125-Jahr-Jubiläum
1918 waren in der SP grosse Figuren, aber keine Helden

Die SP blickte an der Jubiläumsfeier nochmals kritisch zurück auf das Jahr 1918, als die Schweiz eine innenpolitische Krise erlebte.

Lucien Fluri
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Der Streikaufruf – in Grenchen endete der Generalstreik mit dem Tod dreier junger Männer. (Archiv)

Der Streikaufruf – in Grenchen endete der Generalstreik mit dem Tod dreier junger Männer. (Archiv)

Urs Byland

Soldaten standen gegen Bürger im Einsatz, Bürgerliche malten sich die drohende Revolution aus, die spanische Grippe wütete, die Wirtschaft war geschwächt. Im November 1918 erlebte die Schweiz eine innenpolitische Krise.

Nicht zufällig endete das Jubiläumsjahr der SP Kanton Solothurn nun am 12. November in Grenchen. Genau am 12. November hatte 1918 der Landesstreik begonnen. Und mit diesem sind Solothurner Ortschaften prominent verknüpft.

In Grenchen kam es am 14. November, dem letzten Streiktag, zum schwersten Zwischenfall: Soldaten erschossen drei junge Männer. Olten dagegen gab dem «Oltener Aktionskomitee», das den Streik führte, den Namen. Frauenwahlrecht, 48-Stunden-Woche, Invalidenversicherung waren damals einige Forderungen der Arbeiterschaft.

«Wir stellen die Machtfrage und die Macht in Frage» war der Leitsatz des Jubiläumsjahres. Selbstkritik hatte die SP dabei immer wieder geübt, und auch am Donnerstag fehlten die kritischen Blicke zurück nicht.

Marcel Châtelain, früherer Chef des Amtes für soziale Sicherheit, wies beim Rückblick auf den Landesstreik auf den unzimperlichen Umgang der damaligen Solothurner SP-Grösse Jacques Schmid mit dem Grenchner Parteikollegen und radikalen Streikführer Max Rüdt hin.

Die SP habe sehr engagierte Menschen mit Licht und Schatten gehabt, aber eben «keine Helden», sagte Martin Schaffner, der die Momentaufnahmen konzipiert hatte. SP-Grössen wie Willi Ritschard oder Otto Stich hatten im Jubiläumsjahr denn auch wenig Platz erhalten, sind in der soeben erschienenen Broschüre nun doch noch verewigt.

Kritisch hatte die SP im Jubiläumsjahr schon den Umgang mit Frauen in den eigenen Reihen oder das Spannungsverhältnis der Basis zu den Amtsträgern beleuchtet, etwa als SP-Polizeidirektor Godi Wyss den Anti-AKW-Demonstranten in Gösgen gegenüberstand.

Und was bringt die Geschichte? Immerhin: Ständerat Roberto Zanetti war überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zum heurigen Wahlerfolg beigetragen habe.

Sechs Momentaufnahmen und Videos aus der SP-Geschichte gibt es unter www.sp-so.ch/125jahre– darunter das Video, in dem die Historikerin Edith Hiltbrunner Hintergründe zum Landesstreik beleuchtet und an die Grenchner Schauplätze führt. Eine informative Broschüre zur 125-jährigen Geschichte der Solothurner SP kann bei deren Sekretariat bestellt werden.

Zanetti: SP muss sich in den nächsten Jahren zur Mitte hin öffnen

Als Roberto Zanetti seine Rede beendet hatte, wusste er, dass er wenig zur Festlaune im Saal beigetragen hatte. «Das war nicht inspirierend. Aber Realität.»

Zanetti fordert von der SP für die kommende Legislatur eine klare Abkehr von realitätsfernen «Wolkenschiebereien»-Initiativen und eine Öffnung hin zur Mitte. Die SP sei dies Rechtsstaat, Demokratie und den erreichten Errungenschaften der vergangenen 125 Jahre schuldig. In der kommenden Legislatur gehe es ans Eingemachte, so seine düstere Prognose.

Zanetti sprach von einer «Allianz mit Sozialliberalen, Aufgeklärten und den sozial sensibilisierten CVPlern».

«Wir müssen wählbar sein, auch für die, die den Kapitalismus nicht überwinden, aber ihm vielleicht die schlimmsten Giftzähne ziehen wollen. Wir müssen wählbar sein für die, welche die Armee nicht abschaffen, sondern nur umbauen wollen.» Er selbst inszenierte sich als Pragmatiker: «1989 habe ich der Armeeabschaffung zugestimmt.

Ich bin kein Armeeabschaffer mehr.» Weder sehe er Alternativen zum Kapitalismus noch sei der EU-Beitritt Stand heute eine Frage für ihn.

Was Zanetti Angst macht, ist der Rechtsruck im Nationalrat. Vier Jahre lang drohten jetzt im Nationalrat eine Blockade, der Sozialabbau, Altersreform und Energiewende 2050 seien gefährdet; der Beziehung zur EU drohe das Desaster. «Wenn der Verkaufschef einer Firma den besten Kunden ständig beleidigt, wirft man ihn raus. Wir wählen die SVP in die Regierung», so Zanetti.

Zwar sei möglich, dass das Volk 2019 dann eine Korrektur vornehme. Plausibler erschien Zanetti, dass die SVP einmal mehr «die anderen als Schuldige hinstellen kann und nochmals zulegt».

Mit ihrem Wähleranteil sei die SP schlicht nicht in der Lage, alleine «einen Schutzwall für den Rechtsstaat» zu errichten, begründete er die geforderte Öffnung. «Es braucht deshalb nicht mehr Visionen. Wir müssen den Spatz in der Hand verteidigen.» Nur mit «verdammter Knochenarbeit» könne die SP verteidigen, was in 125 Jahren erreicht worden sei.

Zanetti knüpfte an die früheren Arbeiter-Streikbewegungen an. Er habe in Gerlafingen noch Männer gekannt, die benachteiligt wurden, weil ihre Väter am Von-Roll-Streik 1920 teilgenommen hätten. «Ihnen sind wir es schuldig, die Errungenschaften zu verteidigen und nicht mit Wolkenschieberei zu zerstören.» (lfh)

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