Nez Rouge
18 Engel auf den Solothurner Strassen

18 freiwillige Helfer verzichteten auf ihren Heiligabend, um andere sicher nach Hause zu bringen. Unser Reporter Lucien Fluri war mit dabei - ein Augenschein.

Lucien Fluri
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Urs Bolliger, Susanne Blaser und Marco Däpp von «Team 1» standen an Heiligabend von 21 bis 3 Uhr im Dauereinsatz. Fotos: Hansjörg Sahli

Urs Bolliger, Susanne Blaser und Marco Däpp von «Team 1» standen an Heiligabend von 21 bis 3 Uhr im Dauereinsatz. Fotos: Hansjörg Sahli

21.00 Uhr: Sogar die A1 steht an Heiligabend fast still, kaum ein Fahrzeug ist zwischen Kriegstetten und Oensingen unterwegs. Im Industriegebiet Klus Balsthal nimmt das Leben dagegen Fahrt auf: 18 freiwillige Helfer treffen sich in der Nez-Rouge-Zentrale, die ausnahmsweise im Interkantonalen Feuerwehrausbildungszentrum ist. Sie geben ihren Heiligabend, um andere sicher nach Hause zu bringen, Angeheiterte, Angetrunkene, Betrunkene.

Die Kaffeemaschine läuft auf Hochtouren, Mineralwasser- und Orangensaftfläschchen stehen in Reih und Glied. Einsatzleiter Edi Rippstein gibt die letzten Anweisungen. Jeder Helfer erhält eine Leuchtweste, für das Fotoalbum werden die sechs Teams fotografiert. Am Ende kontrolliert Rippstein alle Führerausweise der Freiwilligen. «Wer fahren will, sollte einen defensiven Fahrstil haben», sagt Rippstein.

21.55 Uhr: In der Einsatzzentrale setzt sich Jeanette Jäggi vor ihren Laptop, zieht das Headset an und öffnet die Telefonleitungen. «Nez Rouge Solothurn. Guten Abend. Wo sind Sie denn?» Der erste Anruf lässt nicht lange auf sich warten. Zielort, Fahrzeugstandort und Telefon des Anrufers werden auf einem Zettel notiert. Keine fünf Minuten später ist das erste Team unterwegs durch die Nacht. Team 1, das sind Susanne Blaser, Marco Däpp und Urs Bolliger. Bei einem Einfamilienhaus in Niederbuchsiten wartet ein Mann mit seinem Mercedes-Coupé, der nach Solothurn möchte. Noch immer ist wenig Verkehr auf den Strassen, in einigen Dörfern laufen Leute zum Spätgottesdienst.

«Heute ist eine andere Stimmung», sagt Urs. Er war bereits am 23. Dezember die ganze Nacht für Nez Rouge unterwegs. In den kommenden Nächten wird er weitere Einsätze fahren. Statt jungen Partygängern am 23. Dezember, chauffiert Team 1 an Heiligabend Familien und Einzelpersonen durch die Nacht. Urs Bolliger und Marco Däpp, die die Kundenfahrzeuge steuern, fahren an diesem Abend zufälligerweise nur Mercedes und BMW. Die Kunden sind grosszügig: Jeder der vier Kunden hundert Franken. Mit den Beiträgen deckt Nez Rouge die Unkosten und spendet den Rest an das Zentrum Oberwald in Biberist.

23.00 Uhr: Team 1 fährt auf der Autobahn nach Grenchen. Der Radio läuft leise, die Stimme des Navigationsgerätes lotst den Weg. Erlebnisse aus vergangenen Jahren werden ausgetauscht. Bei der Ausfahrt Solothurn West lacht Susanne Blaser laut. Ein anderer Autofahrer bremst plötzlich. Die Leuchtwesten der Nez- Rouge-Fahrer haben eine besänftigende Wirkung, viele denken es sei eine Zivilstreife der Polizei.

«Es ist wie eine Familie», sagt Susanne. Die Freiwilligen kennen sich aus anderen Jahren, alle sagen sich du. Einige helfen mit, weil sie selbst schon von Nez Rouge profitiert haben, andere möchten über die Festtage ganz einfach nicht alleine sein.

Es ist Mitternacht. Von Grenchen aus fährt Team 1 ein junges Ehepaar mit Sohn in ein hoch gelegenes Patrizierhaus bei Kirchberg. Die Stimmung ist heiter. «Schatz bis chli rueig», sagt der Mann, obwohl er dieses Mal auch auf dem Beifahrersitz Platz nehmen muss. Die Frau zählt die Fahrleistungen ihres Autos auf: 386 PS, V8, 4,8 Liter Hubraum. Die junge Familie hat Nez Rouge schon oft benutzt und schätzt das Angebot. Das Ehepaar wusste bereits vor der Feier, dass sie Nez Rouge anrufen werden und konnte entspannt feiern. Andere Kunden rufen spontan an. «Es ist ein dankbarer Job», sagt Susanne Blaser. «Es ist super, was ihr macht», sagt an diesem Abend jeder Kunde.

01.50 Uhr: Es ist glatt auf den Strassen. Team 1 erhält jetzt seinen letzten Auftrag: Es geht wieder nach Grenchen. Ein junges Paar möchte nach Bellach gebracht werden.

03.00 Uhr: Die Teams kommen in die Zentrale zurück. 26 Fahrten haben sie erledigt. Jeanette Jäggi nimmt Autoschlüssel und Handys und Kilometerstand der Fahrzeuge entgegen. Die grösste Bewährungsprobe wird an Silvester sein, wenn 18 Autos im Einsatz stehen. In der Zentrale stossen die Fahrer dann auch an – mit Rimuss natürlich.

Nez Rouge fährt auch in den kommenden Nächten: 27. bis 29. Dez. von 22 bis 2 Uhr, 30./31. Dez. von 22 bis 4 Uhr. Telefon: 062 396 48 89. Es werden noch freiwillige Fahrer für die Silvesternacht gesucht.