Einige Meter unter der Erde, gut verwahrt in einem Luftschutzbunker auf dem Areal der Kanti Solothurn, liegt ein Schatz, den kaum jemand kennt. Neonröhren verbreiten ein fahles Licht. Dazu kühle Temperaturen und dieser leicht abgestandene Archivgeruch. Nicht unbedingt eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt. Hinter schweren Eisentüren, in sechs niedrigen Räumen lagert Kunst. Eine bunte Ansammlung von Werken, deren Schöpfer alle in irgendeinem Bezug zum Kanton Solothurn stehen.

Dicht an dicht hängen Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Druckgrafiken zwischen Lüftungsanlagen und Entfeuchtern. Grossformatige Werke lehnen hintereinander gestapelt an den Kellerwänden. Dazwischen Skulpturen und Plastiken. Und das, wofür es keinen Platz mehr gibt, liegt fein säuberlich verpackt in mehreren Regalen verstaut.

Pro Jahr kommen 30 Werke dazu

«Der Kanton betreibt mit dem Ankauf von Werken Kunstförderung, wir unterhalten kein Museum», sagt Cäsar Eberlin, Chef im Amt für Kultur und Sport, fast etwas entschuldigend. 1928 hat der Kanton das erste Mal ein Bild gekauft. «Alter Landammann» heisst das Ölgemälde von Emil Scheller, Kaufpreis damals: 400 Franken. Die jüngsten fünf Ankäufe entstammen der Anfang Januar zu Ende gegangenen Jahresausstellung des Solothurner Kunstvereins. Kaufpreis für alle fünf Werke: 28 000 Franken. Zwei Bilder von Gergana Mantscheva, je ein Werk von Jürg Hugentobler, Jill Waeber und der Künstlergemeinschaft Haus am Gern.

4000 Werke verzeichnet das Solothurner Kunstinventar. 120 000 Franken Lotteriefonds-Gelder pro Jahr investiert der Kanton, um förderungswürdige Kunstschaffende mit einem Kauf ihrer Werke zu unterstützen. Je nach Ankaufspreis wächst die kantonale Kunstsammlung jährlich um rund 25 bis 30 Werke. Ausgewählt werden diese von der Fachkommission für bildende Kunst und Architektur des kantonalen Kuratoriums für Kulturförderung. Kommissionsmitglieder besuchen die Kunstschaffenden in ihren Ateliers sowie deren Ausstellungen in Museen und Galerien (siehe Text rechts).

Allein in den vergangenen rund 20 Jahren habe der Kanton Kunst im Wert von rund 2,6 Mio. Franken erstanden, so Eberlin. Der Gesamtwert der über die Jahre zustande gekommene Sammlung lasse sich aber nur schwer abschätzen. Zu unterscheiden ist etwa der Einkaufswert vom effektiven Wert eines Kunstwerkes. Und längst nicht immer steige der Wert über die Jahre, weiss der Amtschef.

200 Bilder sind verschollen

Einmal erworben, werden die Bilder, Fotografien und Skulpturen nach allen Regeln der archivarischen Kunst dokumentiert und inventarisiert – von Morena Peduzzi, der Leiterin des kantonalen Kunstinventars. Dazu gehört ein Foto genauso wie detaillierte Angaben zu Künstler und Werk – und, ganz wichtig: der Verlauf des Bildes.

Seit Mitte der 1980er-Jahre geschieht dies mittels sukzessiv verbesserter Computerprogramme. «Wir sind genau darüber im Bilde, in welchen kantonalen Ämtern die einzelnen Werke hängen», erläutert Peduzzi. Zuvor konnte es schon mal vorkommen, dass ein Gemälde irgendwo verschwand. Bei 200 der insgesamt 4000 Werke ist der Standort unbekannt.

Fotografiert und vertextet besteht das Schicksal – vieler – Werke nämlich nicht darin, in den Kunstkatakomben unbeachtet vor sich hin zu schlummern. «Die Werke bleiben für einige Monate hier im Keller und kommen dann in die Bilderabgabe», erläutert Morena Peduzzi.An vier bis fünf Terminen im Jahr öffnet die «Kellermeisterin» die schweren Luftschutzbunkertüren für Angestellte der kantonalen Verwaltung, die ihre Büros künstlerisch ausstaffieren möchten.

