Solothurn
20 Jahre treu: Nach 12'000 Operationen verlässt Chefarzt Barras das Bürgerspital

600 Operationen pro Jahr, zwei Jahrzehnte lang. Jetzt tritt Jean-Pierre Barras, der Chefarzt Chirurgie am Solothurner Bürgerspital zurück – und räsonniert über das Gesundheitswesen.

Elisabeth Seifert
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Der abtretende Chefarzt liebte die praktische Arbeit.

Der abtretende Chefarzt liebte die praktische Arbeit.

Hanspeter Bärtschi

Am Montag hatte er seinen letzten Arbeitstag. Nach 20 Jahren am Bürgerspital Solothurn, als Chefarzt Chirurgie. «Nein, zur Zeit spüre ich noch nicht den grossen Koller», sagt Jean-Pierre Barras mit jenem sympathischen Westschweizer Akzent, «aber das kommt schon noch, in einigen Wochen», ist er überzeugt. Derzeit halten ihn allerhand abschliessende Arbeiten auf Trab, am Donnerstagnachmittag ehrten ihn seine Kollegen mit einem Symposium rund um aktuelle Entwicklungen in der Chirurgie.

20 Jahre an ein und demselben Spital. Ähnlich «sesshaft» sind heute immer weniger seiner Zunft-Kollegen. Viele wechseln nach etlichen Jahren die Stelle und das Spital – auf der Suche nach dem nächsten grossen Karriereschritt. Oder weil sie mit der Spitalleitung nicht einverstanden sind. «Ich habe mich hier in Solothurn immer wohlgefühlt,» meint der 63-Jährige. Gerade auch wegen der mittleren Grösse des Spitals. «Es ist weniger anonym, man kennt sich untereinander.»

Ganz ohne Auseinandersetzungen ging das freilich nicht. Jean-Pierre Barras ist einer, der klar sagt, was er denkt. «Meine Kollegen waren da, meistens, sehr froh darüber», meint er und lächelt verschmitzt.

Spezialisierung ist nicht nur positiv

Als Klinikleiter eines grossen Spitals von einer Sitzung zur nächsten zu eilen, das hätte ihm ohnedies kaum zugesagt. «Ich habe gerne praktisch gearbeitet». Als Chirurg am Operationstisch, Tag für Tag. In den 20 Jahren am Bürgerspital hat er jährlich zwischen 500 und 600 Operationen durchgeführt. Darunter kleine Eingriffe, die nur eine halbe Stunde dauerten, aber auch die ganz grossen anspruchsvollen mehrstündigen Operationen.

perationen am Magen und Darm, oder im Brustbereich, auch Tumorbehandlungen gehörten zu seinen Disziplinen – ein breites Tätigkeitsfeld. Aufgrund der zunehmenden Spezialisierung ist das für einen einzelnen Chirurgen heute kaum mehr zu leisten.

Ein Chefarzt für sämtliche Standorte

Der Nachfolger von Jean-Pierre Barras heisst Daniel Inderbitzin und ist seit 1. März im Amt. Er ist Chefarzt Chirurgie über sämtliche Standorte der Solothurner Spitäler AG hinweg. In Solothurn, in Olten und in Dornach. Unterstützt wird Inderbitzin von den Chef- und Leitenden Ärzten an diesen Standorten. Die Chirurgie am Bürgerspital Solothurn wird Daniel Inderbitzin selbst leiten. Er ist Schweizer und in Zürich aufgewachsen, wo er 1991 sein Medizinstudium mit der Promotion abgeschlossen hat. Danach war er Oberarzt an verschiedenen Spitälern. 2013 wurde er Klinikleiter und Chefarzt der Chirurgischen Kliniken der Berner Stadtspitäler Tiefenau und Ziegler. Im Jahr 2012 erhielt er den Titel assoziierter Professor für Viszeralchirurgie der Universität Bern. (szr)

Eine Entwicklung, die Jean-Pierre Barras zwar unterstützt, die ihn aber doch auch wehmütig stimmt – und ihm den Abschied von seinem Chirurgen-Leben erleichtert. Die Spezialisierung einerseits und die Forderung nach hohen Fallzahlen andererseits werde die Entwicklung hin zu grossen medizinischen Zentren nicht aufhalten. «Das stellt eine grosse Herausforderung für die Gesellschaft dar», fügt er ernst hinzu.

