«Soll ein Psychiater, der in einer sektenhaften Gemeinschaft alternative Sichtweisen der Psychiatrie mitträgt, auf eine garantierte Anstellung im staatlichen Gesundheitswesen pochen können?», fragte Theodor Eckert, Chefredaktor der az Solothurner Zeitung, in seinem Wochenkommentar vom letzten Samstag.

Seine Gedanken rund um die Kirschblütengemeinschaft lösten eine Flut von Reaktionen aus. Duzende Leserbriefe sind bei der Redaktion eingegangen. Insbesondere Sympatisanten der Gemeinschaft - hautpsächlich die Mitglieder selbst - äusserten sich höchst betroffen und entrüstet.

«Bösartig und feige»

Samuel Widmer selbst bezeichnet den Wochenkommentar noch diplomatisch als «ein bisschen bösartig und auch ein bisschen feige». Im Übrigen würde er es sinnvoll finden, die Begriffe «therapeutischer Inzest», «Bigamie», «freie Liebe» einmal mit ihm zu klären. «Statt immer weiter Missverständnisse zu zelebrieren», wie er schreibt.

Die Mitglieder der Kirschblütengemeinschaft würden im Gegenzug den Medien gerne Einblick in ihr Leben gewähren und erklären, wie ihre Gemeinschaft aufgebaut ist.

Die eingegangenen Leserbriefe geben ein eindeutiges Bild ab. Die Zeitung würde mit solchen Berichten Unwahrheiten verbreiten, sind sich die Schreiberlinge einig. «Ihr aktueller Kommentar informiert nicht und schafft keine Klarheit», schreibt Stefan Hanke. Vielmehr verwirre er und giesse durch gezielte Polemik dezent Öl ins Feuer.

Rufmord und Verleumdung

Es ist gar von Rufmord die Rede. «Die Kirschblüten beanstanden nicht Misstrauen und Gegenwind in einer ehrlichen Auseinandersetzung, sondern hinterhältiges Mobbing und Verleumdung, existenzielle Bedrohung und Ausgrenzung», schreibt Cornelia Principi Stucki.

Katherine Weidenbach, die ihre Stelle als Assistenzärztin bei den Psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler AG (soH) 2009 verloren hatte, will mit ihrem Leserbrief Klarheit schaffen. Nicht die von Eckert angesprochene «freie Liebe» habe ihr ihre Kinder «beschert», sondern die Liebe ihres Mannes, so Weidenbach. Jede andere Darstellung sei eine Unverschämtheit.

Nicht für Verwirrung sorgen

«Sind Sie wirklich der Meinung, dass ein staatlicher psychiatrischer Betrieb es sich leisten kann, Anhänger einer dermassen umstrittenen Gemeinschaft anstellen zu müssen?», fragt Lukas Meier, Co-Präsident der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Kantons Solothurn, in einem offenen Brief an Samuel Widmer.

Er bittet das Oberhaupt der Gemeinschaft zudem, sich «weiterhin möglichst still in Lüsslingen zu verhalten» und die Allgemeinheit nicht mit seiner Weltanschauung zu verwirren. Meier spricht damit die Kundgebung vom Donnerstag an, wo die Mitglieder der Kirschblütengemeinschaft in der Altstadt demonstrieren.

Dies lässt Samuel Widmer nicht auf sich sitzen. In seiner Reaktion - ebenfalls ein offener Brief - wehrt er sich gegen den Vorwurf, etwas mit der Demonstration zu tun zu haben. Ausserdem «verschanze» er sich keineswegs, sei weltweit sehr gut vernetzt. Er sehe sich nicht als Sex-Guru. «Ich habe keine Anhänger, keine Jünger, nichts Deratiges».