Masseneinwanderung
«20'000 ausländische Helfer sind ein Argument gegen die SVP-Initiative»

Solothurns Bauernpräsident Andreas Vögtli erklärt, warum sein Verband gegen die Masseneinwanderungsinitiative ist. Die Betriebe seien auf die helfenden Hände der ausländischen Hilfsarbeiter angewiesen.

Lucien Fluri
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Rund 1000 Obstbäume und 100 Schafe gehören zum Bauernbetrieb von Andreas Vögtli.

Rund 1000 Obstbäume und 100 Schafe gehören zum Bauernbetrieb von Andreas Vögtli.

Lucien Fluri

Die Masseneinwanderungsinitiative wühlt die Bauern auf. Und mitten in den Wogen steht der Solothurner Bauernverband. Sein Vorstand hat als einer der ganz wenigen Kantonalverbände ein Nein zur SVP-Initiative beschlossen. In der Agrarpresse gabs dafür Kritik, der Solothurner Bauernverbandspräsident Andreas Vögtli wurde zur Zielscheibe in Leserbriefen.

Ist der Solothurner Verband mit seinem Nein besonders kampfeslustig? Am äussersten Zipfel des Kantons wohnt der Solothurner Bauernverbandspräsident. Keine zehn Minuten von Liestal, dafür 45 Minuten Autobahnfahrt von Solothurn entfernt liegt an der Hauptstrasse in Büren der Hof, den die Familie Vögtli seit Generationen bewirtschaftet. Andreas Vögtli sitzt in der Küche.

Der grossgewachsene Schwarzbube, der seit zwei Jahren an der Spitze des Verbandes steht, zögert bei Fragen zur Masseneinwanderungsinitiative. Vögtli möchte keine neuen Gräben aufreissen.

Mehr Landwirt als Parteimitglied

Über 1000 Halb- und Hochstammbäume hegt der Bauernverbandspräsident, zwei Drittel davon sind Kirschbäume. Wie viel hat das Nein zur SVP-Initiative damit zu tun, dass der Solothurner Bauernverband von FDP- und CVP-Vertretern geführt wird?

«Als Verbandspräsident bin ich in erster Linie Landwirt, nicht Parteimitglied», sagt CVP-Mann Vögtli. «20 000 ausländische Mitarbeiter auf unseren Betrieben sind mein Hauptargument gegen die Initiative.»

In der Kirschensaison ist der Bauernverbandspräsident auf bis zu sechs polnische Helfer angewiesen. Er rekrutiert die Kurzaufenthalter ganz simpel: Der polnische Mitarbeiter, der mit seiner Familie ganzjährig bei Vögtli lebt, fragt Brüder und Verwandte in der Heimat an.

Ein Mail mit ihren Personalien geht ans Amt für Wirtschaft und Arbeit. «Das geht ohne Bürokratie», sagt Vögtli. «Lohn, AHV, Sozialversicherung sind im Arbeitsvertrag klar geregelt.»

Es muss schnell gehen

Vögtli fürchtet sich vor der zu erwartenden Kontingentsbürokratie nach einer Annahme der Initiative. «Wir haben Angst, dass künftig nur noch hoch qualifizierte Leute kommen dürfen.

Unsere Arbeiter sind keine Ingenieure, die in Chemie, Maschinenbau und im Dienstleistungssektor gefragt sind.» Er könne auch nicht lange im Voraus planen und Bewilligungen abwarten, sagt der Obstbauer, in dessen Stall derzeit auch 100 Mutterschafe und die zwei Herdenhunde überwintern. «Die Rekrutierung muss sehr schnell gehen. Man weiss nie genau, wann die Ernte beginnt.»

Drei Mal habe er vor dem Freizügigkeitsabkommen das «Kontingentsprozedere» für einen Saisonnier durchgezogen. Vögtli musste in der Schweiz eine Stellenanzeige schalten, musste die Absagen der Bewerber abwarten, die nach den Themen Lohn, Sonntagsarbeit und 55-Stunden-Woche in der Erntezeit wieder absprangen.

