«Es ist keine einfache Ausgangslage», musste selbst Staatsanwältin Petra Grogg am Dienstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern eingestehen. «Objektive Beweise» gebe es keine. Das Amtsgericht mit Präsident Rolf von Felten sowie den beiden Richtern Christoph Mathys und Rosmarie Châtelain folgte dennoch der Argumentation der Staatsanwältin – und sprach den Angeklagten der Vergewaltigung schuldig. Ebenso der Drohung, mehrfachen Tätlichkeit, Verleumdung und Beschimpfung.

Als Klägerin trat eine heute rund 30-jährige Mazedonierin mit Aufenthaltsbewilligung C auf, die eine Tochter aus erster Ehe hat. In ihrem Heimatland lernte sie einen nun 33-jährigen Mazedonier kennen – und lieben, wie sie am Mittwoch vor Gericht betonte. Die beiden heirateten innert Jahresfrist. Das war im Februar 2014.

Er konnte ihr innerhalb des Familiennachzugs in die Schweiz folgen. Unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander. Sie pflege eine «modernere Lebensweise» als der mittlerweile von ihr geschiedene Mann, sagte die Mazedonierin, die bereits seit vielen Jahren in der Schweiz lebt. Schon bald nach der Heirat verschlechterte sich die Beziehung.

Zu Beginn habe er «vieles geschluckt», meinte die Klägerin. Das aber habe nicht lange angehalten. «Allmählich fühlte er sich immer sicherer und versuchte, mir Regeln vorzugeben.» Beispielsweise mochte er es nicht, wenn sie später von der Arbeit nach Hause kam.

Eine Beziehungs-Tragödie

Zunächst habe er sie bei einem Streit nur geschubst und am Arm gepackt. Sie liess sich das nicht gefallen und habe ihm gesagt, er solle damit aufhören, sonst hole sie die Polizei. Er wiederum habe daraufhin gemeint, sie müsse die Polizei nicht rufen, die interessiere ihn nicht. Sie fasste das als Nötigung und Drohung auf. Eines Tages im Mai 2014 sei es dann zur Vergewaltigung gekommen, als sie gerade von einem Auslandaufenthalt bei ihrem Stiefbruder zurückgekehrt war. Ihr Mann habe sie ins Schlafzimmer gedrängt.

Dort habe er sie aufs Bett gedrückt, festgehalten und vergewaltigt. Erst als ihre Tochter in die Wohnung kam, habe er von ihr abgelassen. Sie habe von Anfang an und «permanent» gesagt, dass sie das nicht wolle. «Ich wehrte mich mit Händen und Füssen», erzählte sie, «aber ich hatte keine Kraft.»

Die Beziehung ging dann endgültig in die Brüche, als der Angeklagte im September 2014 nach Hause kam und sah, wie seine Frau mit einem andern Mann aus der Wohnung trat und mit ihm in ein Auto stieg. Sie habe mit diesem Kollegen an einem Kindergartenanlass der von ihm unterdessen adoptierten Tochter teilnehmen wollen, sagte der Angeklagte. Daraufhin sei der Streit erneut eskaliert – und seine Frau habe ihn aufgefordert, die Sachen zu packen. Darauf habe er die gemeinsame Wohnung verlassen und sei zu seinem Bruder gezogen, der ebenfalls in der Schweiz wohnt. Nach ein paar Tagen aber habe seine Frau ihn gebeten, wieder zurückzukommen. Im Dezember jedoch habe sie ihm dann eröffnet, dass sie ihn nicht mehr liebe und einen andern gefunden habe.

Gemäss den Aussagen der Klägerin rächte sich hier Mann mit wüsten Beschimpfungen. Er habe sie gar als Drogenkonsumentin verleumdet. Zudem sei er handgreiflich geworden und habe sie auf eine Kommode geschubst, wobei diese zu Bruch ging. «Pass auf, was du machst, sonst bekommst du Probleme», habe er ihr gedroht. Am 29. Dezember 2014 wurde die Ehe dann geschieden.

Wie es zur Anzeige kam

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Klägerin aber noch keine Anzeige erstattet. Einige Tage später entschloss sie sich dann aber zu diesem Schritt. Nach der Scheidung war der Angeklagte durch Vermittlung seines Bruders via Facebook in Kontakt mit einer Mazedonierin getreten, die ebenfalls über eine Niederlassungsbewilligung in der Schweiz verfügt. Bereits am 5. Januar 2015 heiratete er diese Frau in Mazedonien. Als das Paar ein Bild davon auf Facebook postete, sah dies seine Ex. Noch am selben Tag erstatte sie bei der Polizei Anzeige.

«Für mich ist das nichts als Rache», meinte Verteidiger Viktor Müller. Der Zeitpunkt der Anzeige sei einer der «Punkte, die durchaus Zweifel wecken», gab Rolf von Felten zu, «aber die Frau habe erst dann realisiert, dass sie missbraucht worden sei.» Viktor Müller bemängelte, dass es keine konkreten Terminangaben gebe. «Dies verunmöglichte es meinem Mandanten, den Gegenbeweis zu erbringen.» Zudem seien die Anschuldigungen zu unkonkret, «alles nur Worthülsen». Auch die ausgedruckten Fotos, welche die Frau von ihren blauen Flecken gemacht habe, können nicht als Beweise dienen. In diesem letzten Punkt gab das Gericht dem Verteidiger recht.

10 000 Franken Genugtuung

Die Aussagen des Opfers erachtete das Gericht aber für «äusserst glaubhaft». Vor allem an den Befragungen, die der Gerichtsverhandlung vorausgingen, habe sie ihre Situation sehr detailreich beschrieben. An der Verhandlung selber gab sie sich eher wortkarg. Ihr Ex, intellektuell deutlich unterlegen, sagte noch weniger und bestritt sämtliche Anklagepunkte.

Er benötigte zudem ständig eine Übersetzung. Stephanie Selig, die Anwältin der Mazedonierin, erklärte die Zurückhaltung ihrer Mandantin damit, dass diese traumatisiert sei. Sie wolle nicht immer und immer wieder an ihre belastenden Erlebnisse erinnert werden. Während der Verhandlung brach diese denn auch oft in Tränen aus. «Ich liebte ihn. Und ich wollte nicht, dass er bestraft wird und nach Mazedonien zurückgehen muss», begründete sie den späten Zeitpunkt der Anzeige.

Bei der Urteilseröffnung weinte dann vor allem die jetzige Ehefrau des Angeklagten. Für die Vergewaltigung wurde er vom Amtsgericht zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 24 Monaten verurteilt. Seiner Ex-Frau muss er 10 000 Franken bezahlen. Zudem fallen noch etliche weitere Kosten an. Auf eine schriftliche Urteilsbegründung verzichtete das Gericht.