Herbetswil
13 Kilometer ins Tal: Langer Schulweg führt im Thal zu einem Gerichtsfall

Wie lange darf ein Schulweg sein? Die Gemeinde Herbetswil wollte zwei Kinder zu einem fast zweistündigen Schulweg zwingen und scheiterte damit vor Gericht. Ging es nur ums Geld?

Lucien Fluri
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Für Schulkinder ein weiter Weg: Der idyllische, bei Wanderern beliebte Hinterbrandberg auf der zweiten Jurakette ob Welschenrohr/Herbetswil.

Für Schulkinder ein weiter Weg: Der idyllische, bei Wanderern beliebte Hinterbrandberg auf der zweiten Jurakette ob Welschenrohr/Herbetswil.

Lucien Fluri

Für Erst- und Zweitklässler ist das eine grosse Reise. Wenn die beiden Kinder vom Berghof Hinterbrandberg ob Welschenrohr zur Schule müssen, dann brauchen sie ein Elterntaxi. Mehr als 20 Minuten dauert die Fahrt zum nächsten Schulhaus, das unten in Welschenrohr liegt. Mehrmals täglich nimmt die junge Familie, die den Hof seit April bewirtschaftet, den Weg unter die Räder. Morgens, mittags, abends.

Zuletzt nun wurde der Schulweg gar zum Gerichtsfall. Und der Familie hätte um ein Haar ein noch weiterer Weg gedroht: Nach Herbetswil nämlich. Denn die Thaler Gemeinde hat einen juristischen Streit um den Schulweg der Kinder angezettelt.

Der Hintergrund: Zwar hat der Hinter Brandberg die Postadresse Welschenrohr. Und dort liegt auch die nächste Schule. Geografisch aber gehört der Brandberg zu Herbetswil. Dort müssten die Kinder eigentlich auch zur Schule, wenn nicht das Volksschulamt schon vor Jahrzehnten festgelegt hätte, dass Kinder vom Brandberg und von der Mieschegg in Welschenrohr unterrichtet werden. Laut Gesetz kann der Kanton den Schulbesuch in einer anderen Gemeinde nämlich gestatten, wenn der Schulweg sonst «unverhältnismässig weit, beschwerlich oder gefährlich ist».

Und das ist in diesem Fall offenbar so: Nach Herbetswil müssten die Kinder, fällt das Elterntaxi einmal aus, 6,2 Kilometer laufen und dabei rund 650 Höhenmeter überwinden. Nach Welschenrohr dagegen sind es zu Fuss «nur» 3,1 Kilometer und 490 Höhenmeter, was talwärts in einer Stunde zu bewältigen ist. «Zu weit und zu beschwerlich» sei der Weg nach Herbetswil, haben nun auch die Richter am Solothurner Verwaltungsgericht entschieden und festgesetzt, dass die Kinder weiterhin in Welschenrohr zur Schule gehen. Die Klage von Herbetswil wurde abgelehnt, auch weil der Entscheid Sache des Kantons und nicht der Gemeinde sei.

«Es geht ums Prinzip»

«Die Kinder werden mit dem Auto gebracht. Das macht keinen allzu grossen Unterschied.» Stefan Müller-Altermatt, Gemeindepräsident von Herbetswil, Nationalrat CVP

«Die Kinder werden mit dem Auto gebracht. Das macht keinen allzu grossen Unterschied.» Stefan Müller-Altermatt, Gemeindepräsident von Herbetswil, Nationalrat CVP

Bruno Kissling

Gemeindepräsident von Herbetswil ist Stefan Müller-Altermatt. Der CVP-Nationalrat gilt als pragmatischer Mensch. Warum also sollen zwei kleine Schulkinder einen noch längeren Schulweg haben? Darum gehe es nicht, sagt der CVP-Nationalrat. Schliesslich würden die Kinder mit dem Auto gebracht – und da mache es gerade mal zwei Minuten Unterschied, ob man nun nach Herbetswil oder nach Welschenrohr fahre. «Wir wollten ein Grundsatzurteil», begründet Müller-Altermatt den Gang vor Gericht. Denn dass die Kinder nach Welschenrohr zur Schule gingen, sei 1984 unter ganz anderen Voraussetzungen entschieden worden. Der Kanton subventionierte damals die Lehrerlöhne in den Gemeinden. Und ob es ein Kind mehr oder weniger in der Klasse hatte, spielte keine Rolle. Das Geld floss für den Lehrer.

2015 aber trat der neue kantonale Finanzausgleich in Kraft. Seither subventioniert der Kanton nicht mehr die Lehrerlöhne, sondern zahlt den Gemeinden pro Schüler eine Pauschale. Das sind je nach Alter für Primarschüler zwischen 8900 und 9500 Franken pro Jahr. Seither macht es für die Gemeinden tatsächlich einen Unterschied, ob ein Kind mehr oder weniger in der Klasse sitzt. «Das Geld verlieren wir, wenn die Kinder in Welschenrohr zur Schule gehen», sagt Müller-Altermatt. So oder so ist die Schule in den vergangenen Jahren zu einem immer grösseren Posten im Budget der kleinen Gemeinde geworden.

In Herbetswil befürchtet man zudem, dass Welschenrohr finanziell profitieren werde, «weil sie nicht die ganze Schülergeldpauschale benötigen, um die Kosten für die Kinder zu decken», wie es im Verwaltungsgerichtsurteil heisst. Demgegenüber müsste Herbetswil für allfällige Sonderschulungsmassnahmen aufkommen – ein Präjudiz, das man «für künftige Kinder aus anderen Berghöfen» nicht zulassen wollte. Nun will Herbetswil das Urteil zwar nicht weiterziehen. Gemeindepräsident Müller-Altermatt aber fände eine Anpassung des Gesetzes trotzdem prüfenswert, weil er das alte System nicht mehr für fair hält. Fraglich ist, ob die Solothurner Politik dazu bereit wäre. Pro Jahr werden laut dem Volksschulamt aufgrund des Schulwegs gerade einmal zwei bis drei Schulbesuche ausserhalb der zuständigen Gemeinde verfügt.

