Für Erst- und Zweitklässler ist das eine grosse Reise. Wenn die beiden Kinder vom Berghof Hinterbrandberg ob Welschenrohr zur Schule müssen, dann brauchen sie ein Elterntaxi. Mehr als 20 Minuten dauert die Fahrt zum nächsten Schulhaus, das unten in Welschenrohr liegt. Mehrmals täglich nimmt die junge Familie, die den Hof seit April bewirtschaftet, den Weg unter die Räder. Morgens, mittags, abends.

Zuletzt nun wurde der Schulweg gar zum Gerichtsfall. Und der Familie hätte um ein Haar ein noch weiterer Weg gedroht: Nach Herbetswil nämlich. Denn die Thaler Gemeinde hat einen juristischen Streit um den Schulweg der Kinder angezettelt.

Der Hintergrund: Zwar hat der Hinter Brandberg die Postadresse Welschenrohr. Und dort liegt auch die nächste Schule. Geografisch aber gehört der Brandberg zu Herbetswil. Dort müssten die Kinder eigentlich auch zur Schule, wenn nicht das Volksschulamt schon vor Jahrzehnten festgelegt hätte, dass Kinder vom Brandberg und von der Mieschegg in Welschenrohr unterrichtet werden. Laut Gesetz kann der Kanton den Schulbesuch in einer anderen Gemeinde nämlich gestatten, wenn der Schulweg sonst «unverhältnismässig weit, beschwerlich oder gefährlich ist».

Und das ist in diesem Fall offenbar so: Nach Herbetswil müssten die Kinder, fällt das Elterntaxi einmal aus, 6,2 Kilometer laufen und dabei rund 650 Höhenmeter überwinden. Nach Welschenrohr dagegen sind es zu Fuss «nur» 3,1 Kilometer und 490 Höhenmeter, was talwärts in einer Stunde zu bewältigen ist. «Zu weit und zu beschwerlich» sei der Weg nach Herbetswil, haben nun auch die Richter am Solothurner Verwaltungsgericht entschieden und festgesetzt, dass die Kinder weiterhin in Welschenrohr zur Schule gehen. Die Klage von Herbetswil wurde abgelehnt, auch weil der Entscheid Sache des Kantons und nicht der Gemeinde sei.

«Es geht ums Prinzip»

Gemeindepräsident von Herbetswil ist Stefan Müller-Altermatt. Der CVP-Nationalrat gilt als pragmatischer Mensch. Warum also sollen zwei kleine Schulkinder einen noch längeren Schulweg haben? Darum gehe es nicht, sagt der CVP-Nationalrat. Schliesslich würden die Kinder mit dem Auto gebracht – und da mache es gerade mal zwei Minuten Unterschied, ob man nun nach Herbetswil oder nach Welschenrohr fahre. «Wir wollten ein Grundsatzurteil», begründet Müller-Altermatt den Gang vor Gericht. Denn dass die Kinder nach Welschenrohr zur Schule gingen, sei 1984 unter ganz anderen Voraussetzungen entschieden worden. Der Kanton subventionierte damals die Lehrerlöhne in den Gemeinden. Und ob es ein Kind mehr oder weniger in der Klasse hatte, spielte keine Rolle. Das Geld floss für den Lehrer.

2015 aber trat der neue kantonale Finanzausgleich in Kraft. Seither subventioniert der Kanton nicht mehr die Lehrerlöhne, sondern zahlt den Gemeinden pro Schüler eine Pauschale. Das sind je nach Alter für Primarschüler zwischen 8900 und 9500 Franken pro Jahr. Seither macht es für die Gemeinden tatsächlich einen Unterschied, ob ein Kind mehr oder weniger in der Klasse sitzt. «Das Geld verlieren wir, wenn die Kinder in Welschenrohr zur Schule gehen», sagt Müller-Altermatt. So oder so ist die Schule in den vergangenen Jahren zu einem immer grösseren Posten im Budget der kleinen Gemeinde geworden.

In Herbetswil befürchtet man zudem, dass Welschenrohr finanziell profitieren werde, «weil sie nicht die ganze Schülergeldpauschale benötigen, um die Kosten für die Kinder zu decken», wie es im Verwaltungsgerichtsurteil heisst. Demgegenüber müsste Herbetswil für allfällige Sonderschulungsmassnahmen aufkommen – ein Präjudiz, das man «für künftige Kinder aus anderen Berghöfen» nicht zulassen wollte. Nun will Herbetswil das Urteil zwar nicht weiterziehen. Gemeindepräsident Müller-Altermatt aber fände eine Anpassung des Gesetzes trotzdem prüfenswert, weil er das alte System nicht mehr für fair hält. Fraglich ist, ob die Solothurner Politik dazu bereit wäre. Pro Jahr werden laut dem Volksschulamt aufgrund des Schulwegs gerade einmal zwei bis drei Schulbesuche ausserhalb der zuständigen Gemeinde verfügt.