Dargebotene Hand AG/SO

143 — drei Ziffern, die Leben retten können

Ulla ist eine von 44 Freiwilligen, die am Telefon mit den Anrufern bei der Dargebotenen Hand sprechen. Zu ihrem Schutz wird weder ihr richtiger Name genannt noch ihr Gesicht gezeigt.

Ulla ist eine von 44 Freiwilligen, die am Telefon mit den Anrufern bei der Dargebotenen Hand sprechen. Zu ihrem Schutz wird weder ihr richtiger Name genannt noch ihr Gesicht gezeigt.

Zehntausende Stunden sorgt das Team der Dargebotenen Hand dafür, dass die Telefonnummer 143 besetzt ist. Viele der Anrufer sind einsam, manche möchten nicht mehr leben. Eine Freiwillige erzählt, wie sie den Verzweifelten wieder Hoffnung gibt.

Die letzte Hoffnung hat drei Ziffern. Wer 143 ins Telefon tippt, weiss nicht mehr weiter. Am anderen Ende der Leitung sitzen Freiwillige wie Ulla. Die Aargauerin im Pensionsalter verrät ihren richtigen Namen nicht – zum Schutz. Verzweifelte können unberechenbar sein. Die Telefonnummer der Dargebotenen Hand kennen viele, wohin die Anrufe gehen, weiss hingegen kaum jemand. Die Adresse wird geheim gehalten; niemand soll dort unverhofft auftauchen oder den Mitarbeitern auflauern können.

Die Büros sind in einem modernen Mehrfamilienhaus in der Region Aarau untergebracht, die tief stehende Herbstsonne dringt durch die Storen ins Sitzungszimmer. Am Tisch sitzt Ulla, die kurz vor ihrer Abendschicht von ihrem Engagement für die Dargebotene Hand erzählt. Seit über 30 Jahren nimmt sie Anrufe von Menschen in schwierigen Lebenssituationen entgegen. Hört ihnen zu, macht ihnen Mut, summt auch mal eine Melodie vor, wenn das hilft, das Leiden am anderen Ende der Leitung zu lindern. Manchmal schweigt sie mit einem Anrufer, minutenlang. «Das muss man aushalten», sagt sie. «Oftmals weinen die Leute zu Beginn des Gesprächs, können gar nicht reden.» Andere sind aufgebracht, schimpfen und fluchen.

Über die Jahre hat Ulla gelernt, die Stimmen zu interpretieren, die Verfassung einer Person anhand der Tonlage einzuordnen. Im Idealfall weicht die Verzweiflung einer gewissen Erleichterung, je länger das Telefonat dauert. «Ein Gespräch kann ein Ventil sein.» Doch was nach dem Auflegen passiert, weiss sie nicht. Die Ungewissheit ist nicht immer leicht auszuhalten, auch deshalb, weil ein Teil der Anrufer akut suizidgefährdet ist.

Wie jener Mann, der die Nummer 143 von seinem Auto aus anrief, mit dem er davor bereits zum dritten Mal an der Stelle vorbeigefahren war, wo er sich eigentlich das Leben nehmen wollte. Ulla konnte ihn am Telefon davon überzeugen, anzuhalten und mit ihr über seine Not zu sprechen. Sie vereinbarten, dass er sich noch am gleichen Abend in eine Klinik einweisen lässt. «Ich bin überzeugt, dass er sich an die Abmachung gehalten hat.» Schrecklich seien solche Geschichten, sagt sie. Das gilt auch für den Anruf einer völlig verzweifelten Frau. Dieser sei bewusst gewesen, dass sie in die Notaufnahme müsste, doch es brauchte ein langes Gespräch, um sie dazu zu bringen, die Ambulanz zu alarmieren. «Nachdem sie sich dort gemeldet hatte, warteten wir zusammen am Telefon, bis die Sanitäter bei ihr zu Hause waren.»

