Prozess Deckeneinsturz Gretzenbach

«Ich hatte Angst zu ersticken oder zu ertrinken»

Die Aufräumarbeiten nach dem Einsturz

Deckeneinsturz in «Gretzenbach»

Die Aufräumarbeiten nach dem Einsturz

Der zweite Prozesstag zum Gretzenbacher Feuerwehr-Unglück von Ende November 2004 brachte erstmals Emotionen zum Tragen. Die drei überlebenden Feuerwehrmänner wurden befragt.

Sie schilderten eindrücklich, wie sie jenen 27. November erlebt hatten. Von zwei Seiten her hatten sie sich zum Brandherd durchgekämpft. Alle drei gaben an, beim Eintreffen am Brandort starke Rauchentwicklung festgestellt zu haben, was unter anderem den Einsatz von Luftpropellern und das Verlegen von Druckleitungen notwendig gemacht habe. Auch mussten Atemschutzgeräte eingesetzt werden, die nach rund 20 bis 25 Minuten leer waren und wieder ausgetauscht werden mussten.

Plötzlich gab es einen Riesenknall

Das Vordringen zum Brandherd wie auch der Rückzug nach draussen verliefen nach demselben Muster: Die verlegten Leitungen dienten als «Wegweiser». Zwei der drei Feuerwehrangehörigen mochten sich zudem erinnern, dass mindestens drei Fahrzeuge in Vollbrand gestanden hätten, einer sah zumindest ein brennendes Fahrzeug vor sich. Sie schilderten, wie sie unter Einsatz von Löschwasser und Löschschaum den Brand bei den Fahrzeugen eindämmten, und alle waren sich einig, dass der Brand eigentlich abgeschlossen war, als der verhängnisvolle Moment des Deckeneinsturzes eintrat. Es habe plötzlich einen Riesenknall gegeben, und danach hätten sie gemerkt, dass sie sich fast nicht mehr bewegen konnten; teilweise hatten sie auch das Bewusstsein verloren. Einer der Verschütteten schilderte die dramatischen Momente bis zu seiner Bergung, als er zunehmend Probleme mit der Atmung bekommen habe und sich auch die Stiefel langsam mit Löschwasser hätten zu füllen begonnen. «Ich hatte Angst, entweder zu ersticken oder zu ertrinken», erzählte er. Es seien quälende Momente gewesen, in denen er sich den Grundsatz «Steh still, sammle dich» in Erinnerung gerufen habe, um sich selbst zu beruhigen und nicht durchzudrehen. Ein anderer sagte aus, er habe von den kommenden vier Tagen gar nichts bewusst wahrgenommen; er war auch am schwersten verletzt worden, wie zu erfahren war. «Ich hatte abgehakt und mir gesagt: ‹Das wars›», gab er zu Protokoll.

Im Zentrum der Befragung stand zudem die Frage nach der F-60-Norm: Ein Gebäude, das wie die Gretzenbacher Tiefgarage in die Kategorie «F60» eingeteilt ist, muss einem Brand 60 Minuten lang standhalten, ohne einzustürzen. Augenscheinlich, so ergab die Befragung der Feuerwehrleute, war der Einsturz rund 75 bis 90 Minuten nach Brandausbruch erfolgt. Sie sagten im Übrigen aus, sie hätten unmittelbar zuvor keine Anzeichen eines Einsturzes bemerkt, wie dies bei einem Betongebäude üblich gewesen wäre wie zum Beispiel ungewöhnliche Geräusche oder abplatzende Betonteile. Auch sei nie eine kritische Deckentemperatur von 800 bis 1000 Grad Celsius zu verzeichnen gewesen, die eine sofortige Evakuation notwendig gemacht hätte. Eine maximale Deckentemperatur von 600 Grad sei erreicht worden, sagten alle drei aus; dies sei mit den mitgeführten Wärmebildkameras ständig überwacht worden. Sie hätten sich bis zum Moment des Einsturzes sicher gefühlt in der Tiefgarage.

Folgen bis zum heutigen Tag

Dass jener 27. November Spuren bei den drei Männern hinterlassen hat, wurde an der Verhandlung deutlich. Ein Feuerwehrmann ist bis zum heutigen Tag nicht zu 100 Prozent arbeitsfähig. Alle drei mussten sich in psychotherapeutische Behandlung begeben und leiden bis heute unter den Folgen: Angstträume, Verlustängste oder depressive Stimmungsschwankungen – dies sind nur einige der Symptome, die genannt wurden. Lediglich einer von ihnen gab an, seit etwa einem Jahr wieder Lebensmut zu empfinden. «Die Beschäftigung mit Engeln hilft mir dabei», erzählte er mit bewegter Stimme.

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