Selbsthilfegruppen

45'000 Teilnehmende pro Monat schweizweit: Selbsthilfe hat grosses Potenzial

Melanie Martin ist Projektmitarbeiterin der Kontaktstelle Selbsthilfe Solothurn.

Melanie Martin ist Projektmitarbeiterin der Kontaktstelle Selbsthilfe Solothurn.

Seit Anfang Mai arbeitet Melanie Martin in einem 20-Prozent-Pensum bei der Kontaktstelle Selbsthilfe in Solothurn. Wir befragten die 36-jährige Solothurnerin, was für sie die Selbsthilfe so unentbehrlich macht.

Melanie Martin, Sie sind keine Sozialarbeiterin, wie man sie auf einem solchen Posten erwarten würde. Welches ist Ihr beruflicher Hintergrund?

Melanie Martin: Ich habe Sozialwissenschaften und Englisch studiert, arbeitete in der Entwicklungszusammenarbeit und war Projektleiterin im Büro für Gleichstellung der Stadt Zürich. Seit April 2017 bin ich auch zu 60 Prozent Geschäftsleiterin des WWF in Solothurn. So schlagen also zwei Herzen in meiner Brust: Der Einsatz fürs Soziale und jener für den Umweltschutz, die ich so ideal verbinden kann.

Wie sind Sie zu diesem 20-Prozent-Job gekommen?

Die Kontaktstelle Selbsthilfe hat neue Gelder erhalten. Einerseits aus dem Lotteriefonds, andererseits aus dem kantonalen Aktionsprogramm Gesundheitsförderung. Die Selbsthilfe kann darum neben ihren bisherigen Aufgaben das Angebot erweitern. So können mehr Menschen davon profitieren, und die Selbsthilfe soll besonders bei Fachleuten besser bekannt werden. Meine Aufgabe als Projektleiterin ist es, spezifische Projekte im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung umzusetzen.

Was kann das konkret bedeuten?

Erklärt an einem Beispiel organisiere ich derzeit mit anderen lokalen Organisationen die zweite Filmreihe über Depression, Sucht und psychische Gesundheit und lade Personen zu sogenannten «trialogischen Gesprächen» ein. Das sind Podiumsgespräche zwischen einer Fachperson, einem Betroffenen und einem Angehörigen zum jeweiligen Thema des Films. Das Ganze startet am 29. August im Kino Uferbau. Ziel ist es, die Methode der Selbsthilfe erfahrbar zu machen. Im Weiteren bin ich zuständig, den Tag der Selbsthilfe zu organisieren.

Sind Sie völlig frei in der Ausgestaltung Ihrer Tätigkeit?

Nicht unbedingt, da der Fokus unserer Tätigkeiten klar definiert ist. Doch ich kann meine eigene Perspektive und Erfahrung einbringen. So wird es mehr Vielfalt in den Themen und mehr Zugänge zu anderen Netzwerken geben.

Haben Sie auch eigene ganz persönliche Erfahrung mit Selbsthilfegruppen?

Ja, in zweierlei Hinsicht. Ich durfte als Partnerin eines betroffenen Angehörigen bei einer Selbsthilfegruppe dabei sein und habe da erfahren, welches Potenzial in einer solchen Gruppe zusammenkommt. Und dann in meiner Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte in Zürich. Da habe ich für eine Form von Selbsthilfegruppe für Migrantinnen ein Themenmodul erarbeitet. Diese starken Frauen, die ohne Tabus verschiedenste Themen ansprechen, haben mir grossen Eindruck gemacht.

Sind denn, bei unserem ausgeklügelten Gesundheitswesen, Selbsthilfegruppen überhaupt noch nötig?

Die aktuelle Gesundheitspolitik auf Bundesebene will die Gesundheitskompetenz der Patientinnen fördern, und Patientenpartizipation wird grossgeschrieben. Die Selbsthilfe fördert beides. Ich habe vor kurzem beeindruckende Zahlen über Selbsthilfegruppen gelesen. Etwa 45'000 Teilnehmende gibt es pro Monat in der Schweiz. Das ergibt rund 1 Million geleisteter Stunden an Unterstützung pro Jahr. Diese Arbeit kann von medizinischen Fachleuten nicht geleistet werden. Und das beweist mir, dass Selbsthilfeorganisationen und -gruppen auch volkswirtschaftlich relevant sind. Es handelt sich also nicht einfach nur um Kaffeekränzchen. Allein in der deutschsprachigen Schweiz gab es im letzten Jahrzehnt eine Zunahme der Selbsthilfegruppen um 56 Prozent, von 1280 Gruppen stieg die Zahl auf 2000 Gruppen.

Was bringt denn also eine Selbsthilfegruppe?

Für Betroffene: Gegenseitige emotionale und praktische Unterstützung mit ihrer Belastungssituation, soziale Einbindung und eine Zunahme der Gesundheitskompetenz. Damit auch eine Entlastung der medizinischen Fachpersonen und vom Gesundheitssystem. Klar ist aber auch, dass Selbsthilfegruppen keine Therapie ersetzen können. Sie sind jedoch ein zentrales, ergänzendes Angebot.

Und was braucht Ihre Organisation, damit diese Form der Hilfe besser anerkannt wird?

Institutionalisierte Möglichkeiten, in der Bevölkerung, bei Fachpersonen und Gesundheitsorganisationen über die Selbsthilfe informieren zu können.

Ist denn die Selbsthilfe in der Schweiz noch nicht ausreichend akzeptiert?

Es gibt noch viel Potenzial. Ein Problem ist, dass es für die Selbsthilfe keine gesetzliche Förderung gibt. Zwar stehen wir im Kanton Solothurn recht gut da, denn wir sind hier anerkannt und finanziell unterstützt. Doch ist die Selbsthilfe beispielsweise in Deutschland ein Teil der Gesundheitskosten. Die Krankenkassen sind dort verpflichtet, pro Patient einen Beitrag an die Selbsthilfeorganisation zu entrichten. Mit dem Ergebnis, dass die Selbsthilfe dort finanziell langfristig gesichert und im Gesundheitssystem eingebunden ist.

Da fallen mir zwei Stichworte ein: Nachhaltigkeit und Freiwilligkeit, das haben beide gemeinsam. Der WWF setzt stark auf freiwilliges Engagement – wie die Selbsthilfe auch. Und beide fordern mehr Wertschätzung im Umgang mit den Menschen oder der Natur.

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