Solothurner Obergericht

33-Jähriger erpresst Minderjährige mit erotischen Bildern – postpubertärer Ausrutscher oder schwere Straftat?

«Wenn ich jetzt kein versautes Video von Dir kriege, versende ich die Fotos, die ich schon habe, an alle Deine Facebook-Freunde»: Damit versuchte Roger M. von jungen Mädchen pornographische Bilder zu bekommen. (Symbolbild)

«Wenn ich jetzt kein versautes Video von Dir kriege, versende ich die Fotos, die ich schon habe, an alle Deine Facebook-Freunde»: Damit versuchte Roger M. von jungen Mädchen pornographische Bilder zu bekommen. (Symbolbild)

Ein Mann setzte junge Mädchen unter Druck, damit sie ihm pornografische Bilder schicken. Er habe gelernt, sagt er. Eine Therapie sei nicht nötig. Die Staatsanwältin sieht es ganz anders. Am Dienstag entscheidet das Solothurner Obergericht.

Mit frei erfundenen Profilen auf Facebook und WhatsApp suchte Roger M.* über das Internet den Kontakt zu jungen, teilweise sogar minderjährigen Mädchen. Zunächst wurden relativ harmlose, erotische Bilder ausgetauscht, doch dann wollte der heute 33-Jährige mehr. Er forderte von seinen Opfern pornografische Bilder und Filme. Er setzte die jungen Frauen mit Worten wie diesen unter Druck: «Wenn ich jetzt kein versautes Video von Dir kriege, versende ich die Fotos, die ich schon habe, an alle Deine Facebook-Freunde.»

Der Volksmund würde wohl von Erpressung sprechen, juristisch bezeichnet man die Straftat als sexuelle Nötigung. In erster Instanz sprach denn auch das Amtsgericht Solothurner-Lebern Roger M. im Juli 2017 der mehrfachen Nötigung, sexueller Handlungen mit einem Kind, der Anstiftung zu Pornografie und weiterer verwandter Delikte schuldig. Die Freiheitsstrafe von 30 Monaten wurde teilbedingt ausgesprochen und zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben.

Obwohl der Tatbestand in den Grundzügen unbestritten ist, lagen Verteidigung und Staatsanwaltschaft mit der Einschätzung der Tragweite unglaublich weit auseinander. Beide Seiten legten Berufung ein: Der Angeklagte, weil er die Strafe als zu hart empfand und in einigen Punkten Freisprüche fordert, die Staatsanwaltschaft, weil sie eine Therapie in einer geschlossenen Anstalt als zwingend nötig ansieht. So musste sich nun gestern das Solothurner Obergericht mit der Frage beschäftigen, ob man dieses sogenannte «Sexting» als postpubertären Misstritt abtun kann oder ob es sich um eine schwerwiegende Straftat handelt.
Charakter bleibt im Verborgenen

Eine ambulante Therapie hat Roger M. bis heute nicht begonnen und auch im Gefängnis war er noch nicht. «Es ist für mich im Dunkeln geblieben, wer sie wirklich sind», leitete Obergerichtspräsident Daniel Kiefer die Befragung des Angeklagten ein. «Gemäss Gutachten des forensischen Psychiaters besteht eine grosse Rückfallgefahr. Warum haben Sie die Therapie nie begonnen, die das Amtsgericht verordnet hatte?» Eine solche sei nicht nötig, fand der Angeklagte zunächst, das Urteil sei ja noch nicht rechtskräftig. «Ich bin reifer geworden. Die Hausdurchsuchung wirkte wie eine Schocktherapie. Ich habe das seither nie mehr gemacht. Es war eine Phase meines Lebens, die ich bereue und ich habe das hinter mir gelassen.» Dann lenkte Roger M. aber noch ein und sagte, dass er jetzt bereit für eine Therapie wäre.

Rechtsanwalt Daniel Gehrig sprach im Plädoyer der Verteidigung von einer postpubertären Phase, die sein Mandant längst hinter sich gelassen habe. Er forderte das Gericht auf, «die Relationen zu wahren. Die Delikte wurden 2012 und 2013 begangen. Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Der Tatbeweis liegt vor: Mein Mandant ist nicht rückfällig geworden und es wäre sinnlos, jetzt noch mit einer drakonischen Strafe zuzuschlagen.»

Der Verteidiger machte zudem Verfahrensfehler geltend. Dem Angeklagten sei angesichts der schwerwiegenden Vorwürfe erst viel zu spät ein Pflichtverteidiger zur Seite gestellt worden. Deshalb dürften verschiedene Beweise gar nicht verwertet werden und es müsse bei fünf Anklagepunkten Freisprüchen geben. So forderte die Verteidigung lediglich eine Geldstrafe von höchstens 180 Tagessätzen, die zudem wegen der Verletzung des Beschleunigungsgebots noch weiter reduziert werden müsse.

Ein ganz anderes Bild zeichnete Staatsanwältin Kerstin von Arx. Sie sprach von einer hinterhältigen Tat. «Er zeigt keine Reue und hat noch keine Anstrengungen unternommen, den Opfern die zugestandenen Entschädigungen zu zahlen.» Eine Therapie sei unbedingt nötig, um der hohen Rückfallgefahr zu begegnen. «Eine ambulante Therapie kommt dabei nicht in Frage. So lange die Sache nicht aufgearbeitet ist, bleibt der Angeklagte eine Zeitbombe.» Sie forderte deshalb eine unbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten sowie eine begleitende Therapie im geschlossenen Strafvollzug.

*Name geändert. Die öffentliche Urteilsverkündung erfolgt am Dienstag um 16 Uhr im Obergericht in Solothurn.

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