Erst dann konnte er den polnischen Saisonnier beantragen. «Heute ist es viel einfacher.» Sanfte Kurven führen von Liestal hinauf nach Büren. Es ist wenig Verkehr in den Hügeln. 1 Minute und 35 Sekunden dauert die Verkehrsmeldung am Autoradio. Stau bei Härkingen, Schönbühl, vor Basel und Zürich.

Verkehrsüberlastung, Zersiedelung. Was ist mit dem Verlust von Kulturland, Herr Vögtli? «Das beschäftigt uns sehr», sagt der Bauernverbandspräsident. «Deshalb haben wir vor einem Jahr die Revision des Raumplanungsgesetzes unterstützt.»

Die Masseneinwanderungsinitiative sei das falsche Mittel fürs Problem. «Und wir können ausländische Arbeitnehmer nicht für alle Missstände bei uns verantwortlich machen. Mit unserem Verhalten sorgen wir Schweizer auch für die Zersiedelung», sagt Vögtli. «Bis 16 schlief ich noch mit vier Brüdern im gleichen Zimmer.»

Draussen auf der Strasse ist nur wenig los. Die meisten Einwohner arbeiten tagsüber in den beiden Basel. Elsässer und süddeutsche Bauern präsentieren dort ihre Ware. «In unserem Dreiländereck ist das ganz selbstverständlich», sagt Vögtli. Dank Zöllen sei die Landwirtschaft relativ gut geschützt. «Das Gewerbe merkt den Druck mehr», sagt Vögtli.

In der Küche, wo früher der Stall war, klingelt das Telefon. Vögtli wird als Kreisschulpräsident verlangt. Dann erzählt er, wie er angehenden Landwirten jeweils mit einem Pflasterstein und Steinsplitt die Wichtigkeit des Verbandes erkläre.

«Stein und Splitt sind zwar aus demselben Material und haben das gleiche Gewicht», sagt er. «Aber über den Splitt rollt das Auto. Beim Pflasterstein ist der Pneu kaputt und das Auto im Strassengraben.»

Gute Vernetzung

Wie der Pflasterstein, so möchte Andreas Vögtli den Bauernverband sehen. Der kleine Berufsstand hat dank guter Vernetzung eine grosse Lobby. Halte man nicht zusammen, sei der Erfolg gefährdet. «Wenn wir uns als Verband jetzt spalten lassen, haben wir im Parlament keine Chance mehr», sagt Vögtli.

Denn bald gehe es um die Freihandelsabkommen oder die Agrarpolitik 2018 des Bundes. Die Masseneinwanderungsinitiative sei der falsche Anlass, um eine Spaltung zu provozieren.

«Wir können es uns nicht leisten, innerhalb unseres Verbandes Grabenkämpfe auszutragen, wenn uns gleichzeitig von aussen ein rauer Wind entgegenweht.» Gewisse Kreise würden aber gerade mit der Diskussion um die Masseneinwanderung Gräben provozieren. Die drei Buchstaben, die die Schweizerische Volkspartei abkürzen, erwähnt Vögtli dennoch bewusst nie.

Eigentlich, erzählt Vögtli, wollte der Solothurner Bauernverband erst gar keine Parole zur Abstimmung fassen. Warum hat man sich umentschieden? Erst als man gesehen habe, wie sehr gegen den Schweizer Verband geschossen wurde, habe die Sektion wie der nationale Verband seine Nein-Parole beschlossen. «Es ging uns darum, dem Schweizer Bauernverband den Rücken zu stärken», sagt Vögtli.

Kurz vor Weihnachten meldete sich ein anderer polnischer Arbeiter, den Vögtli vor Jahren mit seiner Familie in die Schweiz holte und der später als Gipser arbeitete. «Vor Weihnachten ging er nach Hause und hat dort ein Geschäft eröffnet», sagt Vögtli. Auf der Autobahn zurück nach Solothurn ist es jetzt ruhig. Alle arbeiten.

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