Wie überall scheiden sich auch in der Solothurner Politlandschaft die Geister an der Zersiedelungsinitiative. Wichtig, um dem verschwenderischen Umgang mit dem begrenzten Gut Boden Einhalt zu gebieten, finden Umweltorganisationen, Linke und Grüne. Zu starr und mit den Vorgaben im neuen Raumplanungsgesetz auch völlig unnötig, heisst es bei bürgerlichen Parteien inklusive GLP und Wirtschaftsorganisationen, wobei es in beiden Lagern Andersdenkende gibt. Die Junge CVP zum Beispiel hat sich dem Pro-Komitee angeschlossen.

Aber wie steht es im Kanton überhaupt mit dem Ausufern der Siedlungsfläche und damit dem Verschwinden von Kulturland und unberührter Natur?

Einen Überblick liefert die Arealstatistik des Bundes. Sie zeigt: Musterknaben waren die Solothurner in den vergangenen Jahrzehnten nicht, wenn es um den schonenden Umgang mit der nicht vermehrbaren Ressource Boden geht. Die Entwicklung unterscheidet sich aber auch nicht fundamental von der in anderen Kantonen. Seit den 1980er-Jahren ist die Siedlungsfläche im Kanton Solothurn um rund 2800 auf rund 11'600 Hektaren gewachsen, was einer Zunahme um 32 Prozent entspricht. Gesamtschweizerisch war es etwas weniger.

440 Quadratmeter pro Person

Siedlungsfläche ist nicht gleichzusetzen mit Wohnfläche. Der Begriff umfasst Wohn- wie Gewerbe- und Industriegebäude samt Umschwung, Strassen und Bahnanlagen sowie auch Grünanlagen zur Freizeitnutzung. Eine massgebende Grösse in der Diskussion um eine nachhaltige Raumentwicklung ist die Siedlungsfläche pro Einwohner. Und hier steht der Kanton Solothurn nun wirklich nicht vorbildlich da.

Der Bundesrat hat im Jahr 2002 das Ziel vorgegeben, den Pro-Kopf-Flächenverbrauch bei 400 Quadratmetern zu stabilisieren. Dieser Wert war im Kanton Solothurn schon in den 1980er-Jahren überschritten worden. Und er ist weiter gestiegen. Heute beansprucht jeder Einwohner des Kantons im Durchschnitt 440 Quadratmeter zu Siedlungszwecken für sich. Das ist doch deutlich mehr als andernorts, auf höhere Werte kommen nur sieben meist noch deutlich ländlicher geprägte Kantone als Solothurn: Uri, Obwalden, Freiburg, Schaffhausen, Appenzell Innerrhoden, Thurgau und Jura.

Auch in Städten hats noch Platz

Wenig überraschend zeigt sich, dass im ländlichen Raum (noch) weniger Druck auf eine landschonende Entwicklung herrscht als in urban geprägten Regionen. Von Dichtestress lässt sich im Kanton Solothurn aber auch hier nicht gerade sprechen. In der Hauptstadt Solothurn beträgt die Siedlungsfläche pro Einwohner immerhin 271 Quadratmeter, in Olten sind es 277, in Grenchen sogar 345 Quadratmeter.

Damit steht man punkto Landverbrauch ähnlich oder etwas besser da als in grössenmässig vergleichbaren Städten in Nachbarkantonen wie zum Beispiel Aarau (298 Quadratmeter), Liestal (321 Quadratemeter) und Burgdorf (315 Quadratmeter). Im Vergleich zu den Grossstädten können sich bei uns aber auch die Stadtbewohner noch breit machen: In Zürich beansprucht jeder Einwohner 137 Quadratmeter Siedlungsfläche, in Basel sind es sogar nur 123 Quadratmeter.

Die Arealstatistik des Bundes weist die Siedlungsfläche pro Kopf der Bevölkerung nur für Städte aus. Das Bundesamt für Statistik rät dringend davon ab, sie auf alle Solothurner Gemeinden herunterzurechnen, weil die Messgenauigkeit bei der Erhebung der Gesamtflächen dafür zu gering sei und bei kleineren Gemeinden keine halbwegs verlässlichen Ergebnisse resultieren würden.

Die Grafik auf dieser Seite bildet deshalb die prozentuale Zunahme der Siedlungsfläche gegenüber der Messperiode 2004/09 in allen Solothurner Gemeinden ab. Und ob man nun auf die Umsetzung des neuen Raumplanungsrechts vertraut oder mit der Zersiedelungsinitiative sympathisiert, zeigt sich eines auf den ersten Blick: In Sachen Verdichtung hat sich nicht allzu viel getan, der Siedlungsraum hat sich auch in den letzten zehn Jahren weiter deutlich in die Breite ausgedehnt. Um 655 Hektaren oder 6 Prozent haben die Siedlungsflächen im Kanton zugenommen, damit liegt man nun zumindest nicht mehr über der gesamtschweizerischen Entwicklung.

Stärkstes Wachstum im Gäu

Wohl gibt es markante Unterschiede, aber die Ausdehnung schreitet flächendeckend voran. Nur in ganz wenigen Gemeinden weist die Statistik keine Zunahme oder sogar Verkleinerung der Siedlungsfläche aus: Feldbrunnen, Lommiswil, Biezwil und Hüniken. Der Siedlungsraum scheint sich somit an manchen Orten mehr oder weniger unabhängig davon auszudehnen, ob damit auch tatsächlich ein entsprechendes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum verbunden ist. Wobei es regional schon passt: Die grösste Ausdehnung des Siedlungsraums verzeichnen die Bezirke Gäu (+9 Prozent) und Olten (+8 Prozent). Die bescheidenste Zunahme weist die Statistik abgesehen vom Stadtbezirk Solothurn mit knappen Landreserven (+3 Prozent) für das Thal aus (+4 Prozent).