Welche Ironie: Seit 2008 treffen sich die Schweizer Telekomanbieter, Elektrizitätswerke und Kabelnetzbetreiber regelmässig auf Schloss Waldegg in St. Niklaus, um den Ausbau des Glasfasernetzes bis in die Haushalte und damit den Kampf um die Kunden zu koordinieren. Just dort startet nun aber im Kanton Solothurn der Wettlauf um die Glasfaser-hoheit: Im März verlegt die Swisscom im Alleingang die ersten Kabel von St. Niklaus Richtung Solothurner Altstadt und in den weiter westlich gelegenen Quartieren Steingruben und Hübeli (siehe Kasten unten rechts). «Unser mittelfristiges Ziel ist, die Stadt Solothurn flächendeckend mit Glasfasern zu erschliessen», sagt Swisscom-Mediensprecher Olaf Schulze. «In anderen Gemeinden im Kanton ist zurzeit nichts geplant.»

Die Hauseigentümer in Solothurn und St. Niklaus wurden Anfang Dezember von der Swisscom kontaktiert. Das Angebot: Die Firma erschliesst das Haus von der Strasse her mit vier Glasfasern – und zwar gratis. Die Swisscom rechnet damit, dass über 90 Prozent der Hauseigentümer den Vertrag (mit einer Mindestlaufzeit von 20 Jahren) unterschreiben werden. Bei einem Mehrfamilienhaus übernimmt die Firma die Kosten für einen Anschluss bis in jede Wohnung. Die Verkabelung innerhalb des Hauses bzw. der Wohnung ist jedoch Sache des Eigentümers. Und wenn er dem Vertrag jetzt nicht zustimmt? «Wir können nicht garantieren, dass wir die Erschliessung der Häuser in ein paar Jahren ebenfalls kostenfrei offerieren können», betont Swisscom-Sprecher Schulze.

Jeder verhandelt mit jedem

Im Gegensatz zu anderen Städten verlegt die Swisscom die Glasfaserkabel in Solothurn vorerst allein – die Verhandlungen mit dem lokalen Elektrizitätsanbieter Regio Energie sind nicht zum Abschluss gekommen (siehe Artikel unten).

Die Swisscom hat nun also die Nase gegenüber ihren Mitstreitern vorn. Nicht nur, weil sie in den einkommensstarken Quartieren der Stadt alle vier Glasfasern besitzt und künftig anderen Anbietern von TV-, Internet- oder Telefonprodukten verkaufen oder vermieten kann. In einem zweiten Schritt lassen sich neue Kunden akquirieren, indem das Swisscom-Kombi-Produkt «Vivo Casa» (Digital-TV, Internet und Festnetz) dank mehr Bandbreite attraktiver wird. Damit setzt sie den wichtigsten regionalen Konkurrenten auf diesem Gebiet, die GA Weissenstein (GAW), unter Zugzwang. Die sechstgrösste Kabelnetzbetreiberin der Schweiz wäre an sich im Vorteil, weil sie bereits leistungsfähige TV-Kabel in jedes Haus besitzt. Doch auch sie plant seit drei Jahren, die 1974 erstellten Hausanschlüsse mit Glasfasern zu erneuern. Jetzt ist ihr die Swisscom zumindest im attraktiven Zentrum Solothurn zuvorgekommen.

Die GAW hat deshalb über die Festtage Inserate geschaltet, in der sie die Bewohner von Solothurn und St. Niklaus informierte, dass auch sie ein Glaserfasernetz plant. «Wir müssen jetzt nicht in Hektik ausbrechen, sondern unsere Planung gezielt fortsetzen», sagt Marcel Eheim, Geschäftsführer der GAW. Grundsätzlich gibt es für den Kabelnetzbetreiber drei Möglichkeiten: selber ein Glasfasernetz bauen; zusammen mit einem Elektrizitätsunternehmen oder der Swisscom bauen; Glasfasern mieten. «Die Verhandlungen sind mit allen Seiten angelaufen», berichtet Eheim. «Wir sind offen für alle Kooperationsformen. Ziel ist es, Synergien zu nutzen und ein ‹hintereinander Nachgraben› zu verhindern.»

GAW will auch auf dem Land bauen

Falls die GAW allein baut, rechnet sie heute mit Investitionen von 80 Mio. Franken und einer Bauzeit von zehn Jahren. Sie würde dann ihr gesamtes Einzugsgebiet (34 Gemeinden in der Region Solothurn) erschliessen. Wobei sie bereits jetzt Glasfaserkabel besitzt, die von der Kopfstation in Zuchwil in die Gemeinden reichen. «Wir müssten dann noch das Netz in den Gemeinden bauen und die Häuser erschliessen», erklärt Eheim. Ob der Anschluss für die Hauseigentümer gratis sein wird wie bei der Swisscom, ist noch offen. «In Derendingen, wo wir in einem Pilotprojekt 150 Liegenschaften mit Glasfasern erschlossen haben, müssen sich die Eigentümer beteiligen.»

Der Wettlauf um die Kunden hat also begonnen. Noch hat die GAW gegenüber der Swisscom einen gewichtigen Vorteil: «Wir können den Kunden auf unseren TV-Kabeln viel mehr Bandbreite anbieten als die Swisscom», erklärt Eheim. Und das nicht nur in der Stadt Solothurn, sondern in 34 Gemeinden. «Ausserdem ist unser Multimedia-Produkt ‹All-in-One› vorteilhafter als ‹Vivo Casa›.»

Zurzeit ist völlig offen, ob und wenn ja, welche Kooperationsformen beim Bau der Glasfasern zustande kommen. Eins ist aber klar: Wer im Kanton Solothurn ausserhalb der Städte und Agglomerationen wohnt, wird noch mehrere Jahre auf einen Glasfaseranschluss warten müssen. «Auf dem Land sind die Baukosten bis zu zehn Mal höher», erklärt Swisscom-Sprecher Schulze.