Und Morena Peduzzi, die so ganz und gar nicht in das leicht verstaubte Klischee-Bild einer Archivarin passen will, setzt alles daran, um für jeden und jede das passende Werk zu finden – und ihnen den Aufenthalt im Kunstkeller so angenehm wie möglich zu gestalten. Eine Kaffee-Ecke gibts zwar nicht, dafür begleitet zwecks Stimulierung klassische Hintergrundmusik das kunstinteressierte Personal beim Rundgang durch den Bunker. Von der Telefonistin bis zum Amtschef und der Fachhochschuldozentin.

«Grosser Beliebtheit erfreuen sich jeweils unsere neuesten Ankäufe», weiss Peduzzi. Kaum im Keller sind diese auch schon wieder weg. Das prophezeit Peduzzi auch den jüngsten Erwerbungen. Mindestens so beliebt sind bekannte Namen wie Cuno Amiet, Martin Disler, Schang Hutter, Roman Candio, Jean Mauboulès oder Jörg Mollet.

Nur wer grosses Glück hat, findet im Lager das Werk eines dieser Kunstschaffenden. Die meisten ihrer Werke – von Candio etwa besitzt der Kanton 32 Stück – zieren die Büros von Angestellten der Kantonsverwaltung oder sie hängen in Verwaltungsgebäuden, kantonalen Schulen sowie Spitälern. Die «Obsternte» von Cuno Amiet, das wertvollste Gemälde der ammlung überhaupt, schmückt bestens gesichert einen Solothurner Gerichtssaal.

Von den insgesamt 4000 Werken lagern rund 1300 im Bunker, auf einer Gesamtfläche von 350 m², alle anderen «sind draussen», so Peduzzi. Zum aktuellen Lagerbestand gehören dabei manche Ladenhüter, die kaum je Tageslicht sehen. Ein Mauerblümchendasein fristen etwa Bilder in düsteren Farben, weiss die Archivarin. «Plakative und dekorative Werke in bunten Farben» indes kämen sehr gut an.

Unter den gebunkerten Werken ist aber auch so manche Trouvaille zu entdecken. Ein Selbstbildnis von Schang Hutter etwa, oder auch ein grossformatiges dreiteiliges Werk von Percy Slanec, das seine für ihn charakteristischen dreidimensionalen Eisenstäbe in einer farbigen, bildlichen Umsetzung zeigt. Besonders stolz ist Cäsar Eberlin auf den Kunstschmuck aus dem ehemaligen Spital Grenchen. «Die Liste der Künstler liest sich wie ein Querschnitt durch die Solothurner Kunstszene zu Beginn der 80er-Jahre.»

Warum keine Ausstellung?

Mehrere Tausend Werke von Solothurner Kunstschaffenden, die knapp ein Jahrhundert abdecken. Rund ein Drittel davon lagert im Bunker, der Rest schmückt Büros und repräsentative Räume. Kunst sucht die öffentliche Wahrnehmung, umso mehr, wenn diese mit öffentlichen Geldern erworben worden ist. Weshalb also werden die Werke nicht im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?

Die Organisation eigener Ausstellungen sei aufwendig und teuer, wehrt Eberlin ab. Ohne weiteres würden aber Werkausleihen für Ausstellungen an Institutionen oder Kunstschaffende bewilligt. Bis Mitte der 80er-Jahre immerhin zeigte der Kanton im Rhythmus von vier Jahren seine Neuerwerbungen. Anfang der 70er-Jahres gabs sogar eine Wanderausstellung mit den wertvollsten Werken des Bestandes.

Die viele Kunst braucht Platz. Vor acht Jahren zügelte das Kunstarchiv vom naturwissenschaftlichen Trakt der Kanti in den nahegelegenen Bunker. Und auch hier wird es langsam eng. Der Kanton hütet aber seinen Schatz. Ein Verkauf von Kunstwerken kommt für Amtschef Cäsar Eberlin nicht infrage, «schon nur deshalb nicht, weil dies einen Eingriff in den privaten Kunstmarkt bedeuten würde».

Ein bis zweimal pro Woche schaut Morena Peduzzi im Keller nach dem Rechten. Bald aber löscht sie das Licht, zieht die Luftschutzbunkertüren hinter sich zu und sichert die äussere Gittertüre mit einer schweren Eisenkette. Dann wird es wieder, wie die meiste Zeit über, still und dunkel im Bunker.