah, dass ein Ende des Krieges wohl über kurz oder lang bevorstand. Noch 1918 leistete das Bat. 50 Dienst an der Grenze bei Stein am Rhein.

In Herbst suchte dann die schwere Grippeepidemie auch die Schweiz und ihre Soldaten heim, bevor am 10. November der Waffenstillstand ausgerufen wurde. Jeder Soldat leistete im Durchschnitt etwa 500 Diensttage und erhielt nur in den ersten 14 Tagen Verdienstausfall und dann keinen Lohn mehr.

Spanische Grippe

Währenddem im übrigen Europa zwischen acht und zehn Millionen Soldaten in Schützengräben und an anderen Orten der Front, sowie etwa gleich viele Zivilisten im Erste Weltkrieg ihr Leben verloren, waren in der Schweiz kaum Kriegsopfer zu beklagen.

Dennoch starben während ihrer Dienstzeit rund 3000 Angehörige der Schweizer Armee. Zwei Drittel dieser Todesfälle wären krankheitsbedingt, gefolgt von tödlich verlaufenden Unfällen.

Durch die Spanische Grippe starben in der Schweiz zwischen Juli 1918 und Juni 1919 rund 25 000 Personen. Viele Soldaten waren darunter. Während der ersten Grippewelle von 1918 waren es bis zu 35 Soldaten pro Tag.

Bedingt durch die fehlende soziale Absicherung, konnte ein toter Familienvater in seiner Familie grosse Not auslösen. 153 Namen von Wehrmännern sind im Soldatendenkmal in Solothurn eingemeisselt.

Quellen: Olten 1798–1991; Oltner Neujahrsblätter– Seperata von Adolf Merz; «Lueg nid verby» Jg. 1964; «Das Guldental».