Tag für Tag im Operationssaal. Fühlt man sich da nicht einem enormen Druck ausgesetzt? Schliesslich könnte immer irgendein Fehler passieren, mit gravierenden Folgen für die Patienten. «Es braucht einen kühlen Kopf», sagt er, ruhig und überlegt. «Aber wenn man die nötige Erfahrung hat, dann geht das schon».

Die Arbeit als Chirurg bringe allerdings auch gewisse Einschränkungen mit sich – über die Arbeitszeit hinaus. «Gerade in der Freizeit braucht es Disziplin.» Etwa dann, wenn am nächsten Morgen eine komplizierte Operation ansteht. Sich in einem solchen Fall Nacht um die Ohren zu schlagen oder Alkohol über ein bestimmtes Quantum hinaus zu konsumieren, ist streng tabu.

Wenn ein Fehler passiert

Die Arbeit eines Chirurgen ist aber längst nicht auf den Operationssaal beschränkt, wie man vielleicht meinen könnte. Für den Erfolg fast noch wichtiger ist die richtige Diagnose. Dazu gehört das Gespräch mit den Patienten. «Die Sprechstunde legt die Basis für eine erfolgreiche Behandlung.» Barras redet sich ins Feuer, wenn er die Bedeutung der richtigen Diagnose erläutert.

Bei der Ausbildung «seiner» Assistenz- und Oberärzte legte er hier den Schwerpunkt. «Ich habe meine Mitarbeitenden immer gerne provoziert», sagt er lächelnd. Mit seinen Provokationen regte er sie jeweils dazu an, nicht einfach vorgegebene Meinungen zu übernehmen. Vielmehr sollten sie «lernen, selber zu denken.» Bei der Diagnose genauso wie der Planung einer Behandlung. «Oft nämlich ist es besser, mit dem eigentlichen operativen Eingriff zuzuwarten.»

Trotz der möglichst präzisen Analyse eines medizinischen Problems und der umsichtigen Planung einer Operation: Sind dem Chefarzt nicht auch Fehler unterlaufen?

«Selbstverständlich», bekennt Jean-Pierre Barras offen. «Wichtig ist, dass solche Fehler nicht auf Nachlässigkeiten zurückzuführen sind.» Zudem brauche es eine ehrliche und regelmässige Fehleranalyse. Und: «Der gleiche Fehler darf nicht zweimal geschehen.»

Es ist nicht einfach, mit den Folgen von Behandlungsfehlern umzugehen. Gerade auch, wenn man so geartet ist wie Jean-Pierre Barras. «Es belastet mich, wenn es einem meiner Patienten schlecht geht.» Die Freude ist dafür umso grösser, wenn er auch noch Jahre später von Patienten auf der Strasse angesprochen wird, denen er geholfen hat.

Kein «Gott in Weiss»

Der Chefarzt – ein «Gott in Weiss»? Es fällt schwer, sich Jean-Pierre Barras vorzustellen, wie er mit wehendem weissen Kittel und strengem Blick durch die Spitalgänge eilt. «Ich bin ein Linksdenker und ein Rechtsfüsser», lautet seine Devise.

Mit dem rechten Fuss hat er manch technisches Gerät im Operationssaal bedient, und als «links» bezeichnet er seine politische Gesinnung. «Ich verstehe mich als Arzt für alle und nicht nur für die Zusatzversicherten.» Zu diesem Zweck hat er in der Chirurgie am Bürgerspital einen Honorar-Pool geschaffen, der es möglich machte, dass bei besonders kniffligen Problemen der Chefarzt auch Patienten mit Grundversicherung behandelt.

Seine Herkunft als Sohn einer Handwerkerfamilie aus dem Greyerzer-Land ist an dieser Haltung sicher nicht ganz unschuldig. Noch gibt es in der Schweiz keine Zweiklassenmedizin – und es darf sie auch nicht geben: «Unser ganzes Gesellschaftssystem bevorzugt ohnedies schon die Bevorzugten», so Barras.

Er ist zudem ein scharfer Gegner der sich abzeichnenden «Ökonomisierung» des Gesundheitswesens, bei der Ärzte und Spitäler möglichst viele lukrative Eingriffe vornehmen und teure Maschinen verwenden.