FC Solothurn
Ist der neue FCS-Boss ein Hochstapler und Datendieb?

Im Vorfeld der Präsidentenwahl des FC Solothurn vom kommenden Donnerstag gibt es grosse Verunsicherungen.

Hans Peter Schläfli
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Solothurner Zeitung

Da löste jemand eine mittlere Lawine aus, ohne die geringste Ahnung zu haben: «Stefan Aegerter, der ehemalige Spitzen-Eishockeyspieler, wird Präsident des FC Solothurn», verkündete der FC Solothurn am 17. August in einer offiziellen Mitteilung. «Von 1981 bis 1999 spielte er Eishockey beim SC Bern, vom kleinsten Junior bis zum eisenharten Verteidiger in der Nationalliga A.»

Als langjähriger Sponsor des FC Solothurn las Olivier Mühlethaler diese Meldung in der Solothurner Zeitung – und war fassungslos. «Das ist eine masslose Übertreibung. Stefan Aegerter hat doch nie in der Nationalliga A Eishockey gespielt. Er war Junior beim SC Bern und wurde dann an ein Farmteam in die 1. Liga abgegeben.»

Unter falschen Voraussetzungen

Mühlethalers «Stadtoptik» macht beim FC Solothurn im 11i-Club mit, der allen Besitzern einer FCS-Saisonkarte 11 Prozent Rabatt gewährt, und im Stadion steht noch immer seine Bandenwerbung. Früher habe er den Junioren Leibchen und Matchbälle gespendet, sagt Mühlethaler. «Wenn man einen zukünftigen Präsidenten unter falschen Voraussetzungen präsentiert, dann stört mich das. Und ich denke, die vielen Solothurner, die sich für den FC Solothurn interessieren, sollten das wissen», begründet er seinen Schritt an die Öffentlichkeit.

Dass Aegerter nie ein grosser Eishockeyspieler war, bestätigen auch Experten: «Von einem Stefan Aegerter, der mal beim SCB spielte, hab ich definitiv nie etwas mitbekommen. Zumal er in einem Alter ist, in dem ich dies zwingend hätte mitbekommen müssen», sagt Marcel Kuchta, der seit bald 20 Jahren für diese Zeitung über Profi-Eishockey schreibt. «Ich habe diesen Namen noch nie gehört», sagt auch Willy Vögtlin, der ehemalige TK-Chef des SC Bern.

Dagegen kennt Mühlethaler Stefan Aegerter bestens. Als Inhaber der «Stadtoptik» war er lange dessen Chef. Mehr noch: Mühlethalers Frau ist Aegerters «Gotti», und er war sein Freund und beruflicher Ziehvater. «Er hätte in der ‹Stadtoptik› mein Nachfolger werden sollen», bringt Mühlethaler das frühere Verhältnis auf den Punkt. Aber Aegerter zog es vor, 2008 wenige Meter weiter zu ziehen und sein eigenes Optik-Geschäft zu eröffnen.

Strafrechtlich verurteilt

Nicht nur, dass der designierte FCS-Präsident bei seinem sportlichen Palmarès gewaltig übertrieben hat, stört Olivier Mühlethaler. Er findet, dass die Mitglieder und Fans des FC Solothurn auch wissen sollten, dass Stefan Aegerter am 8. Juli wegen Vergehens gegen das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen, bei einer Probezeit von 2 Jahren, zu einer Busse von 1000 Franken und zur Bezahlung der Verfahrenskosten verurteilt wurde.

«Stefan Aegerter kommt immer wieder mit einem blauen Auge davon und zieht den Kopf aus der Schlinge», sagt Mühlethaler. «Ich habe beim FC Solothurn sofort alle meine Sponsoring-Verpflichtungen gekündigt.»

Was war zwischen den beiden Augenoptikern vorgefallen? «Aegerter hat bei uns während langer Zeit Kontaktlinsen angepasst, das kann er sehr gut», erzählt Mühlethaler. «Als er die ‹Stadtoptik› verliess, merkte ich, dass viele Kunden nicht mehr zu uns kamen. Aber keiner fragte, ob wir ihm die über seine Augen und die Linsen gespeicherten Daten aushändigen könnten.» Das für die Vermessung des Auges benötigte High-Tech-Gerät heisst Keratograf. «Diese Daten sind sehr wertvoll, denn wenn ein Optiker ein Auge über die Jahre immer wieder vermisst, dann sieht er genau die Entwicklung, die es macht. Wir würden diese Daten höchstens dem Patienten persönlich übergeben. Nicht einmal die Krankenkasse bekäme sie von uns.»

Kundendaten «abgezügelt»

Mühlethaler merkte, dass etwas nicht stimmen konnte. Er vermutete, dass Stefan Aegerter Daten kopiert haben könnte, obwohl er sich in seiner Zeit bei der «Stadtoptik» vertraglich verpflichtet hatte, dies nicht zu tun. «Ich forderte ihn schriftlich auf, diese Kundendaten zu löschen», sagt Mühlethaler. «Er schrieb mir zurück, das sei eine infame Lüge, er habe keine Daten kopiert.»

Firmenchef Mühlethaler erstattete darauf bei der Polizei Anzeige, und es kam zu einer Anhörung. «Mein Anwalt war danach sicher, dass Aegerter keine Kundendaten mitgenommen hatte», erinnert sich Mühlethaler. «Ich dachte, die Sache sei erledigt. Aber der Staatsanwalt wollte es genau wissen. Eines Morgens schickte er die Polizei mit Computerexperten in Aegerters Geschäft, und die fanden auf seiner Keratografie die Daten von mehreren hundert meiner Kunden.»

So kam es zum Strafprozess und der erwähnten Verurteilung von Stefan Aegerter. Er habe unbefugt Arbeitsunterlagen und Untersuchungsresultate, die ihm als damaliger Arbeitnehmer der «Stadtoptik» anvertraut waren, auf seinem privaten Computer übernommen und dann auf seinen eigenen Keratografen gespeichert. «Damit verwertete er unbefugt die ihm anvertrauten Arbeitsergebnisse des Geschädigten», steht im Urteil.

Vereinsspitze reagierte nicht

«Was mich enttäuscht, ist, dass jemand, zu dem ein solches Vertrauensverhältnis bestand, so etwas macht», sagt Mühlethaler. «Er konnte dem Polizisten ruhig ins Auge schauen und sagen, er habe keine Daten mitgenommen. Dabei hatte er doch. Wenn er jetzt Präsident beim FC Solothurn wird, dann will ich nichts mehr mit dem Verein zu tun haben.»

Der FC Solothurn ist so zwischen die Fronten geraten. Nun sollen die FCS-Mitglieder am 21. Oktober an der Generalversammlung einen neuen Präsidenten wählen. Als einziger Kandidat wird von der FCS-Geschäftsleitung Stefan Aegerter vorgeschlagen. «Ich habe den FC Solothurn schriftlich orientiert, aber keine Reaktion erhalten», sagt Olivier Mühlethaler. Nicht einmal der Interneteintrag über die angebliche Eishockeykarriere sei auf seinen eingeschriebenen Brief hin gelöscht worden.

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