Biberist
Jeder fünfte ehemalige Papieri-Mitarbeiter hat neuen Job gefunden

475 Angestellte sind von der Schliessung der Papierfabrik Biberist betroffen. Der Personalchef der «Sappi», Karl Vogel, zieht eine erste Bilanz - jeder Fünfte hat neuen Job gefunden.

Franz Schaible
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Die Mitarbeitenden der «Papieri» müssen sich neue Jobs suchen. Archiv/Felix Gerber

Die Mitarbeitenden der «Papieri» müssen sich neue Jobs suchen. Archiv/Felix Gerber

Solothurner Zeitung

«Es ist eine Herkules-Aufgabe, für möglichst viele der 475 von der Schliessung der ‹Papieri› betroffenen Angestellten einen neuen Arbeitsplatz zu finden.» Karl Vogel, Personalchef der Sappi Schweiz AG, will aber nicht schwarzmalen. Das von ihm geleitete Jobcenter – bestehend aus Spezialisten aus der internen Personalabteilung sowie Experten vom RAV, einem landesweit aktiven Personalvermittler und einer Sozialberatungsfirma – engagiere sich voll und ganz für die berufliche Zukunft der Entlassenen.

Zudem sei die Solidarität der Firmen in der Region sehr gross. Man habe rund 1200 Firmen wegen offener Stellen angeschrieben und über 360 Unternehmen hätten sich gemeldet.

Jeder Fünfte hat neue Stelle

«Aber auch wir können nicht zaubern.» Vogel weiss, wovon er spricht. Er war bereits 2001 als Personalchef der Luftfrachtfirma SR Logistics, einer Tochter der damals gegroundeten Swissair, mit Massenentlassungen konfrontiert. So könnten die gemeldeten offenen Stellen längst nicht alle mit «Papieri»-Mitarbeitenden besetzt werden. «Die beiden Parteien müssen jeweils zuerst herausfinden, ob es passt oder nicht.» Das werde nur in der Minderheit der Fall sein. Deshalb werde nun ein zweites Mailing gestartet.

Karl Vogel, Personalchef der Papierfabrik Biberist

Karl Vogel, Personalchef der Papierfabrik Biberist

Solothurner Zeitung

In einer ersten Welle haben 134 Angestellte Ende Mai ihre Kündigung erhalten, grösstenteils mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist, welche jetzt Ende August auslaufen wird. Ende Juli, als das definitive Aus der grössten Papierfabrik der Schweiz feststand, haben in einer zweiten Welle 341 Mitarbeitende den blauen Brief erhalten. Deren Kündigungsfrist wird in den allermeisten Fäl-
len Ende Oktober auslaufen. «Knapp 20 Prozent aller Entlassenen haben inzwischen alleine einen neuen Arbeitsplatz gefunden», zieht der 60-jährige Personalverantwortliche eine erste Bilanz. Und weit über ein Drittel aller Betroffenen habe bislang die Dienste des Jobcenters in Anspruch genommen.

Zum ersten Mal bewerben

Dessen Aufgabe sei es vielfach
in einem ersten Schritt, die Gekündigten mit Kursen «fit für den Arbeitsmarkt zu machen». Dazu gehört primär das Erstellen eines korrekten und aktuellen Bewerbungsdossiers. Erst danach könnten sie sich mithilfe der Stellenvermittlung auf Jobsuche begeben. Nicht wenige, die nach der Berufslehre jahrzehntelang in der «Papieri» arbeiteten, müssten sich nun erstmals in ihrem Leben bewerben, gibt Vogel zu bedenken.

Vollständige Umorientierung nötig

Ein Hauptproblem ortet der Personalfachmann in der spezialisierten beruflichen Tätigkeit auf die Papierproduktion. Eine relativ grosse Anzahl von Mitarbeitenden müsse sich vollständig umorientieren. «Sie können ihre erworbenen spezifischen Branchenkenntnisse nicht mehr ausspielen, weil es im Bereich Papierproduktion praktisch keine offenen Stellen hat.» Die wenigen, beispielsweise in den Papierfabrik Utzenstorf, seien besetzt.

«Was war, ist vorbei»

Nicht nur beruflich, sondern auch persönlich sei die Umstellung eine grosse Herausforderung für jeden Einzelnen. «Ich versuche den Berufsleuten klarzumachen, dass es mit der Papierproduktion in Biberist definitiv zu Ende ist. Was war, ist vorbei, was kommt, ist neu.» Damit hätten viele Mühe. «Für die allermeisten Betroffenen ist die Schliessung der Fabrik respektive die Kündigung eine Zäsur.»

Das Jobcenter bleibe mindestens bis Ende 2011 in Betrieb. Je nach Situation werde Anfang Dezember über eine Verlängerung entschieden. Eine Prognose abzugeben, wie viel der 475 Entlassenen bis dannzumal einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben werden, wagt Karl Vogel nicht. Das sei nicht abschätzbar. «Wir hoffen, dass es deutlich mehr als die Hälfte sein wird. Aber das ist eine Aussage ohne Garantie.»

Härtefälle nicht zu vermeiden

Und es werde zu Härtefällen kommen, auch wenn der Arbeitsmarkt in der Region momentan noch in guter Verfassung sei. Bereits seien aufkeimende Ängste vor einer weiteren Rezession vorhanden. «Wir spüren, dass etliche Firmen einen Personalstopp verfügt haben.»

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