Raser von Schönenwerd
«Ich dachte nicht, dass er abbiegen wird»

Sie hätten kein Rennen gefahren, sagte der Unfallfahrer zum Abschluss der Befragungen im Raserprozess in Olten. «Ich habe die Gefahr nicht gesehen», begründete er de Unfall. Auch die Mutter des Opfers kam zu Wort.

Christian von Arx
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Unfallstelle in Schönenwerd

Unfallstelle in Schönenwerd

Solothurner Zeitung

Die drei Angeklagten bestritten alle, dass ihre nächtliche Fahrt von Aarau nach Schönenwerd am 8. November 2008 ein Rennen gewesen sei. Sie gaben zu, zu schnell gefahren zu sein. Dass der Abstand zeitweise nur zwei bis vier Autolängen betragen habe, räumten die beiden «Verfolger» auf Nachfragen ein.

Unglaubwürdig blieb, dass alle zwischen Wöschnau und Schönenwerd nur ein Auto überholt haben wollten. Denn die Insassen zweier überholter Autos, die unmittelbar danach zum Unfall eingangs Schönenwerd gelangten, hatten am Vortag als Zeugen ausgesagt.

«Ich sah die Gefahr nicht»

Eingangs Schönenwerd habe er das Gas losgelassen und den Audi «ausrollen» lassen wollen, sagte Agrapios. Den roten VW Golf habe er gesehen: «Ich dachte, er fahre Richtung Aarau. Ich dachte nicht, dass er abbiegen würde.» Warum er mit mindestens 101 km/h auf die Abzweigung Stiftshaldenstrasse zugefahren sei, fragte ihn der Richter. Die Antwort: «Ich habe nichts überlegt. Ich sah die Gefahr nicht.»

Am Unfallort habe er erst nach einer halben Stunde erfahren, dass jemand gestorben war. Dann sei er dort leer, ohne Gefühl, wie in einem Traum gewesen. Er habe Selbstmordgedanken gehabt. Er fürchtete sich, nach Hause zu gehen, denn er wusste nicht, wie er das Geschehene seinen Eltern erzählen sollte.

«Ich konnte der Mutter nicht ins Gesicht schauen.» Am nächsten Tag kam er als Notfall in die psychiatrische Klinik, bis heute ist er in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Später kündigte ihm der Lehrmeister die Stelle, wegen negativer Reaktionen von Kunden.

Er schäme sich für das Rasen und würde heute anders fahren, sagte er. Agrapios unternahm Versuche, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Er schrieb Briefe an die verletzte Frau im roten Golf und an die Mutter von Lorena. Mit Lorenas Bruder kam es zu einem Gespräch.

«Ein verzweifelter junger Mann»

Ulrich Wilhelm, reformierter Pfarrer von Schönenwerd, lernte den Griechen nach dem Unfall kennen als «verzweifelten jungen Mann, der alles Geschehene ungeschehen machen wollte.» Der Pfarrer, der auch die Trauerfeier für Lorena leitete, vermittelte den Entschuldigungsbrief an die Mutter. Die Medienberichterstattung habe sich massiv ausgewirkt, für die Familie von Agrapios habe Polizeischutz angefordert werden müssen. «Was die Familie im Guten tat, wurde gegen sie verwendet.» Alle Familienmitglieder seien krank geworden und ihm nach einigen Monaten um Jahre gealtert erschienen. Agrapios habe ausgeprägte Schuldgefühle, erklärte der Pfarrer.

Über die psychischen und gesundheitlichen Störungen berichtete dem Gericht die Psychiaterin, bei der Agrapios in Behandlung ist.

Die Mutter: «Man ist wie versteinert»

Der Kritik, dass im Strafprozess der Blick allein auf die Täter gerichtet ist, trug Amtsgerichtspräsident Pierino Orfei Rechnung, indem er zum Schluss Lorenas Mutter Brigitte Wittwer als Auskunftsperson zu Wort kommen liess. Die heute 46-jährige, alleinerziehende Frau fand sich nach dem Tod der Tochter plötzlich allein in der Wohnung. «Mein Leben war nicht mehr das gleiche.» Auch sie benötigt psychiatrische Hilfe. «Man ist versteinert, hat Schlafstörungen, für alles braucht man sehr viel Kraft.» Sie zog aus Schönenwerd aus, um Begegnungen mit den Rasern zu vermeiden, merkte jedoch bald, dass ihr am neuen Wohnort das Umfeld fehlte. Die Entschuldigung von Agrapios anerkannte sie als Versuch, «aber sie war sehr diplomatisch abgefasst, es war kein Schuldbekenntnis drin.» Kontaktnahmen von Agrapios’ Mutter waren für sie eher belastend. Die Medien erlebte sie als Erschwerung des Verarbeitungsprozesses. Zur Gerichtsverhandlung meinte Brigitte Wittwer: «Ich habe schon verloren, ich kann hier nichts gewinnen.»

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