Demenz

Hier gibt es viel Sicherheit und viel Raum

Beat Kobi im Sinnesgarten des Psychogeriatrischen Pflegeheimes zur Forst in Solothurn, dessen blühende Pracht Demenzkranken hilft, sich zu erinnern.

Beat Kobi im Sinnesgarten des Psychogeriatrischen Pflegeheimes zur Forst in Solothurn, dessen blühende Pracht Demenzkranken hilft, sich zu erinnern.

Beat Kobi leitet das Pflegeheim zur Forst in Solothurn, wo 30 Demenzkranke wohnen. Kobi ist ein Mensch, der sich zuallererst um die ihm anvertrauten Schützlinge sorgt - auch wenn die Betriebswirtschaft ebenso wichtig ist.

Demenz ist heute der häufigste Grund, wenn Betagte von Verwandten in ein Pflegeheim gebracht werden. Zum Krankheitsbild gehört unaufhaltsamer Abbau von Gedächtnisleistungen, des Denk-, Bewegungs- und Sprachvermögens. Im fortgeschrittenen Stadium müssen demenzkranke Menschen rund um die Uhr beaufsichtigt werden, was Angehörige äusserst belastet. Im Pflegeheim zur Forst in Solothurn sind solche Patienten gut aufgehoben, denn das «Forst» ist ein Kompetenzzentrum für die stationäre Betreuung demenzerkrankter Menschen. «Andernorts werden Betroffene zusammen mit anderen Patienten oder auf einer separaten Station betreut. Nicht so im «Forst». Hier wohnen nur Demenzkranke», erklärt Beat Kobi, der seit einem Jahr diese Institution leitet. «Wir ermöglichen ihnen ein Höchstmass an Sicherheit, aber auch ein Maximum an Raum.»

Das psychogeriatrische Pflegeheim an der unteren Sternengasse bietet dreissig Bewohnern ein Daheim und beschäftigt siebzig Mitarbeitende. Vergleicht man den Heimbetrieb mit einem KMU, so bildet die Pflege das «Kerngeschäft», von «Nebenbetrieben» wie Restaurant/Catering, Wäscherei, Hausdienste und Coachingangebote, werden zusätzliche Einnahmen generiert. Auf Beat Kobis Schreibtisch laufen alle Entscheidungsfäden zusammen. Trotzdem ist der Geschäftsleiter mehr als nur ein Manager. Obwohl die Betriebswirtschaft Priorität geniesst, ist Kobi zuallererst ein Mensch, der sich um die ihm anvertrauten Schützlinge sorgt. «Weil ich von der Pflege komme, bringe ich der besonderen Lebenssituation von Dementen viel Verständnis entgegen.»

Lehre als Textillaborant

Bevor Beat Kobi sich zum Psychiatriepfleger und später zum Heimleiter ausbildete, absolvierte er eine Lehre als Textillaborant. Von seinem Erstberuf ist die Affinität zu chemischen Lösungen geblieben. Der passionierte Fotograf entwickelt nämlich seine Schwarz-Weiss-Fotos selbst. Nochmehr liebt er Bilder, die sich bewegen. «Bevor ich in Solothurn arbeitete, besuchte ich regelmässig die Filmtage. Nur heuer habe ich es nicht geschafft ...», schmunzelt er.

Ein Ästhet, der sich an Schönen erfreut und Arbeitspausen bevorzugt, die er im wunderschön gestalteten Sinnesgarten des «Forst» verbringen kann. Ein blühendes Paradies mit Bächlein und einem Wäldchen. Die Anlage dient nicht allein der Erholung, sondern wird vor allem therapeutisch eingesetzt. «Oft hilft das Berühren einer Pflanze oder der Duft einer Blume unseren Patienten, sich zu erinnern, ein Zipfelchen früherer Fähigkeiten zu erhaschen», erläutert Beat Kobi. «Wir schützen die Demenzkranken, fördern sie mit all ihren Einschränkungen und sorgen für eine menschenwürdige Pflege», erklärt er weiter.

Die Zahl von Demenz- und Alzheimerpatienten nimmt ständig zu. Da wundert es nicht, dass für einen Platz im «Forst» Wartelisten bestehen. «Mit den bewilligten Betten und der gegenwärtigen Kapazität könnte das ‹Forst› gar nicht alle Patienten aufnehmen, die unsere spezielle Betreuung bräuchten», stellt Beat Kobi klar. Doch nicht überall werde die Qualität und Notwendigkeit dieser Institution gebührend gewürdigt und respektiert. «Wir nehmen der Gesellschaft und den Angehörigen die Sorge um diese Menschen ab. In den heutigen Familienstrukturen ist es zumeist nicht möglich, demente Angehörige vierundzwanzig Stunden pro Tag zu überwachen, für ihr leibliches Wohl und ihre Sicherheit zu garantieren.» Hier schliesse das «Forst» eine Bedarfslücke.

Doch werde es vonseiten der Politik nicht immer anerkannt. Es sei paradox, aber ein geschlossenes Haus für diese Patienten, die eine intensive Betreuung brauchen, habe eben seinen Preis. «Um eines klarzustellen, wir sind kein konventionelles Pflegeheim, sondern ein auf die spezifischen Bedürfnisse von Demenzkranken ausgerichtetes Haus.» Diese Art der Pflege sei wohl sehr zeitaufwändig, aber an den Leistungen messbar und die koste halt Geld. Dies sei bei Tarifverhandlungen zu spüren. Beat Kobi wünschte sich dabei ein partnerschaftliches Miteinander. Beat Kobi träumt von einem «Politikerzmorge» am runden Tisch, wo sich alle Verhandlungspartner austauschen könnten. «Vielleicht lässt sich dies im nächsten Jahr im Rahmen unseres 20-Jahr-Jubiläums verwirklichen», räumt er lächelnd ein.

Brisanz des Themas Alzheimer

Der Leiter des «Forst» ist sich der Komplexität des Gesundheitswesens und der Brisanz des Themas Alzheimer durchaus bewusst. «Selbstverständlich bin ich gegen eine ‹Gettoisierung› von Demenzpatienten. Aber die Erfahrung anderer Heime, in denen die Bewohnerstruktur durchmischt ist, zeigt, dass Demente oft als Störfaktor empfunden werden. Nicht so im Umfeld eines auf diese Krankheit spezialisierten Hauses.» Hier werden sie liebevoll umsorgt und ihren verbliebenen Fähigkeiten entsprechend gefördert.

Oft bekommen Pflegende von Besuchern zu hören, wie froh diese seien, dass ihre Angehörigen hier sein könnten. «Sie offenbaren dann jeweils, dass sie vor dem Heimübertritt ihrer Verwandten an Grenzen gestossen sind», so Beat Kobi. Zumindest von dieser Seite werde die Kompetenz und Fürsorge, welche das «Forst» auszeichne, geschätzt.

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