Gerlafingen

120 Tonnen schwer, 2,5 Millionen Franken teuer: Das Stahlwerk hat einen neuen Ofen

12 Jahre war der Schmelzofen im Stahlwerk in Gerlafingen in Betrieb. Nun wurde er ersetzt. Der neue Ofen, eine 2,5 Millionen Franken teure Massanfertigung, hätte am Montagmorgen in Betrieb genommen werden sollen. Nach einigen Startschwierigkeiten gelang dies schliesslich auch. 80 Tonnen Stahlschrott werden hier nun alle 45 Minuten eingeschmolzen.

Wieso, weiss ich nicht. Aber wenn ich Solothurner Industrie höre, denke ich an die ETA. An Synthes, oder an Striker. An Zahnräder denke ich dann, an millimetergenaue Feinstarbeit unter Mikroskopen. An gewaltige Hallen, Kräne, die tonnenschweres Material herumwuchten, Lärm und Schmutz eher weniger. Und doch gibt es diese Industrie im Kanton. Etwa in Gerlafingen, direkt hinter dem Bahnhof. Auf tausenden Quadratmetern reiht sich dort Halle an Halle der Stahl Gerlafingen. Fast die Hälfte allen Stahlschrotts aus der Schweiz landet hier, und fast die Hälfte allen Baustahls der Schweiz entsteht hier. 700'000 Tonnen im Jahr, das Gelände verschlingt so viel Strom wie die Stadt St. Gallen.

Die Fabriken in Gerlafingen schlafen nie. 24 Stunden am Tag gehen die 500 Arbeiter ihren Aufgaben nach. Gestern Montag, kurz vor sechs Uhr morgens, ist in der Stahlfabrik allerdings besonders viel los. Nach dreiwöchiger Sommerrevision soll die Produktion wieder aufgenommen werden. Und zwar mit einem brandneuen Schmelzofen. Einer Spezialanfertigung, 120 Tonnen schwer, 2,5 Millionen Franken teuer. 80 Tonnen Stahlschrott schmilzt er dreiviertelstündlich bei 1600 Grad ein. Zu Duzenden stehen orangegekleidete Arbeiter um den Ofen herum. Um Punkt sechs soll es losgehen.

71 Fremdfirmen zur Unterstützung

Monate der Planung gingen diesem Moment voran. Dass der alte Ofen ersetzt werden musste, war schon vor über einem Jahr klar. »Wir hatten den Punkt erreicht, an dem er durchgealtert war», erklärt Stahlwerksleiter Thomas Demsky. Zehn bis zwölf Jahre beträgt die Lebensdauer so eines Ofens. Im Dezember wurden die letzten Verträge unterzeichnet, in den vergangenen drei Wochen wurde der alte Ofen ab- und der neue aufgebaut. Zusätzlich zu den eigenen Leuten waren insgesamt 71 Fremdfirmen auf dem Gelände und haben sämtliche Fabriken auf den neusten Stand gebracht. «All die Leute miteinander zu koordinieren, war eine grosse Herausforderung. Hier zahlte sich die Erfahrung unserer Mitarbeiter aus», sagt Demsky. Aber auch die eigenen Mitarbeiter waren in den vergangenen Tagen zu hunderten auf Platz. «Einige davon haben die vergangenen zwei Nächte durchgearbeitet», sagt Demsky. Damit die Produktion plangemäss wieder aufgenommen werden kann.

Probleme beim Start des Ofens – am Ende läuft er aber

Kurz nach sechs läuft der Ofen noch nicht. Die Tür, aus der der geschmolzene Stahl herausfliessen soll, macht Probleme. Mitarbeiter der Firma, die diese Tür extra angefertigt haben, begeben sich auf Fehlersuche. Beobachtet und unterstützt vom Personal von Stahl Gerlafingen. Leute aus der Produktion, Mechaniker, Elektriker. Wo es nur geht, wird mit angepackt, geschweisst und geschraubt. Die Leute wissen, was sie tun. Und das müssen sie auch. Zum Beispiel die Elektriker: «Unsere Elektriker müssen alles können», sagt Demsky.

«Sie müssen Maschinen mit 50 Kilovolt ebenso bedienen können wie den kleinsten Schalter.» Und sie müssen modernste Hightech-Software ebenso im Griff haben wie Geräte aus den Achtzigern, von denen immer noch einige in Gebrauch sind. «Unsere Leute müssen sich zu helfen wissen. Dafür ist ihre Arbeit aber auch viel, viel interessanter als bei hoch spezialisierten Firmen.»

Trotzdem hat Stahl Gerlafingen Mühe, Leute zu finden. Insbesondere Elektriker und Mechaniker fehlen. «Das Problem ist die Schichtarbeit», glaubt Demsky. Viele Junge würden das nicht mehr machen wollen. Und dann gebe es auch noch Vorurteile gegenüber Stahlarbeitern. Der Job ist anstrengend, es ist laut, dreckig. «Ja das ist so», sagt Demsky. «Aber wenn die Leute einmal hier sind, wollen sie meistens nicht mehr weg. Denn hier haben sie jeden Tag eine neue Herausforderung.

Kurz nach sieben läuft der Ofen immer noch nicht. Durch ein Rohr sollte Sauerstoff zugeliefert werden. Das klappt nicht. Auch hier steht eine externe Firma dahinter. Schade, dass aus Gründen, die man nicht beeinflussen kann, der grosse Moment nicht zustande kommt: Etwa so lässt sich die Stimmung im Raum beschreiben. Die Stahlarbeiter warten weiter.
Stahlwerker. Das sei kein normaler Beruf. «Für viele unserer Leute ist das ihr Lebenselixier», sagt Demsky. Viele sind schon jahrelang mit dabei. Und die Jungen können, ja müssen sich mit einbringen, wie er weiter ausführt. Das sei ihre Möglichkeit, sich zu verwirklichen. «Sie sind stolz auf ihr Werk. Und auf ihre Leistung können sie auch stolz sein.»

Noch weitere Probleme treten an diesem Morgen mit dem Ofen auf. Alle werden sie gelöst. Kurz vor elf Uhr heisst es: Ofen ein.

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