Der Fund des toten Säuglings diese Woche auf dem Areal der Kompostieranlage Bellach macht betroffen und ratlos. In welcher Not muss eine Frau sein, wenn sie nach neunmonatiger Schwangerschaft und Strapazen einer Geburt keinen anderen Ausweg für sich und ihr Kind findet, als es alleine zurückzulassen und dem sicheren Tod auszuliefern?

Warum ist unsere Gesellschaft nicht in der Lage, solche menschlichen Tragödien aufzufangen? Sind Adoptionsmöglichkeiten, Mutter-und-Kind-Heime, Babyklappe und Beratungsstellen nicht genug oder nicht die richtigen Anlaufstellen?

Kindstötungen oder Kindsaussetzungen hat es auch in früheren Zeiten immer wieder gegeben. Die Moralvorstellungen waren strikt, und ledige Mütter mussten die gesellschaftliche Ächtung fürchten. Ertappte man eine Frau bei der Kindstötung oder -aussetzung, wurden sie meist mit dem Tod bestraft. Ungeschoren kamen in der Regel die Väter davon, und auch heute noch wird beim Finden eines toten Neugeborenen selten nach der Verantwortung der Väter gefragt.

Solche Gedanken und die daraus entstehenden ohnmächtigen Gefühle erlebte unsere Region im Januar 2004 schon einmal. Damals besonders die Bewohner von Bettlach, ausgerechnet der Nachbargemeinde von Bellach.

Im Januar 2004 wurde im Ortsgebiet Dälwyteli von einem Hund und seiner Halterin beim Spaziergang der Körper eines Neugeborenen entdeckt. Der Säugling musste bereits einige Zeit dort gelegen haben, denn durch hungrige Wildtiere war der Körper schon ziemlich entstellt. Die Finderin alarmierte sofort die Polizei und erlitt einen Schock.

Das Medieninteresse an diesem schrecklichen Fund war sehr gross. Anderntags wurde beim Fundort eine Medienkonferenz abgehalten. Ein grosses Aufgebot von Polizisten durchsuchte daraufhin akribisch die Gegend, aber ausser einer Blutspur an einem Baum konnte nichts Aussagekräftiges gefunden werden. Die Leiche des Kindes wurde daraufhin dem gerichtsmedizinischen Institut in Bern übergeben, wo man versuchte, mehr über den Tod und die Herkunft des Kindes zu erfahren.

Nach einigen Wochen konnte man dann lediglich feststellen, dass das Kind von weisser Hautfarbe war und dass es sich um einen Jungen handelte. Ergebnislos blieb die Suche nach der Kindsmutter, eine einzige Spur – so meldete die Polizei damals – sei ergebnislos geblieben und man stelle jetzt die Ermittlungen ein.

Am 10. März 2004 wurde dann in Bettlach ein Trauergottesdienst für das Kind durchgeführt, an dem zahlreiche Bettlacher, viele Mütter auch mit kleineren Kindern, teilnahmen. Laut Gesetz musste der Säugling nämlich dort begraben werden, wo er gefunden wird. Die Urne des Kindes wurde im Gemeinschaftsgrab von Bettlach beigesetzt.

Im Fall des toten Knaben, der im Schwemmholz von Bellach gefunden wurde, ist vorerst lediglich bekannt, dass das Kind einige Zeit im Wasser gelegen hat. Somit ist aber klar, dass das Kind nicht in Bellach selbst abgelegt worden ist, sondern in den Rechen beim Flusskraftwerk Flumenthal angeschwemmt wurde. Doch wie lange der Säugling im Wasser lag und woher er angetrieben wurde, ist weiterhin unklar.