Sozialhilfe

22-jährige Mutter: «3800 Franken Lohn reicht nicht für alles»

Nicht wenige Menschen sind auf Sozialhilfe angewiesen.

Nicht wenige Menschen sind auf Sozialhilfe angewiesen.

Weihnachten, das Fest aller traditionellen Familienfeste, die Zeit der Besinnung – und immer mehr auch der Tag der Geschenke. Nicht alle Menschen können sich aber vorbehaltlos darüber freuen. Ein Besuch bei einer Familie, die Sozialhilfe benötigt.

Die Wohnung mit drei kleinen Zimmern ist eng. Küche und Bad ebenso. Die Zimmer sind vollgestellt mit scheinbar wahllos zusammengewürfelten Möbelstücken, im Wohnzimmer dominiert eine übergrosse Polstergruppe, der Fernseher läuft – es ist zehn Uhr am Morgen. Nein, ein gemütliches Zuhause sieht anders aus. Das weiss auch Frau A.X., die anonym bleiben will. «Wir können uns schlichtweg keine andere Wohnungseinrichtung leisten. Selbst die defekten Möbelstücke können wir nicht ersetzen.» Und Zeit, um eine etwas gemütlichere Atmosphäre zu schaffen, fehle ihr.

A.X. wohnt seit zwei Jahren im Raum Solothurn, ist 22-jährig, verheiratet mit dem 28-jährigen B.X. aus Asien und sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Das ältere Kind leidet unter einem Geburtsfehler und verbrachte bereits mehrere Monate in Spitalpflege. «Ein erneuter längerer Spitalaufenthalt wird im kommenden Jahr nötig», sagt seine Mutter. Die beiden brauchten sehr viel zeitliche und emotionale Betreuung.

Die Familie gehört zu den so genannten Working Poor, also Personen, die arbeiten, aber trotzdem nicht genügend Geld verdienen, dass es bis zum Monatsende reicht. A.X. rechnet vor: Ihr Ehemann ist als Lagerist voll berufstätig in einem Logistikcenter im Solothurner Mittelland und verdient netto 3800 Franken. «Das reicht nicht, um den Grundbedarf für eine vierköpfige Familie zu bestreiten», sagt sie.

Zumal sie erhebliche Auslagen hätten für das Kind mit dem Geburtsfehler. Zwar würde die Invalidenversicherung teilweise die teuren Spezialschuhe finanzieren, aber nicht alle. Deshalb erhält die Familie Sozialhilfe in der Höhe von monatlich 418 Franken. Zudem übernehme das Sozialamt die Prämien für die Krankenkassen-Grundversicherung.

Familie kommt knapp durch

So komme die Familie knapp durch, wie die junge Mutter weiter erklärt. Zu mehr als dem Allernötigsten reiche es aber nicht. «Ferien auswärts zu verbringen, das können wir uns nicht leisten. Ab und zu kann ich aber immerhin mit meinen zwei Kindern für zwei bis drei Tage meine in einem anderen Kanton wohnende Mutter besuchen.»

So verbringe man die Ferientage mehr oder weniger zu Hause. Dasselbe sagt A.X. zum Thema «Auswärts essen». Einmal in der Woche gehe sie mit den Kindern einkaufen. «Wir touren durch die ganze Gemeinde, um in den verschiedenen Läden möglichst günstig Nahrungsmittel und Haushaltgüter einkaufen zu können.» Anschliessend gehe sie ab und zu in ein Restaurant, wo sich die beiden Kinder «etwas Kleines» bestellen und teilen dürfen.

Um die Weihnachtszeit herum bedrückt das enge finanzielle Korsett A.X. besonders stark. Die meisten Kinder – auch in ihrer Nachbarschaft – erhielten viele schöne Weihnachtsgeschenke. «Das möchte ich meinen Kindern auch bieten können. Wir legen deshalb durchs Jahr hindurch ein wenig Geld beiseite, um den Kindern trotz allem mit einem kleinen Geschenk Freude zu bereiten.»

Aber die junge Frau will nicht einfach nur klagen, nein, sie will gegen die Situation ankämpfen. «Unser grösstes Ziel ist es, dass wir aus der Sozialhilfe wieder herauskommen.» Möglich sei, dass ihr Ehemann einen besser entlöhnten Arbeitsplatz finde oder einen zweiten Job – zum Beispiel übers Wochenende – annehme.

200 Bewerbungen verschickt

Das sei aber mehr als schwierig, habe er doch über 200 Bewerbungen abgeschickt, bis er den jetzigen Job gefunden habe. Sie selbst würde auch gerne auswärts eine Stelle antreten, um etwas zum Haushaltbudget beitragen zu können. Sie spricht aber von «einer vertrackten Situation». «Wenn ich unter der Woche arbeiten gehe, muss ich während dieser Zeit eine Betreuung für die Kinder suchen – und bezahlen.» Das würde sich mit dem Zusatzeinkommen gerade wieder aufheben.

Zudem schätzt sie die Chance, für sich einen Job zu finden, ebenfalls als sehr gering ein. «Ich habe nämlich keine Berufsausbildung.» Offenbar zieht A.X. unglückliche Konstellationen an. Nach einem Praktikum im Pflegebereich und einem medizinischen Vorkurs habe sie eine vom Roten Kreuz angebotene Ausbildung angefangen.

Doch nach einem unverschuldeten schweren Motorradunfall sei sie über ein halbes Jahr lang «ausgefallen». «Daraufhin musste ich die Ausbildung abbrechen.» Und kurze Zeit später sei sie mit dem ersten Kind schwanger gewesen. Keine Alternative sieht sie im Schuldenmachen. Das liesse ihr Stolz nicht zu. «Wenn wir uns etwas leisten, dann wollen wir auch dafür bezahlen. Wir wollen keine Schuldner sein.»

Persönlich leidet die Familienfrau sehr darunter, dass ihre Familie Sozialhilfe bezieht. «Ich schäme mich, offen darüber zu sprechen.» Schon beim jeweiligen Gang aufs Sozialamt versuche sie zu verhindern, dass sie Bekannte antreffe. Ab und zu fühle sie sich «minderwertig». Auch sie würde gerne in einer grösseren und gemütlicheren Wohnung leben, schöne, coole Kleider tragen. «Unsere Lebenssituation ist schwierig, ja fast hoffnungslos. Aber den Willen und die Hoffnung, etwas ändern zu können, geben wir nicht auf.»

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