Das Inserat des Pfarrers

Die Idee der Sorgentelefone stammt aus England. In London verbreitete 1954 ein Pfarrer über ein Inserat seine Botschaft: «Bevor Sie sich das Leben nehmen, rufen Sie mich an!» Drei Jahre später – genau morgen vor 60 Jahren – ist in Zürich die erste Telefonseelsorgestelle der Schweiz eröffnet worden, drei Jahre später folgte die Gründung einer Aargauer Regionalstelle. Damals noch unter einer gewöhnlichen neunstelligen Nummer. Die Kurzwahl 143 stellte die damalige PTT erst ab 1976 zur Verfügung. Seither sind unter dieser Nummer alle 12 Regionen der Schweiz erreichbar – über die Vorwahl und die Handyantenne werden die Anrufe lokalisiert und an die zuständige Stelle geleitet. 12'000 waren es letztes Jahr im Aargauer Büro.

An der Wand in einem der beiden Telefonzimmer hängen die Fotos der 44 freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Männer sind deutlich in der Unterzahl, nach wie vor. Auch wenn sich letztes Jahr erstmals gleich viele männliche wie weibliche Freiwillige für die Ausbildung angemeldet haben. Neun Monate dauert diese, an den Kosten beteiligen sich die Teilnehmenden mit 1000 Franken. Für die vielen Stunden, die sie danach im Einsatz stehen werden, erhalten sie kein Geld. Die meisten würden wohl ein Pensum von 15 bis 20 Prozent leisten, schätzt Christina Hegi, Leiterin der Geschäftsstelle. Tag für Tag, rund um die Uhr. Hegi sagt, von den Freiwilligen werde ein grosses Engagement verlangt. «Es ist eine Herausforderung, Helfer zu finden, vor allem die richtigen.»

Zwei Eigenschaften hält die Geschäftsstellen-Leiterin, die früher selbst während sieben Jahren am Telefon im Einsatz stand, für zentral: Lebenserfahrung und Bodenhaftung. «Wer bei uns arbeitet, darf sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen.» Die Themen, mit denen sich das Team konfrontiert sieht, haben eine Gemeinsamkeit: Sie betreffen die Schattenseiten des Lebens. Psychische Erkrankungen, körperliche Leiden, Existenzsorgen, Gewalt, Sucht, Beziehungsprobleme. Dazu kommen jene Menschen, die nicht mehr leben wollen. Suizidprävention ist eine der Kernaufgaben der Dargebotenen Hand. Allein im September drehten sich 50 Anrufe um das Thema Suizid, dieses Jahr machen sie bislang 4,6 Prozent aus – Tendenz steigend. Oftmals sprechen die Anrufer am Telefon zum ersten Mal über ihre Suizidgedanken. Die zugesicherte Anonymität hilft. Hegi: «Viele fürchten sich vor allfälligen Konsequenzen, wenn sie sich an einen Arzt oder Angehörige wenden würden.»

Andere würden gerne über ihre Probleme reden, doch haben niemanden, der ihnen zuhört. «Sehr viele Leute sind einsam», sagt Ulla. Zeit nimmt sie sich für alle. «Jeder, der anruft, hat aus seiner Sicht einen Notfall.» Dennoch folgt irgendwann der Teil, den die langjährige Helferin den «allerschwierigsten» nennt: Das Gespräch beenden.

«Dann geht es der Welt gut»

Eine Frau kommt ins Sitzungszimmer, übergibt ein Telefon und verabschiedet sich von Ulla. Schichtwechsel. Während der nächsten fünf Stunden nimmt nun sie die Anrufe aus den Kantonen Aargau und Solothurn entgegen – alleine. Zuweilen läutet es auf beiden Linien gleichzeitig. Trotzdem lautet die Weisung: Nie ins Leere schellen lassen. «Ich weiss nie, was mich erwartet. Das macht die Arbeit spannend.» Manchmal bleibt das Telefon länger ruhig während einer Schicht. Ulla stört sich nicht an der Wartezeit. Im Gegenteil: «Dann geht es der Welt gut.»

Lesen Sie ausserdem:

Sparpaket statt Geschenk zum Jubiläum des Sorgentelefons

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1