Unfall
Heikle Begegnung auf der Wiese

Wanderer und Mutterkuhherden geraten sich immer häufiger ins Gehege, nicht erst mit dem schweren Unfall vom vergangenen Wochenende. Die Situation ist vertrackt: Es gibt immer mehr Mutterkühe und auch immer mehr Wanderer.

Andreas Toggweiler
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Solothurner Zeitung

An schönen Herbsttagen wie jetzt zieht es die Wanderer in Scharen auf die Bergweiden. Doch dort ist schon besetzt. «Es ist wirklich blöd. Als Bauern wollen wir unseren Tieren vermehrt Auslauf geben und damit eine naturnahe Haltung fördern. Das wird auch vom Gesetz und von den Konsumenten verlangt. Aber gleichzeitig steigt damit auch das Konfliktpotenzial zwischen Rindvieh und Mensch», erklärt Peter Hügi (Niederbipp). Er ist Landwirtschaftslehrer am Bildungszentrum Wallierhof in Riedholz und selber Halter einer Mutterkuhherde.

Der schwere Unfall auf dem Untergrenchenberg vom letzten Samstag macht auch ihn betroffen. Eine Mutterkuh hatte einen Wanderer so schwer verletzt, dass er auch heute noch nicht ansprechbar ist (vgl. Kasten). «Mutterkühe mit kleinen Kälbern haben einen sehr starken Beschützertrieb», sagt Hügi. Dem müsse man als Wanderer unbedingt Rechnung tragen. Er empfiehlt, einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern einzuhalten. Die Kuh, die Gefahr wittert, stelle sich zwischen den Menschen und ihr Kalb. «Wenn man ein solches Verhalten beobachtet, ist Rückzug angezeigt», rät Hügi.

Die Gefährlichkeit von Kühen generell einzuschätzen, hält Hügi hingegen für kaum möglich, diese sei nicht rasseabhängig. «Sogar Ehringer Kühe können ganz zahm sein.» Anderseits gebe es eben auch bei Kühen gleicher Rasse ganz unterschiedliche Temperamente.

Plakate mit Benimmregeln

Die Problematik rund um Mutterkuhherden und Wanderer ist auch beim Verein Solothurner Wanderwege bekannt. Markierungschef Hans Küpfer empfiehlt den Landwirten, die Wanderer zu warnen. Entsprechende Plakate hat der Verein selber produzieren lassen und bringt diese zurzeit unter die Leute. Sie enthalten die wichtigsten «Benimmregeln» für Wanderer gegenüber Kühen. Etwa 20 Plakate hat Küpfer bisher verteilen können. «Die Augen offen halten gehört aber zur Pflicht jedes Wanderers», betont er.

Auf dem Grenchenberg waren übrigens Warnschilder angebracht. Carmen Hari, die Tochter des Verunfallten, glaubt aber, dass dies nicht genügt. «Kühe mit Kälbern dürfen nicht auf Weiden gehalten werden, wo Wanderwege durchführen», fordert sie.

Dies ist für Landwirte nicht immer machbar, denn um zur Tränke zu gelangen, müssten sich die Tiere frei bewegen können, meint etwa Beat Wüthrich vom Berghof Tiefmatt, ebenfalls in den Grenchenbergen gelegen. Er fordert mehr Rücksichtnahme von Wanderern. Es sei sogar schon vorgekommen, dass seine Warnschilder gestohlen worden seien, erzählt Wüthrich empört.

Wege müssen begehbar bleiben

Die Wanderwege zu verlegen, ist ebenso schwierig. «Die Wege müssen für die Öffentlichkeit begehbar bleiben und ihr Verlauf kann nicht willkürlich geändert werden, auch wenn Bauern das immer wieder fordern», erklärt Hans Küpfer dazu. Abgesehen davon, dass dann auch die Wanderkarten nicht mehr stimmen würden.

Heikel werde die Situation, wenn Hunde ohne Leine die Wanderer begleiten, erklärt Gottfried Ruch, Präsident der Alpgenossenschaft Ahorn in Eriswil. Mit den 90 Rindern, die die Genossenschaft im Napfgebiet sömmert, sei aber zum Glück bisher noch nie etwa passiert, erklärt Ruch. Rinder und Wanderer seien bisher gut aneinander vorbeigekommen. Konflikte mit der Mutterkuhherde seien aber durchaus vorstellbar. Deshalb halte man diese dort, wo wenig Wanderer vorbeikommen.