Weinende Kinder auf Plakaten, effektvoll untermalt mit dem Slogan «Zwangsschule für 4-Jährige?». Die Wogen gingen hoch im Vorfeld der Abstimmung zum Schulharmonisierungsprojekt Harmos von Ende September 2010. Gut 58 Prozent der Solothurner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sagten schliesslich Ja –und befürworteten damit, dass der zweijährige Kindergarten zu einem Teil der obligatorischen Volksschule werden soll.

Mit dem neuen Schuljahr ist es jetzt so weit. Im August 2012 werden die kleinen Buben und Mädchen, die zuvor in den fakultativen Kindergarten eingetreten sind, an ihrem ersten Kindergartentag ganz offiziell «eingeschult». «Für die Kinder wird sich dadurch aber gar nicht viel ändern», sagt Bildungsdirektor Klaus Fischer gegenüber dieser Zeitung. Und: Auch die Gespräche mit den Eltern haben sich entspannt.

Rechte der Eltern gestärkt

Wesentlich dazu beigetragen habe, dass Eltern ihr Kind ein Jahr später «einschulen» können –und dies ohne bestimmte Gründe oder gar ein Gutachten vorlegen zu müssen. «Wir gehen aber davon aus, dass nicht sehr viele Eltern von diesem neuen Recht Gebrauch machen werden», meint der Bildungsdirektor.

So besuchen schon jetzt 95 Prozent der Solothurner Kinder freiwillig den zweijährigen Kindergarten. Keine wesentliche Veränderung bedeute zudem die – gestaffelte – Vorverlegung des Stichtages für den Kindergarten-Eintritt um insgesamt drei Monate. Im August kommen bereits Buben und Mädchen in den Kindergarten, die spätestens am 31. Mai vier Jahre alt werden, bis jetzt galt der 31. April als Stichdatum. In den kommenden zwei Jahren wir der Stichtag um je einen weiteren Monat vorverlegt und liegt per Schuljahr 2014/2015 schliesslich beim 31. Juli.

Die Staffelung bedeute eine Abfederung des etwas früheren Schuleintritts, und zwar sowohl für die Eltern als auch für die Gemeinden, die dadurch mehr Kinder «einschulen» müssen. Im Sinne einer Übergangslösung zeigt sich das Bildungsdepartement im Schuljahr 2012/2013 zudem flexibel bei der Gewährung von Ferien-Dispensationen, einem Privileg des fakultativen Kindergartens. Klaus Fischer: «Bei bereits gebuchten Ferien können Eltern ihre Kinder auch ausserhalb der Schulferienzeit aus dem Kindergarten nehmen.» Ab dem Schuljahr 2013/2014 gilt dann aber die offizielle Ferienregelung.

Vernetzung mit der Unterstufe

Inhaltlich werde sich mit der rechtlichen Eingliederung des Kindergartens in die Volksschule in den nächsten Jahren kaum etwas ändern, betont Fischer. Und selbst im Hinblick auf den Lehrplan 21, der frühestens auf das Schuljahr 2015/2016 in Kraft tritt, ist Solothurn gut gerüstet. So gilt für den Unterricht im Kindergarten bereits seit zehn Jahren – wie vom Lehrplan 21 vorgesehen – ein Rahmenlehrplan. Dieser ist gegliedert in «Bildungsbereiche», in denen Kindergartenkinder gewisse «Kompetenzen» erreichen müssen. Zu den Bildungsbereichen zählen unter anderem «Sprache» und «Mathematik». Wie bisher werde den Kindern auch künftig nicht trockenes Faktenwissen eingetrichtert. «Es geht darum, die Buben und Mädchen auf spielerische Art an Themen heranzuführen».

"Das Spielen kommt nicht zu kurz"

Eine wichtige Rolle spiele dabei eine kindgerechte Methodik und Didaktik. «Die Kindergartenlehrpersonen gestalten nicht einzelne Lektionen, sondern Halbtage, in die thematische und soziale Sequenzen eingebettet werden.» Und: «Das Spielen kommt dabei nicht zu kurz», versichert Fischer. Mit der Integration des Kindergartens in die Volksschule bestehe vor allem die Möglichkeit einer besseren Verzahnung von Kindergarten und Primarschule. Fischer: «Die im Kindergarten bereits erarbeiteten Kompetenzen sollen in der Unterstufe künftig besser genutzt werden.» Da die Kinder bereits mit dem Kindergarteneintritt eingeschult werden, entfällt beim Übertritt in die Primarschule zudem das Einschulungsverfahren. Die allfällig nötige Unterstützung erhalten die Kinder über die Instrumente der «Speziellen Förderung». Nicht vorgesehen sei, so Fischer, dass Kinder im Kindergarten eine «Ehrenrunde» drehen.