Wo ist der längste Schulweg im Kanton?

Wie lange der längste Schulweg im Kanton ist, dazu hat man beim Volksschulamt keine Daten. «Wir vermuten ihn aber im Guldental oder vom Brunnersberg her», sagt Yolanda Klaus, stellvertretende Chefin des Volksschulamtes.
Ob der längste Schulweg tatsächlich wie vermutet in Mümliswil-Ramiswil liegt, lässt sich kaum eruieren. Klar ist aber: Als flächenmässig grösste Gemeinde des Kantons mit zahlreichen Berghöfen ist die Kommune in Sachen Schulweg besonders gefordert.

Dazu kann Schulleiterin Cécile Kamer einiges erzählen. «Im Moment haben die Kinder vom Erzberg bei uns den längsten Schulweg», sagt sie. Und dieser ist tatsächlich nicht ohne: 11,7 Kilometer Fahrstrecke und 19 Minuten Autofahrt zeigt map.search für den Weg vom Hinter Erzberg nach Mümliswil an. Zwei Kinder bestreiten ihn täglich. Laufen allerdings müssen sie nicht. Denn Mümliswil-Ramiswil hat aufgrund der zahlreichen Berghöfe einen Schülertransport eingerichtet. Kindergartenkinder und Erstklässler werden vom Transporter direkt zum Schulhaus gebracht, die älteren Schüler werden je nachdem bis zum Bus in Ramiswil gefahren. Nicht alle Höfe fährt der Bus jedoch an, manchmal müssen die Eltern die Kinder auch zu Sammelpunkten bringen. «Sonst ginge es zeitlich nicht auf», sagt Schulleiterin Kamer.

Doch mit dem Schulbus ist die Schulwegorganisation in Mümliswil-Ramiswil noch längst nicht erledigt. Denn dieser kann gar nicht alle Höfe anfahren. So bestehen bei anderen Höfen wiederum detaillierte Pläne, wann welche Eltern die Kinder mit dem Privatauto zur Schule fahren. Sie erhalten dafür eine Entschädigung. Und zusätzlich organisiert die Gemeinde auch noch öV-Abos für Schüler, die aufgrund zu langer Wege nicht zu Fuss zum Unterricht kommen können. Bezahlt werden Bus, Fahrspesen für Eltern und öV-Abos letztlich grossteils vom Kanton. Bald wird die Mümliswiler Organisation wohl noch etwas aufwendiger – weil im Sommer auf dem Schelten die Gesamtschule geschlossen wird. Nach Laupersdorf zur Schule gehen übrigens – mit dem Schulbus – heute die Kinder, die früher in der inzwischen geschlossenen Bergschule Brunnersberg unterrichtet wurden.

Kanton zahlt ab 2,5 Kilometern

Wie lange darf ein Schulweg denn sein? Generell gilt im Kanton: Bis zu 2,5 Kilometer pro Weg sieht man als zumutbar an für die Primarschüler (bzw. 5 Kilometer mit dem Velo für Oberstufenschüler). Je nach Höhendifferenz oder Gefährlichkeit des Schulweges wird davon abgewichen. Ist der Weg länger, dann springt der Kanton ein und zahlt das öV-Abo, einen Schultransporter oder Abgeltungen an Eltern. Dass Eltern fahren müssen, soll laut dem zuständigen Amt für Verkehr und Tiefbau aber auch bei langen Schulwegen die Ausnahme sein. Es kommt aber vor allem bei abgelegenen Jurahöfen vor. Organisieren und koordinieren müssen die Transporte die Schulen vor Ort.

Dass die Organisation der Transporte für die betroffenen Familien nicht immer ganz einfach ist, zeigte 2012 der Fall der Althüsli-Pächter ob Selzach. Dort fuhr der damals 15-jährige Sohn jeweils morgens mit seinen vier Geschwistern im auf 30 km/h limitierten Jeep zur rund 12 km entfernten Schule nach Selzach. Schliesslich hatte er die Traktorprüfung und war überzeugt, mit grüner Landwirtschaftsnummer fahren zu dürfen. Die Polizei allerdings verzeigte ihn daraufhin, weil er die Nummer nur zu landwirtschaftlichen Fahrten nutzen dürfe, nicht aber für die Personenbeförderung.

Ist der längste Weg in Grenchen?

Nicht nur Berggemeinden, auch Städte können mit langen Schulwegen konfrontiert sein. Das zeigt Grenchen mit dem Weiler Staad an der Aare. Von dort werden die Kinder aktuell mit einem Taxi zur Schule gebracht. «Wir klären dies jedes Jahr neu», sagt Schulverwalterin Maya Karlen. In früheren Jahren haben auch schon Eltern die Kinder gebracht, was bei berufstätigen Paaren aber nicht immer möglich ist.

Vielleicht befindet sich der längste Schulweg sogar in der Uhrenstadt. «Wir haben in den vergangenen Jahren immer Kinder von den Berghöfen gehabt», sagt Schulverwalterin Karlen. Auch aktuell pendeln Kinder vom Grenchenberg in die Stadt runter. Sie werden von den Eltern gebracht. Die Distanz auf der Strasse vom Obergrenchenberg ins Stadtzentrum: Rund 13 Kilometer und 34 Fahrminuten zeigt map.search.ch an. Und das ist bei guten Strassenverhältnissen. Wehe, wenn Schnee liegt.

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