SP-Präsidentin Evelyn Borer stellt Ihnen folgende Frage: Der Bund gibt eine Broschüre zu den Wahlen heraus «In der Kürze liegt die Würze». Bei den Grünen wird mit keinem Wort die Atomkraft, ein Ausstieg oder Ähnliches formuliert. Warum nicht?

Iris Schelbert:Für die Broschüre ist meines Wissens allein der Bund verantwortlich. Dass der Atomausstieg bei den Grünen unterschlagen wird, zeigt ganz klar: Weder der Bund noch die grossen Parteien wollen den Atomausstieg wirklich. All die Bekenntnisse unmittelbar nach der Katastrophe in Fukushima sind Schall und Rauch. Weil aber Wahlen sind, wird etwas vorgegaukelt. Fakt ist, wir Grünen sind aus der Anti-AKW-Bewegung hervorgegangen und haben seit Jahrzehnten den Atomausstieg in unserem Programm. Daran müssen und wollen wir nichts ändern. Wir sind seit jeher überzeugt, dass die Atomenergie keine Zukunft hat.

Was tut Ihre Partei, damit die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn in den kommenden vier Jahren nicht steigt?

Wir unterstützen alle Bemühungen des Staates, wie Arbeitslosenprogramme oder das Instrument der Kurzarbeit, mit der Kollaps eines Unternehmens oft verhindert werden kann. Wichtig ist uns auch, dass Firmen vom Staat gefordert und gefördert werden, Lehrstellen zu schaffen. Absolut überzeugt sind wir davon, dass der Sektor erneuerbare Energien tausende Arbeitsplätze erhält und neue schafft. Vorausgesetzt, wir lassen den Zug in diese Richtung nicht ohne die Schweiz abfahren.

Soeben haben viele Jugendliche ihre Lehre begonnen. Wie können Sie ihnen garantieren, dass sie mit 65 eine genügend hohe AHV-Rente erhalten?

50 Jahre sind eine Ewigkeit. Ich gehe davon aus, dass die AHV als wichtigstes Sozialwerk künftig zusätzlich durch die Erbschaftssteuer gespiesen wird. Zudem werden wir Sinn und Zweck der Pensionskassen diskutieren müssen. Eine Aufhebung derer zugunsten der AHV ist für uns denkbar. Auch müssen Junge und Alte gemeinsam einen Generationenvertrag ausarbeiten.

Lena ist fünf Jahre alt und wohnt in Däniken. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie den Kühlturm des AKW Gösgen. Wird sie in 30 Jahren immer noch Wasserdampf sehen?

Ich meine, dass Lena in 30 Jahren den Kühlturm noch sehen wird. Aber: Daraus wird kein Wasserdampf mehr aufsteigen, weil das AKW nicht mehr produziert.

An den Stammtischen heisst es, es kommen zu viele Ausländer in die Schweiz, um hier zu arbeiten. Muss die Personenfreizügigkeit angepasst werden?

Nein, das ist die gewohnte Angstmacherei der SVP. Ohne die ausländischen Arbeitskräfte hätten Spitäler zu wenig Personal, Ärzte wie Pflegende, und das Gastgewerbe würde darben. Ausserdem bieten viele Branchen Jobs an, welche von weniger qualifizierten Arbeitskräften gemacht werden können und selten Schweizer machen würden. Ich denke da etwa an das Reinigungspersonal. Dort zählt nicht die schulische Ausbildung, dafür umso mehr die Leistungsbereitschaft.

Es gibt in der Schweiz Chefs, die verdienen 4 Millionen Franken pro Jahr, ihre Untergebenen bis zu 100 Mal weniger. Finden Sie das richtig?

In einer Firma darf der höchste Lohn maximal 12-mal höher sein als der niedrigste Lohn. Ich bin also für die 1:12-Initiative der Jungsozialisten. Kein Mensch muss jährlich Millionen verdienen, um gut leben zu können. Und keine noch so hohe Verantwortung rechtfertigt solche Saläre, zumal die angeblichen Verantwortungsträger bei Fehlentscheiden von ihrer Verantwortung dann meistens nichts wissen wollen.

Ihre beiden Listen sind klar auf die Wiederwahl von Nationalrätin Brigit Wyss ausgerichtet. Werden damit die 13 Listenfüller nicht vergrault?

Nein, jede Kandidatin und jeder Kandidat wusste vor der Kandidatur, dass es darum geht, die Wiederwahl von Brigit Wyss zu unterstützen. Sie macht einen hervorragenden Job. Für ihre Wiederwahl kommt es aber auf jede Stimme an. Ihr Sitz ist ein Restmandat. Holen wir ein Vollmandat, mache ich einen Freudensprung. Bleibt es bei einem Restmandat, bin ich einfach nur froh darüber. Ein zweiter Sitz ist ein eher unrealistisches Ziel.

Mit Fukushima ist der Atomausstieg brandaktuell geworden. Doch die Grünen können damit momentan nicht punkten. Weshalb?

Die Halbwertszeit des GAU in Fukushima ist im Bewusstsein der Menschen um ein Tausendfaches kleiner als dessen Schäden. Japan liegt weit weg. Kurz nach der Katastrophe wollten fast alle den Ausstieg vehement angehen. Die Atomlobbyisten der SVP und der FDP wurden aber schnell nicht müde, zu erklären, was die Japaner alles falsch machten und dass so was bei uns nicht passieren könne. Umso mehr müssen wir am Ausstieg mit unserer Initiative arbeiten, denn früher oder später werden wir recht bekommen. Wir Grünen haben aber natürlich auch andere Themen, etwa den Wirtschaftsumbau mit unserer Initiative für eine grüne Wirtschaft, die Raumplanung, die Bildung oder die Gesundheitsversorgung.

Welche Frage haben Sie an die EVP?

Im Grundlagenpapier der EVP wird als Bedrohung der freiheitlichen, demokratischen und sozialen Ordnung der «Wahn des Menschen, alle Probleme aus eigener Kraft lösen zu können» bezeichnet. Wie erklärt die EVP aus Sicht des Verursacherprinzips in Bezug auf AKW und der Endlagerung des Atommülls diesen Satz?